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Lösung in der Wechselkursdebatte Übertünchte Konflikte in der G20

 ·  Im Streit um die Wechselkurse haben die Finanzminister eine feinsinnige Unterscheidung getroffen. Doch die eigentliche Gefahr der Debatte ist die Überforderung der Geldpolitik.

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© AFP Vergrößern Etwas übermüdet: Saudi Arabiens Finanzminister al-Assaf (r.) und sein Notenbankgouverneur Al-Mubarak

Im Wechselkursstreit verweigern die Finanzminister und Notenbankgouverneure der großen Industrie- und Schwellenländer (G20) sich in großer Einigkeit der platten Rhetorik des Währungskriegs. Bei ihrem Treffen in Moskau haben sie eine feinsinnige Unterscheidung getroffen. „Wettbewerblichen Abwertungen“ wollen sie entsagen. Gemeint ist damit: Eine gezielte Wechselkurspolitik, um über eine schwächere Währung den Export zu stützen, ist verpönt. (Man frage China, wie das mit dem gesteuerten Wechselkurs des Yuan-Renminbi in Übereinstimmung zu bringen ist.)

Abwertungen aber, die „nur“ aus einer expansiven Geldpolitik herrühren - und sei es ein Ankauf der Notenbanken von Anleihen in großem Stil - sind nach der Weisheit der großen Zwanzig erlaubt. Damit haben die G-20-Staaten den offenen Disput über Japans Geldpolitik und den schwelenden Konflikt über die Geldpolitik der Vereinigten Staaten nicht beigelegt, sondern übertüncht.

Abwertung bleibt Abwertung

Die Vereinigten Staaten und Japan können weiter mit gutem Gewissen und mit einigem Recht darauf verweisen, dass ihre Geldpolitik allein heimischen Zielen dient. Es geht um den verzweifelten Versuch, mit einer monetären Flutung die Konjunktur anzuschieben. Die feine Trennlinie, wann ein Land seine Währung wettbewerblich abwertet und wann eine Abwertung „normal“ ist, lässt sich indes verlässlich nicht ziehen. Ein Unterschied ist aus G-20-Sicht, dass man über Wechselkurse einfach nicht spricht, aber eine Abwertung als Nebeneffekt der lockeren Geldpolitik in Kauf nimmt. Das entspricht amerikanischem Usus und vor allem den Gepflogenheiten im Kreis der Siebenergruppe. Dass Japan in den vergangenen Wochen gegen diesen Brauch verstieß, hat die Debatte belebt und zu der Moskauer Erklärung geführt. Doch bleibt eine Abwertung eine Abwertung, wie immer man sie begründet. Deshalb ist künftiger Streit nicht aus der Welt.

Der Konflikt über die Wechselkurse ist vielschichtiger, als es das Rätselraten über Motive der Geldpolitik nahe legt. So verlockend es ist, die rasante Abwertung des Yen in den vergangenen Wochen der gelockerten Geldpolitik der Bank von Japan in die Schuhe zu schieben: Es ist nicht der einzige Grund. Zumindest zum Teil gründet die Abwertung auch darin, dass Anleger und Investoren wieder Morgenluft wittern. Die Krise im Euroraum hat sich - zumindest zeitweise - beruhigt, die Vereinigten Staaten haben die „fiskalische Klippe“ am Jahresbeginn umschifft. Im oft kurzsichtigen Fokus an den Finanzmärkten reicht das, um die Jagd nach Rendite neu zu beginnen.

Für Japan heißt das wie immer: Der Fluchtreflex, in Krisenzeiten die Sicherheit des Yen zu suchen, entfällt. Auch deshalb wertet die japanische Währung ab, ohne dass man darin eine unerwünschte Verzerrung sehen kann. Mit der gleichen Begründung hat zudem der Euro an Stärke gewonnen, was angesichts des wiedererwachten Anlegerinteresses an den Krisenländern eigentlich eine positive Entwicklung ist. Dass im Euroraum reflexhafte französische Querschüsse in Sachen Wechselkurspolitik abgewehrt werden müssen, was die unabhängige Geldpolitik der Europäischen Zentralbank beeinträchtigen würde, wirkt nur noch bizarr.

Risiko von Überhitzungen und Luftblasen

Im Umkehrschluss sind die Beschwerden aus Schwellenländern, sie seien Opfer der expansiven Geldpolitik der großen Industriestaaten, überzogen. Der Aufwertungsdruck, über den sie mehr oder weniger lauthals klagen, gründet nicht nur im Ausland, sondern auch im eigenen Versagen: Viele Schwellenländer geben immer noch reichhaltige fiskalische und monetäre Stimuli, obwohl wirtschaftlich dazu nur begrenzt Anlass besteht. Das Risiko von Überhitzungen und Luftblasen an den Finanzmärkten, das die Schwellenländer zu Recht beklagen, hat insoweit heimische Ursachen. Die Kritik an der amerikanischen und japanischen Geldpolitik dient der Ablenkung. Das gilt umso mehr, als zumindest derzeit vom Ausmaß und von der Zusammensetzung her schwer zu belegen ist, dass der Kapitalzustrom in die Schwellenländer ein ungesundes Ausmaß übersteigt.

Der Wechselkursstreit hat dennoch einen gefährlichen Hintergrund, der freilich weniger im Auf und Ab an den Devisenmärkten und in einem vermuteten Währungskrieg, sondern in der zunehmenden Vereinnahmung der großen Zentralbanken in Amerika, Europa und Japan für fiskalische Zwecke liegt. Damit steigt das Risiko, dass die Geldpolitik im berechtigten Interesse, die heimische Konjunktur anzuschieben, überzieht und die jetzt befürchteten Überhitzungen and den Finanzmärkten hervorruft.

Mexikos Notenbankgouverneur Agustín Carstens hat das Thema Wechselkurse auch in Moskau als die Warnung vor einem „perfekten Sturm“ formuliert. Dieser droht, wenn die großen Notenbanken irgendwann in der Zukunft - hoffentlich - von der expansiven Geldpolitik wieder Abstand nehmen. Dann droht den Schwellenländern ein empfindlicher Entzug von Kapital. Vorbereitet sind sie darauf nicht, auch weil es so einfach ist, mit dem Vorwurf der Währungskriege die Verantwortung auf die Industriestaaten abzuschieben.

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18.02.2013, 10:30 Uhr

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