Home
http://www.faz.net/-gqg-xrvj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Lebensmittel Dioxin-Fleisch von 180 Schweinen wohl gegessen

Bislang wurde Dioxin in Eiern nachgewiesen sowie in Legehennen, die aber nicht zum Verzehr bestimmt waren. Doch die Hinweise verdichten sich, dass auch belastetes Fleisch in den Handel gelangt ist und schon verzehrt wurde. SPD-Chef Gabriel forderte die Regierung auf, das Bundeskriminalamt einzuschalten.

© REUTERS Vergrößern „Ich kann mir da nichts vorwerfen”: Ilse Aigner

Klar ist: Die mit Dioxin-Futter gefütterten 180 Schweine, die im Dezember aus Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt geliefert wurden, sind inzwischen geschlachtet worden. Ein Sprecher des Tönnies-Schlachthofs in Weißenfels sagte am Donnerstag, das Fleisch sei an weiterverarbeitende Betriebe gegangen: „Verarbeitet worden ist das Fleisch sicher. Es ist definitiv nicht mehr bei uns“. In Schweinen des Hofes war zuvor eine Dioxin-Konzentration über dem erlaubten Grenzwert festgestellt worden.

Höchstwahrscheinlich sei das Fleisch inzwischen an den Handel geliefert worden. Es sei deshalb auch davon auszugehen, dass das Fleisch schon verzehrt wurde. So könne nicht mehr überprüft werden, ob nicht nur das Futter, sondern auch das Fleisch mit Dioxin belastet war, sagte der Tönnies-Sprecher weiter. Bei 35 der 180 Tiere sei geklärt, welche Betriebe die Schweineteile aus dem Schlachthof im Burgenlandkreis erhalten hätten. Bei den anderen 145 Schweinen solle das in Kürze feststehen. In Weißenfels werden nach Angaben des Unternehmens täglich rund 16.000 Schweine geschlachtet.

Mehr zum Thema

Die Verbraucher reagieren sensibel: Der Dioxinskandal hat im Lebensmitteleinzelhandel für teilweise große Umsatzeinbußen gesorgt. Der Umsatz mit Eiern etwa sei seit Bekanntwerden des Skandals um 20 Prozent eingebrochen, sagte der Vorsitzende des Ernährungsindustrieverbandes, Jürgen Abraham, der „Bild“-Zeitung (Freitagsausgabe). Bei Schweinefleisch und Geflügel lagen die Rückgänge demnach bei jeweils zehn Prozent. In Deutschland fehlen nach seiner Einschätzung bis zu 1500 Lebensmittelkontrolleure.

Infografik / Deutschland Schwein Rind Kalb Geflügel /  Fleischverzehr © dpa Vergrößern

Grüne: Aigner muss entlassen werden

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) auf, das Bundeskriminalamt einzuschalten: „Die Futtermittelmafia ist eine Form der international operierenden Kriminalität“, sagte er dem „Tagesspiegel“.

Verbraucherschützer fordern derweil, bei der Lebensmittelkontrolle Rechte von den Ländern auf die Bundesebene zu verlagern. Der Chef der Verbraucherorganisation Foodwatch, Thilo Bode, kritisierte die Bundesregierung in der „Frankfurter Rundschau“ als „Dienstleister der Futtermittelindustrie“. Der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, sagte im Deutschlandfunk, der Staat habe sich zu sehr auf Eigenkontrollen verlassen.

Die Grünen bekräftigten die Forderung, Aigner müsse entlassen werden. Fraktionschef Jürgen Trittin sagte dem Sender NDR Info: „Eine Ministerin, die das bestehende strukturelle Problem der deutschen Landwirtschaft nicht erkennt, sondern den Dioxin-Skandal auf das kriminelle Handeln Einzelner reduziert, ist fehl am Platze.“ Fraktionschefin Renate Künast verlangte in der „Passauer Neuen Presse“ ein Reinheitsgebot für Tierfutter. Die FDP wies die Forderungen nach einem Rücktritt Aigners zurück. Sie seien „völlig unangemessen und sachlich unbegründet“, sagte der Vorsitzende des Bundestags-Agrarausschusses, Hans-Michael Goldmann (FDP).

Futterfett-Hersteller Harles und Jentzsch insolvent

Die Entschädigung der betroffenen Landwirte ist offen. „Es ist für die Bauern eine sehr schlechte Situation“, sagte eine Sprecherin des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums. Am Mittwoch hatte der Futterfett-Hersteller Harles und Jentzsch beim Amtsgericht Pinneberg in Schleswig-Holstein Antrag auf Insolvenz gestellt. Das Unternehmen steht unter dem Verdacht, vorsätzlich und systematisch Futterfette gepanscht zu haben. Das Landwirtschaftsministerium in Kiel hatte die Firma offen für den Dioxin-Skandal verantwortlich gemacht. So habe das Unternehmen viel zu spät und „unter Missachtung geltenden Rechts“ die Behörden über problematische Analyse-Ergebnisse informiert. Harles und Jentzsch wusste demnach schon im März 2010 von zu hohen Dioxin-Werten in Futterfetten, meldete dies aber nicht.

Hintergrund des Insolvenzantrags sind bereits geltend gemachte Schadenersatzansprüche, die nach Angaben des Insolvenzverwalters zu einer Zahlungsunfähigkeit von Harles und Jentzsch führen könnten. Welche Folgen der Insolvenzantrag für mögliche Entschädigungsforderungen von Bauern haben wird, war zunächst offen.

Der vorläufige Verwalter prüft nun, ob der Betrieb eingeschränkt weitergehen kann. Es werde untersucht, ob der Bereich der Nicht-Futterfette unter Aufsicht des Hamburger Rechtsanwalts Heiko Fialski fortgeführt werden könne, sagte ein Sprecher des Insolvenzrechtlers. Hierdurch könnten gegebenenfalls die Interessen der betroffenen Gläubiger und Arbeitnehmer des Unternehmens besser gewahrt werden als bei einer sofortigen Betriebsstilllegung, hieß es. Mit Futterfett darf die Firma aufgrund behördlicher Verfügungen aber nicht mehr handeln.

Japan ordnet schärfere Überwachung von Fleisch aus Deutschland an

Japan hat wegen möglicher Belastung mit Dioxin strengere Kontrollen für Eier, Geflügel- und Schweinefleisch aus Deutschland angeordnet. Unternehmen in Japan, die diese Lebensmittel oder Produkte, die daraus hergestellt werden, einführen, müssten sie überprüfen, teilte am Donnerstag das Gesundheitsministerium in Tokio mit.

Ein Importverbot sei aber nicht verhängt worden. Am Mittwoch hatte China ein solches Verbot für Schweinefleisch und Eiprodukte aus Deutschland angeordnet, auch Südkorea setzte den Import von deutschem Schweinefleisch vor einigen Tagen aus.

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Kein Partner für den Klimaschutz

Von Andreas Mihm, Berlin

Die Deutschen haben ihre Lektion gelernt: Klimaschutz steht bei ihnen an zweiter Stelle. Doch leider sind ihnen Verbündete abhanden gekommen. Mehr 31 6


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Wirtschaft in Zahlen Der Taxi-Markt konzentriert sich

Uber schreckt die Taxis auf. Die etablierten Unternehmen verteidigen ihre Pfründe – in einem Markt, der sich immer weiter konzentriert. Mehr