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Landwirtschaft in Brasilien : Sojabohne versus Regenwald

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Brandrodung im brasilianischen Regenwald Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Unter Brasiliens Soja-Bauern herrscht Goldgräber-Stimmung. Sie kaufen im Amazonasgebiet günstig Land, um es für ihre Soja-Felder zu roden. Gegen die profitablen Bohnen haben die Jahrhunderte alten Regenwald-Bäume keine Chance.

          Seit es die BR-163-Piste gibt, herrscht im brasilianischen Bundesstaat Para Goldgräberstimmung. Immer mehr wohlhabende Leute und Glückssucher aus dem Süden Brasiliens kommen in den Staat im Nordwesten des Amazonasbeckens, um billig Land zu erwerben, es zu roden und mit dem Anbau von Sojabohnen reich zu werden. Zu beiden Seiten der sogenannten Soja-Straße Brasiliens, die das Amazonasbecken von Südost nach Nordwest bis zum Zusammenfluß des Amazonas mit dem Topo durchquert, weiten sich die Soja-Plantagen unerbittlich aus - auf Flächen, die vorher Regenwald waren.

          Seit dem Jahr 2003, dem Beginn der Amtszeit von Präsident Lula da Silva, sind nahezu 70.000 Quadratkilometer Regenwald - das entspricht zweieinhalbmal der Größe Belgiens - dem unersättlichen Hunger der Welt nach der proteinreichen Sojabohne zum Opfer gefallen. Im vergangenen Jahr hat Brasilien 20 Millionen Tonnen Sojabohnen exportiert und die Vereinigten Staaten vom ersten Platz als größter Soja-Exporteur der Welt verdrängt. Mehr als 5 Prozent der Weltproduktion stammt aus dem 1,2 Millionen Hektar großen, aber stetig wachsenden Anbaugebiet im Amazonasbecken. Etwas mehr als 50 Prozent der Produktion aus dem Amazonasbecken geht als Futtermittel nach Europa.

          Lanwirtschaft soll verdreifacht werden

          In Mato Grosso im Südosten des Amazonas-Gebietes hat die Sojabohne den Regenwald schon besiegt. Gouverneur Blairo Maggi, Brasiliens größter Soja-Produzent und ungekrönter Soja-König, hat dort 2003 sein Amt mit dem Ziel angetreten, die landwirtschaftliche Produktion in Mato Grosso innerhalb von zehn Jahren zu verdreifachen. Er ist auf gutem Weg, dieses Ziel zu erreichen.

          Greenpeace-Protest gegen internationale Getreidehandelsfirmen

          Im benachbarten Rondonia an der Grenze zu Bolivien sind nach Aussagen der staatlichen Stellen bereits mehr als 30 Prozent des Regenwaldes in landwirtschaftliche Felder umgewandelt worden. Da Land in Mato Grosso und Rondonia inzwischen teuer geworden ist, drängen die Soja-Farmer immer stärker nach Norden in die Staaten Para, Roraima und Tocantins.

          Versteppung bald nicht mehr aufzuhalten?

          In Para agieren die Soja-Bauern mit Unterstützung des amerikanischen Getreide-Großhändlers Cargill. Der soll nicht nur den Landkauf und die Rodung weitgehend finanziert haben, wie Greenpeace in seiner Studie „Eating up the Amazon“ schreibt. Das Unternehmen hat überdies mit einem 20 Millionen Dollar teuren Getreide-Terminal in der Hafenstadt Santarem den Grundstein für den Ausbau der Exportroute nach Nordamerika, China und Europa gelegt. Sobald die BR 163 asphaltiert sei, werde Santarem jährlich 2 bis 3 Millionen Tonnen Soja umschlagen, schätzt das Unternehmen.

          Noch sind die letzten 90 Kilometer bis Santarem nicht geteert. Greenpeace und andere Nichtregierungsorganisationen, aber auch zahlreiche Indianerstämme warnen, daß sich mit jedem Meter Asphalt die Zerstörung des Waldes beschleunigen und die sich bereits sichtbaren Klimaveränderungen noch verstärken werden. 17 Prozent des größten zusammenhängenden Regenwaldgebiets der Erde ist nach Aussagen brasilianischer Wissenschaftler bereits zerstört. Sobald 40 Prozent des Regenwaldes der Landwirtschaft oder anderen wirtschaftlichen Interessen zum Opfer gefallen seien, sei die Versteppung des Amazonas nicht mehr aufzuhalten.

          Umweltministerium machtlos

          Schon heute gibt es Warnsignale: Flüsse trocknen aus, Sandbänke werden sichtbar, es regnet weniger. Im Staat Acre an der Grenze zu Peru hat es in diesem Jahr während 40 Tagen nicht ein einziges Mal geregnet. Viele fürchten bereits, daß sich die verheerende Dürre des vergangenen Jahres wiederholen könnte.

          Marina Silva, die brasilianische Umweltministerin, betont zwar immer wieder, Brasilien dürfe auf keinen Fall seine langfristigen Ressourcen für kurzfristigen Profit verschleudern. Gegen die Interessen der Wirtschaft, deren Verbindungen bis in die höchsten Amtsstuben reichen, kann ihr Ministerium aber nur wenig ausrichten. Für eine wirkungsvolle Überwachung und Durchsetzung der Gesetzesvorschriften fehlen die Mittel. Kaum jemand wird bestraft, obwohl gut 75 Prozent aller Feuerrodungen illegal sind. Indianer werden von ihren Feldern verjagt, ermordet oder in die Sklaverei getrieben, ohne daß dies gerichtliche Folgen nach sich zieht. Selbst Cargill hat seine Hafenanlage ohne die gesetzliche Umweltuntersuchung errichtet.

          Bauern roden lieber, anstatt zu düngen

          Brasilien habe schon jetzt genug Anbaufläche für den Soja-Anbau; weitere Rodungen seien bei effizienter Nutzung gar nicht mehr nötig, betonen die Agrarwissenschaftler. Dies setzt allerdings voraus, daß die Bauern die kargen Böden des Regenwaldes bereits im dritten Jahr nach der Rodung mit Nährstoffen zum Preis für 800 Dollar pro Hektar anreichern müßten. Da die Feuerrodung von Neuland aber höchstens 300 Dollar je Hektar kostet, sehen die Bauern keinerlei Veranlassung für die intensive Bearbeitung.

          Die Umweltschützer führen somit einen nahezu ausweglosen Kampf gegen die Wirtschaftsinteressen. Gleichwohl haben sie kürzlich einen kleinen Sieg errungen. Ende Juli unterzeichneten die großen internationalen Getreidehandelsfirmen Cargill, Bunge, ADM und Amaggi eine Verpflichtung, von Oktober 2006 an keine Sojabohnen aus illegalem Anbau zu kaufen. Den Stein des Anstoßes gab die amerikanische Fast-Food Chain McDonald's, einer der größten Kunden Cargills. McDonald's liefen die Kunden weg, nachdem Greenpeace in einer großangelegten Kampagne viele Kunden in Europa und Amerika überzeugt hatte, McDonald's zerstöre den brasilianischen Regenwald, weil es seine Hühner mit Sojabohnen aus illegalem Anbau füttere.

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