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Lebensmittel-Markt : Milchbauern liefern aus Protest keine Milch mehr

  • Aktualisiert am

Kaum Lieferausfälle, wiegelt die Industrie ab Bild: AP

„Wir richten uns mal auf eine Woche bis zehn Tage ein“, sagt der Vorsitzende des Verbands der Milchbauern über die geplante Dauer des Lieferstopps, der den Erzeugern „kostendeckende Preise“ bringen soll. Regional ist die Beteiligung sehr unterschiedlich.

          Milchbauern in Deutschland haben am Dienstag mit ihrem angedrohten Lieferboykott begonnen. Damit protestieren sie gegen die aus ihrer Sicht zu niedrigen Milchpreise. Wie lange keine Milch mehr geliefert werde, sei noch unklar, sagte der Vorsitzende des Verbands der Milchbauern (VDM), Romuald Schaber. Engpässe im Handel seien in den kommenden Tagen aber nicht ausgeschlossen. „Wir sind entschlossen erst dann wieder zu liefern, wenn wir die Zusage erhalten, dass kostendeckende Preise bezahlt werden“, sagte Schaber.

          Der Verband fordert von den Molkereien einen Milchpreis von 40 Cent pro Liter, statt durchschnittlich 27 Cent. Den Bauern machen auch gestiegene Energie- und Futterpreise zu schaffen. Am Montag hatte sich Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) mit den Milchbauern solidarisch erklärt. Die Forderung nach 40 Cent je Liter sei gerechtfertigt.

          „Als Unternehmer selbst entscheiden“

          Anders als Streiks von Arbeitnehmern habe eine solche Aktion weit gravierendere Folgen für die teilnehmenden Landwirte, unterstrich der Geschäftsführer des hessischhen Bauernverbands, Peter Voss-Fels in Friedrichsdorf am Taunus. Der Verband habe nicht zum Lieferboykott aufgerufen, jeder einzelne Landwirt müsse als Unternehmer selbst entscheiden. Es seien Verträge mit den Molkereien zu erfüllen, und die Betriebe verzichteten bei weiterlaufenden Kosten auf hohe Umsätze. Die Tiere müssten weiter gemolken werden, und als verderbliches Produkt müsse die Milch rasch anderweitig verwertet werden. Einen Teil könnten die Bauern an Kälber verfüttern. Für die Bauern sei es nicht einfach, das wertvolle Lebensmittel einfach wegzuschütten. „Wenn Bauern zu einem solchen drastischen Schritt bereit sind, zeigt das, wie bedrohlich die Situation ist“, sagte Voss-Fels.

          40 statt 27 Cent pro Liter ist ihr Ziel

          Sachsen schert aus

          „Lieferboykotts kommen für uns nicht infrage“, sagte dagegen der Sprecher des Sächsischen Bauernverbandes, Manfred Böhm. Die Vernichtung der Milch, die mit hohem Aufwand hergestellt werde, sei der Bevölkerung aus ethisch-moralischen Gründen nicht zu vermitteln. „Wir schütten keine Milch aufs Feld oder in den Gully.“

          „Kein Bauer kippt Milch freiwillig weg, das macht man nur, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht“, sagte Eckhard Meiners vom mecklenburg-vorpommerischen Landesverband der Deutschen Milchviehhalter. Deshalb solle sie etwa an die Kälber verfüttert werden.

          Auswirkungen noch unklar

          Nach Angaben des Milchindustrieverbands (MIV) kaum Auswirkungen auf die deutschen Molkereien. Die Lieferausfälle bewegten sich im einstelligen Prozentbereich, erklärte MIV-Sprecher Michael Brandl am Dienstag auf Anfrage in Berlin. Kaum Lieferprobleme gebe es im Norden Deutschlands. Dagegen fehle einigen baden-württembergischen Molkereien nach ersten Informationen schätzungsweise fünf bis sechs Prozent der normalerweise angelieferten Milchmenge. „Die große Welle läuft unseres Erachtens nicht“, sagte Brandl: „Es besteht keine Gefahr, dass Milchprodukte aus dem Kühlregal verschwinden könnten.“

          Bauernfunktionär Schaber sprach hingegen von einer bundesweit „überwältigenden Beteiligung“ an den Protesten, in einigen Regionen beteiligten sich rund 80 Prozent der Milchbauern. „Wir richten uns mal auf eine Woche bis zehn Tage ein“, sagte der Verbandsvorsitzende. Da Deutschland der größte Milchproduzent in Europa sei, könnten Kunden schon bald vor leeren Regalen stehen, sagte Schaber.

          In Rheinland-Pfalz seien in der Nacht einige Milchlastwagen wieder leer von den Höfen gefahren, sagte BDM-Landesvorsitzender Oliver Grommes. Die überflüssige Milch werde an Kälber verfüttert oder in die Gülle geschüttet. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wurde von Lieferstopps berichtet. In Bayern sind ebenfalls Proteste geplant.

          Einzelhandel: Verbraucher werden nichts spüren

          Dem Verband VDM gehören nach eigenen Angaben 32.000 Milchbauern an, die täglich rund 35.000 Tonnen Milch oder 45 Prozent der deutschen Milchproduktion erzeugen. Der Lieferstopp soll so lange fortgesetzt werden, bis der Milchindustrie- und der Genossenschaftsverband einlenken.

          Der Boykott sei völlig absurd, sagte der Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, Hubertus Pellengahr. Es gebe derzeit ein Überangebot an Milch, das sei auch der Grund für den derzeitigen Milchpreis. „Die Verbraucher werden nichts von dem Boykott spüren“, versicherte Pellengahr. Regionale Lücken in der Versorgung könnten schnell durch Lieferungen aus anderen Regionen gefüllt werden. Zur Not könne sich der Einzelhandel auch im Ausland mit Milch versorgen. „Dieser Boykott wird wirkungslos verpuffen“, sagte er voraus.

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