14.08.2006 · Vier Tage nach dem Terroralarm in Großbritannien herrschen auf den Großflughäfen der Hauptstadt immer noch chaotische Zustände. British Airways und Ryanair werfen deshalb dem Flughafenbetreiber BAA Unfähigkeit vor.
Vier Tage nach dem Terroralarm in Großbritannien herrschen auf den meisten der fünf Großflughäfen der Hauptstadt immer noch chaotische Zustände. Wegen der verschärften Sicherheitskontrollen verzögert sich seit Wochenbeginn die Passagierabfertigung: Allein in London-Heathrow, dem größten Flughafen-Drehkreuz Europas, mußten am Montag bis zu ein Drittel aller Flüge gestrichen werden.
Marktführer British Airways (BA), der in Heathrow die mit Abstand meisten Start- und Landerechte (Slots) besitzt, teilte am Montag mit, daß 39 seiner täglichen 202 Kurzstreckenflüge gestrichen werden. Auf den viel lukrativeren Transatlantikstrecken, die der Gesellschaft 60 Prozent des Konzerngewinns einfliegen, nahm BA indessen nur 5 der insgesamt 76 Routen pro Tag aus dem Programm. Zu ähnlichen Kürzungen des Flugplans, wenn auch in geringerem Umfang, sahen sich auch die Konkurrenten Virgin Atlantic und British Midland, der Kooperationspartner der Deutschen Lufthansa, gezwungen.
Sicherheits-Warnstufe gesenkt
An diesen Abstrichen änderte auch die Tatsache nichts, daß der britische Innenminister John Reid am Montag die landesweite Sicherheits-Warnstufe von "kritisch" auf nunmehr "ernst" senkte. Danach ist in Großbritannien die Möglichkeit eines Terroranschlags zwar immer noch sehr wahrscheinlich, aber ein Attentat steht nach Ansicht der Behörden nicht unmittelbar bevor.
BA-Chef Willie Walsh begründete die Flugplankürzungen seiner Gesellschaft mit den verschärften Sicherheitskontrollen, die im Nachgang des Terroralarms in der vergangenen Woche eingeführt wurden. Gleichzeitig ging er mit dem Flughafenbetreiber British Airport Authority (BAA), der Regie auf den sieben inländischen Flughäfen führt und damit für die Abfertigung der Passagiere zuständig ist, hart ins Gericht: Walsh warf dem Management von BAA "Unfähigkeit" vor, auf die veränderten Sicherheitsumstände angemessen zu reagieren und beispielsweise Personal vor Ort rasch aufzustocken.
"Jeder professionelle Anbieter im internationalen Luftfahrtgeschäft verfügt in diesen unsicheren Zeiten über ein internes Notfall-Konzept. Bei BAA scheinen solche Vorkehrungen zu fehlen", sagte Walsh dem britischen Sender BBC am Wochenende.
Auf die harsche Kritik des BA-Chefs reagierte die Führung von BAA vergrätzt. Tony Douglas, der für London-Heathrow zuständige Manager, soll Walsh wegen der öffentlichen Anwürfe "in einem lautstark geführten Gespräch" zur Rede gestellt haben, berichten Mitarbeiter der britischen Gesellschaft. Gleichzeitig drohte Douglas in einem internen Rundschreiben den Vertretern der Fluglinien damit, daß im Fall des Nichtbefolgens der neuen Sicherheitsregeln jeder Anbieter mit einem kompletten Flugverbot bestraft werde.
Flughafenbetreiber in der Neuorientierung
Fondsmanager im Londoner Bankenviertel bezeichnen diese Reaktion als überzogen und erklären die Nervosität der BAA mit dem Umstand, daß sich der Konzern mitten in einer Neuorientierung durch den kürzlich vollzogenen Eigentümerwechsel befände. Nach monatelangem Bieterkampf wurde der - nach Börsenwert - größte Flughafenbetreiber der Welt im Juni vom spanischen Baukonzern Ferrovial für fast 15 Milliarden Euro übernommen. Im Zuge der internen Neuausrichtung der BAA verließen der langjährige Vorstandschef Mike Clasper sowie weitere Führungskräfte den Konzern.
Luftfahrtfachleute merken zudem an, daß der Flughafen in London-Heathrow, auf dem gegenwärtig mehr als 60 Millionen Passagiere pro Jahr an insgesamt vier Terminals abgefertigt werden, ohnehin seit Jahren an der Grenze seiner Kapazität operiere. "Jede Störung im Betriebsablauf führt über eine Art Kettenreaktion zwangsläufig zu massiven Verzögerungen", zeigt ein Unternehmensberater in London die Konsequenzen auf.
Umsatzausfall in zweistelliger Millionenhöhe bei BA
Auch in der Chefetage von BA ist jetzt die Nervosität groß. Im Nachgang des Terroralarms am vergangenen Donnerstag mußte der britische Marktführer insgesamt 900 Flugverbindungen nach Übersee und innerhalb Europas streichen - das entspricht rund einem Drittel des gesamten Angebots und dürfte mit einem Umsatzausfall in zweistelliger Millionenhöhe zu Buche schlagen, schätzen Analysten. Hält der Druck zu weiteren Einschnitten im Streckennetz und damit auch der Druck auf Umsatz und Ergebnis an, fürchtet BA-Chef Walsh um die Früchte seiner Sanierung.
Um im Wettbewerb mit preisaggressiven Anbietern wie Ryanair oder Easy-Jet zu bestehen, verordnete der 44 Jahre alte Konzernchef einen strikten Sparkurs und den Ausbau der lukrativen Transatlantik-Routen. Damit will er die operative Umsatzrendite von BA bis spätestens März 2008 von heute 8,3 Prozent auf 10 Prozent hieven.
„Londoner Flughäfen am Rand des Zusammenbruchs“
Auch Ryanair-Chef Michael O'Leary fürchtet fatale Folgen für sein Geschäft, falls die Engpässe bei den Sicherheitskontrollen anhalten: "Die verschärften Auflagen der Behörden beförderten die Londoner Flughäfen an den Rand des Zusammenbruchs." Falls es die britische Regierung mit der Sicherheit wirklich ernst meine, so die Forderung O'Learys, müßten zusätzliche Polizeikräfte oder die britische Armee für eine zügige Abfertigung der Passagiere sorgen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.383,71 | −0,75% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2452 | −0,29% |
| Rohöl Brent Crude | 104,88 $ | −1,84% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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