26.04.2008 · Plötzlich ist der Hunger wieder da. In armen Ländern gibt es Unruhen, in reichen Ländern Klagen über hohe Lebensmittelpreise. Was ist passiert? Kann die Erde noch viel mehr Menschen ernähren?
Von Hendrik KafsackDie Schuldigen für die Lebensmittelkrise haben einige schnell gefunden, als sich das Europaparlament in dieser Woche mit dem Thema beschäftigte. Die „Kasino-Kapitalisten“ hätten die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben, polterte der Vorsitzende der sozialistischen Fraktion, Martin Schulz (SPD): „Es ist schockierend, wenn Banken ihren Kunden jetzt sagen, sie sollten auf die Entwicklung der Agrarmärkte zu wetten.“
Die Grünen klagten über den Biokraftstoffausbau. Tank oder Teller, das sei die Frage. Nur von einer grundlegenden Reform der Agrarpolitik in Europa sprach niemand. In Berlin wettert Agrarminister Horst Seehofer (CSU) gegen die Supermärkte, die die Preise für Milchbauern drücken. Zuvor hatte derselbe Seehofer als Verbraucherminister über steigende Milchpreise geklagt und höhere Sätze für Hartz IV verlangt. Seehofer fordert auch mehr Nutzflächen für die Bauern, obwohl die ist von der EU längst beschlossen ist. Zudem warnt er vor Subventionskürzungen, steigende Preise hin, höhere Einnahmen der deutschen Bauern her. Da wagt man kaum noch zu fragen, ob vielleicht auch die Förderpolitik des ebenso großen wie undurchsichtigen EU-Agrarmarkts ein Grund für die Krise sein könnte?
Unruhen wegen zu hoher Lebensmittelpreise
In drei dutzend Ländern der Welt hat es nach Angaben der Weltbank bisher Unruhen wegen zu hoher Lebensmittelpreise gegeben. Schon Anfang 2007 gingen die Mexikaner auf die Straße, als sich der Preis für Maismehl, die Basis für die Tortillaherstellung, innerhalb weniger Wochen verdoppelte. Die Tortilla-Krise endete erst als die Regierung einen Höchstpreis festlegte. Doch die Proteste gingen anderswo weiter. In Ägypten etwa oder Indonesien. Zuletzt protestierten die Menschen in Haiti Anfang des Monats gewaltsam gegen die hohen Preise.
Der Anstieg ist in der Tat beachtlich: Nach drei Jahrzehnten niedriger Preise werden Soja, Weizen und Mais nun schon seit drei Jahren teurer. Im Durchschnitt stiegen die Preise in den vergangenen neun Monaten um 45 Prozent. Weizen war Anfang 2008 ungefähr 80 Prozent teurer als im Vorjahr, Reis 16 Prozent. Nach dem Jahreswechsel schossen die Preise dann geradezu nach oben. Von einem „stillen Tsunami“ spricht angesichts dieser Preiswelle und der Folgen für die Entwicklungsländer Josette Sheeran von den Vereinten Nationen. Finanzminister Peter Steinbrück (SPD) warnt vor einem „Ungeheuer, das die politische Bühne betreten hat“. Selbst in den reicheren Staaten wächst die Angst vor steigenden Preisen und Lebensmittelknappheit. In den Vereinigten Staaten rationierten sogar Supermärkte nach Hamsterkäufen den Reisverkauf. Auch in Deutschland wird beklagt , dass alles teurer wird. Dabei geben Deutsche nur elf Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, so wenig wie in kaum einem anderen Land Europas.
Schlechte Ernten, hohe Nachfrage
Für die gestiegenen Lebensmittelpreise gibt es mehr als nur einen Grund. Zum einen fielen die Ernten in den vergangenen zwei Jahren in mehreren Ländern schlecht aus. So litt Australien, einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 unter Trockenheit. Die Ernte sank von 25 Millionen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch die EU hat zwei Jahre schlechter Ernten hinter sich. Die deutsche Getreideernte lag im Jahr 2007 mit 40 Millionen Tonnen knapp 9 Prozent unter dem schon schwachen Vorjahr. In der EU ernteten die Bauern 265 Millionen Tonnen, 10 Millionen weniger als erwartet. Die Lager der EU waren seit langem nicht so leer wie in diesen Tagen. Lagerte die EU 2006 noch 14 Millionen Tonnen Getreide, sind es nun noch 125 000 Tonnen.
Hinzu kommt, dass die Nachfrage auf der Welt stark gestiegen ist, wegen des Wachstums der Weltbevölkerung, vor allem aber wegen des zunehmenden Wohlstands in Asien. Dort steigt die Nachfrage nach Fleisch und Milch kräftig. Schätzungen gehen davon aus, dass der Fleischkonsum der Welt bis 2050 auf 465 Millionen Tonnen steigen wird, verglichen mit derzeit 230 Millionen Tonnen. Dafür werden große Mengen Futter benötigt. Um 1 Kilogramm Rindfleisch herzustellen, muss ein Bauer 10 Kilogramm verfüttern.
Mägen oder Tanks füllen
Auch die verstärkte Nutzung von Biokraftstoffe treibt die Preise. Ashok Gulati vom International Food Policy Research Institute ist sicher, dass der Preis für Soja auch gestiegen ist, da Landwirte in Asien und den Vereinigten Staaten Energiepflanzen statt Soja angebaut haben. „Wir können entweder Mägen oder den Tank von Autos füllen“, sagt er. Die Europaabgeordnete Rebecca Harms (Grüne) fordert deshalb, die EU müsse ihr Ziel überdenken, den Anteil von Biokraftstoff am Verbrauch bis 2020 auf 10 Prozent zu erhöhen. Die EU-Kommission hält das für Unsinn. Die EU nutze nur 2 Prozent ihres Getreides dafür, sagt Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel. Und wenn es nach 2015 die Biokraftstoffe der zweiten Generation gebe, die aus Abfall wie Stroh oder Klärschlamm hergestellt würde, gebe es ohnehin keine Konkurrenz zwischen Teller und Tank mehr.
Wie sich die Preise weiter entwickeln, ist schwer vorherzusagen. In Deutschland etwa sind die Milchpreise schon wieder gesunken. Auch Kartoffeln sind derzeit deutlich billiger als im Vorjahr. Der Preisverfall in Belgien ist so stark, dass der Wirtschaftsminister die Pommesbuden verdächtigt, sie sprächen ihre Preise ab, weil Pommes Frites nicht billiger werden. Außerdem hat die EU auf den Preisanstieg reagiert und im Herbst die Anbauflächen stark ausgeweitet. Die Bauern haben rund zwei Millionen Hektar, die sie seit Überproduktionzeiten nicht nutzen durften, in Betrieb genommen. Eine 10 Prozent höhere Ernte erwartet die Kommission deshalb. Auch in Nordamerika, Australien, Argentinien und Namibia wird mehr Weizen angebaut – zum Teil auf Baumwollfeldern, weshalb nun dieser Rohstoff teurer zu werden droht.
Die Versorgung hierzulande ist nicht gefährdet
Langfristig dürfte der Druck auf die Preise wegen des Wachstums von Wohlstand und Bevölkerung auf Welt und der Erzeugung von Biokraftstoff zunehmen. Im nächsten Jahrzehnt würden die Lebensmittelpreise bis zu 50 Prozent über dem Durchschnitt des letzten Jahrzehnts liegen, erwartet die Welternährungsorganisation FAO. Die Weltbank schätzt, dass 2030 etwa 50 Prozent mehr Getreide und 85 Prozent mehr Fleisch erzeugt werden, um die Nachfrage befriedigen zu können. Die Versorgung hierzulande ist nicht gefährdet. Europa produziert traditionell viel mehr Lebensmittel als es braucht. Deutschland erntet jährlich 48 Prozent mehr Getreide als nötig. Auch die restliche Welt müsste, da sind sich alle Fachleute einig, nicht hungern. Es gibt in Südamerika, Russland oder der Ukraine große Flächen, die sich für den Ackerbau eignen. Selbst in der EU liegen in Bulgarien Flächen brach. Allein Brasilien könnte die Anbaufläche auf der Welt um sieben Prozent erhöhen.
Wichtiger als die Ausweitung der Fläche – eventuell auf Kosten des Regenwalds – ist es, den Ertrag je Hektar zu steigern. Dafür gibt es vor allem in den Entwicklungsländern großes Potential. 1 bis 2 Tonnen Getreide je Hektar ernten die Landwirte dort im Jahr. In Europa sind es 5 bis 8 Tonnen. Deshalb, sagt EU-Entwicklungskommissar Louis Michel, wäre es auch sinnvoller, dort in die Landwirtschaft zu investieren, als – wie von Deutschland und Frankreich gefordert – in der EU. Zumal es leichter ist, den Ertrag je Hektar von 2 auf 4 Tonnen zu erhöhen als von 8 auf 10 Tonnen. Allein durch eine bessere Ausbildung ließe sich der Ertrag in den Entwicklungsländern wohl verdoppeln. Der bessere Einsatz von Düngemitteln auf den Feldern der 500 Millionen Kleinbauern auf der Welt, würde die Produktivität ebenso erhöhen, urteilt die FAO. Zudem nutzen viele Bauern bisher kaum technische Hilfsmittel.
Beitrag der Gentechnik umstritten
Umstritten ist, ob der Ausbau der Gentechnik dazu beitragen könnte, mehr zu ernten. Der deutsche Chemiekonzern BASF und der amerikanische Biotechnik-Konzern Monsanto versprechen zwar eine Maissorte, die einen 20 Prozent höheren Ertrag hat und in fünf Jahren angebaut werden kann. Bis neue ertragreiche Getreidesorten tatsächlich genutzt werden können, wird jedoch wohl noch einige Zeit vergehen – unabhängig davon, ob sie durch Züchtung oder Gentechnik entstehen. In der Regel vergehen von Idee bis Auspflanzung neuer Sorte rund 15 Jahre.
Damit in den ärmeren Ländern der Welt mehr in die Landwirtschaft investiert wird, müssen diese Länder selbst ihre Politik ändern. Statt Lebensmittel mit hohen Summen zu bezuschussen, um die Preise künstlich niedrig zu halten, sollten sie das Geld besser in die Ausbildung der Bauern und die Forschung investieren, schlagen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Weltbank vor. Weil es für die lokalen Bauern keinen Anreiz gibt, die Produktion auszuweiten, wächst die Produktivität kaum noch. In Asien etwa fiel der Produktivitätsanstieg von 2,5 Prozent im Jahr in den achtziger Jahren auf nur noch 1 Prozent seit 2000. Wäre die Produktivität in diesen Ländern so hoch wie im produktivsten asiatischen Agrarland, Thailand, müssten 218 Millionen Menschen weniger hungern, schätzt die FAO.
Die Exportbeschränkungen, mit denen viele Länder auf den Anstieg der Preise reagiert haben, verschärft die Krise noch. Nach Angaben der Weltbank haben 48 von 58 überprüften Staaten solche Exportbeschränkungen, Preiskontrollen und verschiedene Beihilfen eingeführt. Stefan Tangermann von der OECD warnt, dass die Preise durch die Umleitung des Angebots auf den heimischen Markt zwar gedrückt würden, dies aber wiederum die Landwirte davon abhalte, die Produktion auszuweiten. Dennoch hofft die asiatische Entwicklungsbank (ADB), dass die Staaten aus der Krise gelernt haben. Sie sei wie ein Weckruf gewesen, sagt ADB-Chefökonom der Bank, Ifzal Ali.
Kurswechsel in der EU und Amerika nötig
Mindestens ebenso wichtig dürfte aber ein Kurswechsel in der EU und den Vereinigten Staaten zu sein. Statt wie nun Seehofer von Abschottung und Subventionen zu reden, müsse die EU endlich ihre Märkte öffnen, fordern Nichtregierungsorganisationen und Ökonomen einhellig. Außerdem müsse die EU aufhören, ihre Landwirte jährlich mit mehr als 40 Milliarden Euro zu subventionieren und deren Überschüssen auf den Weltmarkt zu kippen. Allein dafür hat die EU zuletzt zwischen 2 und 4 Milliarden Euro im Jahr an Exportbeihilfen bezahlt. Die Zuschüsse aus Brüssel verbilligten die EU-Produkte so sehr, dass etwa im Senegal das Gemüse aus der EU billiger ist als einheimisches. „Da können die Bauern am Ort nicht mithalten und geben auf“, sagt der Foodwatch-Vorsitzende Thilo Bode. Subventionen dürften in Europa nur noch in Ausnahmefällen gezahlt werden. Zwar hat die EU seit den achtziger und neunziger Jahren, als sie den Agrarweltmarkt regelrecht überschwemmte, die Förderung umgestellt. Einen Wettbewerbsvorteil haben sie durch die Subventionen aber immer noch, sagt Jeffrey Currie von Goldman Sachs. So gesehen sei es nur fair, wenn nun die Europäer wegen der gestiegenen Nachfrage unter hohen Preisen litten, nachdem sie selbst jahrelang durch ihre Subventionspolitik Investitionen in die Landwirtschaft verhinderten.