Home
http://www.faz.net/-gqg-tq9m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lebensmittel Warum Bionahrung die Welt nicht besser macht

27.12.2006 ·  Drei Mythen pflegen die Menschen, wenn es um Öko-Lebensmittel geht: Bionahrung schont die Umwelt. Fairer Handel nützt armen Bauern. Und das Gemüse von nebenan ist besser als Importware. Stimmt leider alles nicht.

Von Winand von Petersdorff und Carsten Germis
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (19)

Bio boomt. Fairer Kaffee aus Nicaragua, euterwarme Milch vom Bauern nebenan, die Möhre aus dem Ökolandbau - die Deutschen wollen gesundes Essen. „Die deutschen Bauern können die Nachfrage nach Bio nicht mehr befriedigen“, berichtet die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft. 2005 ist der Umsatz von Öko-Lebensmitteln um rund 15 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro gestiegen. Für dieses Jahr erwartet der Bauernverband ein Umsatzplus von 15 Prozent.

Klingt gut. Ist es aber nicht. Indizien verdichten sich zu einem Bild, das den meist besserverdienenden Biokunden den Appetit verderben könnte und den ethisch-moralischen Überbau des guten Essens ins Bröckeln bringt. Es gibt so etwas wie einen Glaubenskern, an den ökologisch und politisch bewußte Menschen bei der Nahrungsauswahl fest glauben: Lebensmittel, die ohne künstliche Chemie erzeugt werden, sind gesünder und für die Umwelt besser. Zweitens: Der Verbrauch von Erzeugnissen vom Landwirt nebenan ist umweltschonender als der Verbrauch von Importware aus Neuseeland oder Argentinien. Und schließlich: Sogenannter Fairer Kaffee oder Fairer Kakao schützt Bauern in Südamerika, Afrika und Vietnam vor Ausbeutung und gibt der Bevölkerung eine wirtschaftliche Perspektive.

Annahmen sind einen Streit wert

Linke, Grüne, junge Mütter, alte Ökos und große Teile des Bürgertums einigen sich auf diese Vorstellung. Leider sind die Annahmen falsch oder zumindest einen Streit wert. Daß ökologisch produzierte Erzeugnisse gesünder sind als konventionell produzierte Lebensmittel, ist bisher durch keine Studie bewiesen worden. Pestizidrückstände werden zwar in höherer Konzentration in klassisch erzeugten Lebensmitteln gefunden, aber in der Regel deutlich unterhalb der Grenzwerte. Und ob diese Rückstände gefährlich sind, ist nicht belegt.

Noch schwerer wiegt ein anderes Argument gegen den ökologischen Landbau. Das hängt mit dem „Flächenverbrauch“ und der „Flächenproduktivität“ zusammen: Weil Ökolandbau auf die Anwendung von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln verzichtet, sind die Erträge deutlich geringer als beim konventionellen Landbau. Erntet ein konventioneller Landwirt auf einem Hektar etwa 70 Dezitonnen Weizen, so kommt der Ökobauer gerade auf die Hälfte.

Ökolandbau bedroht den Wald

„Der Flächenverbrauch würde weltweit 30 Prozent größer sein, wenn wir ganz auf Öko-Landbau umstiegen“, sagt Agrarwissenschaftler Michael Schmitz von der Universität Gießen. „Wir müßten die Wälder abholzen, um die Menschen ernähren zu können.“ Jetzt, da die Ware noch überwiegend konventionell erzeugt wird, vergrößern sich zumindest in den Industrieländern die Waldgebiete. Wald absorbiert Kohlendioxyd, das als Treibhausgas gilt.

Durch den internationalen Boom bei Biolebensmitteln bekommt dieses Problem eine neue Dimension. Handelsriesen wie Wal-Mart und Aldi stellen sich auf die Verbraucherwünsche ein. Weil die Nachfrage mit den Erzeugnissen vor Ort nicht mehr gedeckt werden kann, werden Biolebensmittel zunehmend importiert aus Ländern wie Brasilien zum Beispiel, wo die Ausdehnung der Landwirtschaft ohnehin schon den tropischen Regenwald bedrängt. Der Ökolandbau bedroht den Wald zusätzlich, weil er viel mehr Boden verbraucht. Umstritten ist auch, daß für den Ökolandbau weniger Energie verbraucht wird. Konventionelle nutzen Kunstdünger, dessen Produktion Energie verbraucht. Trotzdem schneidet nach Berechnung des Biochemikers Anthony Trewavas Ökolandbau nicht besser ab. Pro Tonne erzeugte Nahrung weisen die konventionellen Landwirte demnach eine besserere Energiebilanz auf.

Äpfel aus Nordafrika

Daß es nicht leicht ist, gut zu bleiben und gut zu essen, zeigt ein anderes Beispiel. Nah ist gut, lautet eine Mythos. Weshalb der bewußte Verbraucher gern den Bauern in der Ungebung aufsucht, um Obst, Gemüse, Korn direkt vom Hof zu kaufen. Verbraucher empfinden diese Ausflüge als Beitrag zum Umweltschutz, was auf den ersten Blick auch naheliegt: lieber Äpfel aus der Nähe als aus Nordafrika oder Neuseeland. Warum nicht Apfelsaft aus der örtlichen Mosterei holen statt Supermakt-Ware, für die Äpfel über Hunderte oder gar Tausende Kilometer zur Großmosterei gebracht werden? Falsch gerechnet, sagt der Gießener Professor für Haushaltstechnik, Elmar Schlich, dazu. Fruchtsäfte aus der Region, in der Region vermarktet, können unter Einbeziehung aller Transportaufwendungen pro Liter bis zu achtmal mehr Energie verbrauchen als Fruchtsäfte, deren Rohstoffe einige hundert Kilometer weit transportiert werden.

Noch schlimmer für die Umweltbilanz wird es, wenn Kunden Äpfel aus dem eigenen Garten zu einem Lohnmostbetrieb fahren und den Apfelsaft dann später auch mit dem Auto wieder abholen. „Große Betriebe, die ihre Rohstoffe über zum Teil erhebliche Strecken transportieren, können energetisch so günstig produzieren, daß Regionalität bei der Bereitstellung der untersuchten Lebensmittel kein energierelevanter Faktor sein muß“, fand Schlichs Mitarbeiterin Ulla Fleissner heraus. Alles hängt von der Betriebsgröße ab, stellt Schlich fest.

Lammfleisch aus Neuseeland

„Der energetische Aufwand, ein Kilogramm Lammfleisch aus dem Vogelsberg 50 Kilometer weit auf den Gießener Wochenmarkt zu transportieren, kann genauso groß sein wie der energetische Aufwand, dieses Kilogramm Lammfleisch aus Neuseeland hierher zu transportieren“, sagt Schlich.

Hessische Bauern müssen 2,5-mal soviel Energie aufwenden, ihre Lämmer aufzuziehen, wie ihre Konkurrenten in Neuseeland. Dort müssen die Tiere wegen des freundlich-warmen Klimas nicht im Stall gehalten werden. Futter finden die Tiere auf der Wiese.

Fair, aber teuer

Bleibt der sogenannte „faire Handel“ als Hoffnungswert der anständigen Verbraucher. In den 90er Jahren begann er mit dem Verkauf von Kaffee, der noch heute im Sortiment mit dem Transfair-Siegel das wichtigste Produkt ist. Inzwischen gehören Obst, Gemüse, Kakao und Nüsse zum fairen Angebot. Das System soll so funktionieren: Faire Produkte werden teurer verkauft als konventionelle. Der Mehrerlös kommt den Farmern in Südamerika, Afrika und Asien zugute, die nun ein Auskommen finden, das ihnen das Preisniveau für klassische Erzeugnisse nicht bot.

Wer könnte dagegen sein? Ökonomen zum Beispiel. Niedrige Preise für Kaffee sind für sie Folge der globalen Überproduktion. Die normale Entwicklung wäre, daß Farmer aus dem Markt flögen und der Preis für die überlebenden Kaffeeanbauer stiege. Fairtrade dagegen lockt neue Produzenten an, die Preise drücken. Allerdings haben Farmer möglicherweise geringe Möglichkeiten zu diversifizieren, wenn Kaffee gerade nicht gut läuft.

Nur wenig kommt beim Farmer an

Das zweite Problem ist, daß vom Mehrerlös aus Fairprodukten nur ein geringer Teil beim Farmer ankommt. Der britische Ökonom Tim Harford rechnet mit zehn Prozent. Der Rest wird vom Handel absorbiert, der damit zum Beispiel Kunden für die fairen Produkte anwirbt. In sofern könnte das „Fairtrade“-System eine ineffiziente Form der Verteilung von Zuwendungen sein.

Und schließlich ist das System starr. Individuelle Anreize, den Kaffee zu verbessern und so einen Premiumpreis herauszuholen, gibt es nicht. So ist fairer gelegentlich vorzüglich, aber längst nicht immer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.12.2006, Nr. 51 / Seite 40
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 12 24

30.05.2012 13:16 Uhr
  Vortag
Dax 6.349,21 −0,74%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.383,71 −0,75%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2452 −0,29%
Rohöl Brent Crude 104,88 $ −1,84%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Das Voting ist derzeit deaktiviert.