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Veröffentlicht: 08.02.2017, 11:18 Uhr

Kommentar Die Schuld vom Lande

Harmlose Verse reichen, und maßloser Zorn gegen „Eliten“ bricht unter Bauern und Union aus. Wem aber fehlt es hier an Anstand?

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© dpa „Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist“ – mit Sprüchen wie diesem hat das Bundesumweltministerium die deutschen Bauern gegen sich aufgebracht.

Wie Mehltau legt sich ein Schleier der Dummheit über die Welt. Im Großen wie im Kleinen. Auf der Stadt wie auf dem Land. Davon zeugt in diesen Tagen dieses aberwitzige Geschehen: Umweltministerin Barbara Hendricks von der SPD stellte eine neue Kampagne über Landwirtschaft vor. Und erlebt seither eine beispiellose Welle der Empörung aus agrarischen Teilen der Union, von Bauern und ihren Funktionären. Sie warfen Hendricks Hetze, Populismus und Diffamierung vor. Die Agrarmedien – fest in der Hand der Bauernverbände – multiplizierten die Wut. Im Internet wurde alles noch schlimmer.

Jan Grossarth Folgen:

Agrarfunktionäre forderten den Rücktritt der Ministerin und meinten allen Ernstes, die Angelegenheit müsse Sache der Kanzlerin werden. Bauernpräsidenten schickten offene Briefe in Reimform, die Hendricks ohne jeden Respekt offen der Lüge bezichtigten, sie anstandslos nannten. Wem aber mangelte es hier an Anstand?

Harmlose Sprüche beschreiben unbestreitbare Probleme

Und was war überhaupt geschehen? Das Bundesumweltministerium hatte einige Plakatmotive anfertigen lassen und lässt sie im Netz verbreiten und in Städten plakatieren. Bauernregeln werden in der Optik traditionell gehäkelter Flachstücher im Sinne - unbestreitbarer - Umweltprobleme kritisch gewendet. Etwa: „Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhuhn richtig hart.“ Oder: „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.“ Oder: „Ohne Blumen auf der Wiese geht’s den Bienen richtig miese.“ Es geht also um konkurrenzlos harmlose Sprüche, die für jedes Kind verständlich sein sollen. Sie übersetzen unbestreitbare Probleme in plakatierbare Botschaften.

44673370 Gülle und andere Dünger belasten Böden und das Grundwasser mit Nitraten. Die Trinkwasseraufbereitung werde dadurch teurer, sagt das Umweltministerium. © BMUB Bilderstrecke 

Vielleicht ist es eine Form von Wahlkampf auf Staatskosten, vielleicht Geldverschwendung. Aber darum ging es nicht. Die Landwirte - zur Erinnerung: die größten Empfänger von EU-Steuergeld und die größten Profiteure der Energiewende - fühlten sich einmal wieder in ihrer Berufsehre beleidigt. Das darf man ja auch. Aber der Aufschrei kannte in Stil und Inhalt kein Maß. Auch in der Politik: Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag Gitta Connemann sprach von einem „Feldzug gegen die Landwirtschaft“, den Hendricks da führe. Agrarminister Schmidt von der CSU forderte Hendricks zur Entschuldigung auf und witterte eine „Diffamierung eines gesamten Berufsstandes“. Er blies noch kräftiger in die Trompete bäuerlicher Ressentiments: Eine „vermeintliche Meinungselite aus den Metropolen amüsiert sich auf Kosten der Menschen im ländlichen Raum“, schrieb er. Das klang dann fast selbst nach Hetze: Sie wagen es, über Euch zu lachen!

Im Ton vergriffen

Erst der Ton, den die Agrarier wählten, machte die Posse zu einem Thema – zu einem Lehrbuchstück über die Krise der öffentlichen Kommunikation und die Schamlosigkeit, Fakten nach Gutsherrenart zu ignorieren.

Vom Land aus sieht die Welt so aus: Bauern sind traditionsbewusst und gut ausgebildet. Bauern „leben und arbeiten seit Jahrtausenden mit der Natur“ - wie der südpfälzische Bauernpräsident Eberhard Hartelt in seinem Brief an Hendricks schreibt. Bauern sind Umweltschützer. Und die Welt da draußen? Diffamiert uns. Bauern seien doch fleißig, „das Maß nun endgültig voll“, zürnt Hartelt. Die Respektlosigkeit, mit der auch dieser Mann aus der dritten Funktionärsreihe die Ministerin anschrieb, bezeugt die Wut, die auf dem Land herrscht.

Der Deutsche Bauernverband sah wohl eine Chance, die unliebsame Ministerin aus dem Verkehr zu ziehen. Ihr Ministerium könne nun „nicht mehr ernst genommen werden“, urteilte Generalsekretär Bernhard Krüsken. Der rheinische Landwirtschaftsverband nannte Hendricks Plakate „Populismus“. Und im weinseligen Faschingsjargon dichtete Hartelt aus der Südpfalz weiter an Hendricks: „Als Ministerin sind Sie damit untragbar für unser Land, das ist hoffentlich nun auch der Kanzlerin bekannt. Sollten Sie auch nur über einen Funken Anstand verfügen, stoppen Sie sofort die weitere Verbreitung dieser Lügen.“

Bauern verschließen die Augen vor den wirklichen Problemen

Der rote Faden der bäuerlichen Sicht der Dinge lautet: Wir haben Stolz und Ehre – das Ministerium lügt. Im zornigen Vorwurf der Lüge entlarvt sich ein Selbstbewusstsein einer Gruppe, das dem Blick von außen nicht standhält. Nicht nur unter Bauern bilden sich Gruppen, die ihre Wahrheiten für allgemeinverbindlich halten, alles Unbequeme wegbeißen und sich in digitalen Zirkeln der Selbstbestätigung gegenseitig feiern.

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Unterdessen führt die Art und Weise der Industrialisierung der Landwirtschaft zu ungebremstem Höfesterben. Die Bauernverbände haben keine Ideen, wie sie sinnvoller ablaufen könnte. Zugleich kultivieren sie ihr stolzes Selbstbild, was mit der Realität schwer in Einklang zu bringen ist. Darin kommen nicht vor: der dramatische Artenschwund und die perverse Tierzuchtindustrie, in der das kranke Tier nicht nur eine Ausnahme ist. Auch nicht die Tatsache, dass aus Bauern Lieferanten geworden sind. Sie liefern Milch, Weizen und Schwein für kühl rechnende Handelsketten ab und haben wenig Macht für unternehmerische Gestaltung. Die Landwirtschaftslobby fokussiert auf „Eliten“ statt auf Probleme. So schafft sie alternative Fakten. Das ist bequem, aber verantwortungslos. Kein Funktionär sprach ein mäßigendes Wort.

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