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Lohnentwicklung Der Zugriff des Staates versteckt sich auch in der Inflation

09.03.2006 ·  Lohnanstiege von 8 Prozent und mehr sind lange passé. Die Lohn- und Gehaltszuwächse schrumpfen. Der Staat und die Inflation zehren das Wenige auch noch auf. Ein FAZ.NET-Spezial zur Einkommens- und Lohnentwicklung.

Von Patrick Welter
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Für viele Deutsche ist es eine ungewohnte Erfahrung: Die tariflichen Lohn- und Gehaltszuwächse sind spürbar kleiner geworden. Lange vorbei sind die goldenen sechziger und die siebziger Jahre, in denen der monatliche Bruttoverdienst eines Arbeiters im produzierenden Gewerbe Westdeutschlands im Jahresdurchschnitt mit rund 8 Prozent expandierte. Doch steigt das Einkommen von vollzeitbeschäftigten Arbeitern noch immer, 2005 gesamtdeutsch um 1,4 Prozent auf durchschnittlich 2542 Euro. Nur einmal in den vergangenen 45 Jahren schrumpfte das Monatseinkommen - in der Rezession von 1967.

Auch schon früher, vor allem in den inflationsgeschüttelten siebziger Jahren, kam in der Tasche der Arbeitnehmer indes weit weniger an, als es die tariflichen Lohn- und Gehaltssteigerungen - das nominale Plus - versprachen. Selbst hohe Lohnzuwächse können durch die Inflation und den staatlichen Zugriff auf die Einkommen weitgehend aufgefressen werden.

Wie aus 11,5 Prozent nur noch 3,4 Prozent werden

Besonders deutlich wurde dies Anfang der neunziger Jahre, als zum Beispiel 1992 die Tarifverdienste 11,5 Prozent zulegten. Die Gewerkschaften richteten damals die Tarifpolitik voll auf die schnelle Annäherung der Osteinkommen an das Westniveau aus. Der zu hohe Lohnanstieg trug nicht nur dazu bei, daß die Beschäftigung im Osten zusammenbrach, sondern erhöhte auch den Inflationsdruck. Real, nach Abzug der Teuerungsrate von 5,1 Prozent, und netto, nach Abzug der steigenden Sozialabgaben- und Steuerlast, blieb vom tariflichen Lohnplus gerade mal ein Anstieg von 3,4 Prozent übrig - weniger als ein Drittel.

Der zuletzt niedrige Tariflohnzuwachs gründet in der gestiegenen Arbeitslosigkeit und in Millionen von Osteuropäern, Chinesen und Indern, die durch Außenhandel ihren Wohlstand verbessern wollen. Das erhöht die Lohnkonkurrenz und schmälert die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften, wenn sie Arbeitsplätze erhalten wollen. Hinzu kommt, daß die Inflationsrate im Trend gefallen ist. Real und netto gerechnet, sind die Einkommen der Arbeitnehmer in drei der vergangenen fünf Jahre gesunken.

Großer Inflationsabschlag

Den größten Anteil am Auseinanderklaffen der Tariflohn- und der realen Nettolohnentwicklung hatte nicht, wie oft angenommen, die Lohndrift, also das Abschmelzen von übertariflichen Leistungen, um überhöhte Tariflohnsteigerungen auszugleichen. Den größten Anteil hatte auch nicht der staatliche Zugriff durch höhere Sozialversicherungsbeiträge und Steuern. Im Gegenteil, die Steuerentlastungen 2001 und 2004/05 führten dazu, daß Löhne und Gehälter netto stärker stiegen als brutto. Den größten Abschlag vom Tariflohn verursachte in den vergangenen Jahren die Inflationsentwicklung. Auch eine verhältnismäßig geringe Teuerungsrate zwischen 1 und 2 Prozent kommt die Arbeitnehmer als realer Kaufkraftverlust teuer zu stehen.

Hinter diesem realen Lohnabschlag stehen die expansive Geldpolitik, aber auch die hohen Wachstumsraten vieler Entwicklungsländer, deren Vorwärtsdrang die Nachfrage nach Energie und den Ölpreis in die Höhe getrieben hat. Ein Versuch, dieser Last durch größere Lohnsteigerungen auszuweichen, führte unweigerlich zu noch höherer Inflation. Hinter dem Inflationsabschlag versteckt sich freilich auch der Staat: So griff die Regierung 2004 mit der höheren Tabaksteuer und der Gesundheitsreform stärker auf die Einkommen zu, was sich in höherer Inflation zeigt.

Und der Staat greift zu

Die direkte staatliche Last auf der Einkommensentwicklung hat sich seit der politischen Einheit deutlich erhöht. Vom gesamten Arbeitnehmerentgelt, das die Unternehmen für die Beschäftigung aufbringen müssen, kamen 2005 als Nettolohn bei den Arbeitnehmern nur noch 53,2 Prozent an - fast vier Prozentpunkte weniger als 1991. Generell steigende Sozialversicherungsbeiträge und die Einführung der Pflegeversicherung zehrten am erwirtschafteten Einkommen. Die Sozialbeiträge sind auch maßgeblich dafür verantwortlich, daß die realen Nettoeinkommen je Arbeitnehmer von 1994 bis 1997 jahresdurchschnittlich um 2,1 Prozent sanken.

Quelle: F.A.Z., 09.03.2006, Nr. 58 / Seite 12
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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