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Landwirtschaft Das magere Geschäft mit der Milch

28.05.2008 ·  Den Milchbauern geht es gar nicht gut. Sie sind in der Kostenfalle, weil Energie und Futter immer teurer werden. Das Problem: Es gibt zu viel Milch und vielleicht auch zu viele, die davon leben.

Von Lukas Weber
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Landwirt müsste man sein, in des Wortes ureigenster Bedeutung. Das mögen sich in diesen Tagen die Milchbauern sagen, die, mit etwas Neid im Blick, auf die Preise schielen, die sich für Getreide erzielen lassen.

Wer dagegen überwiegend oder ganz von Nutztieren lebt, ist von Begeisterung über die Marktlage weit entfernt. Die Tierveredler sitzen in der Kostenfalle, weil die Preise für Energie und Futter ungebremst in die Höhe schießen, während sie für ihre Erzeugnisse nicht wesentlich mehr oder sogar weniger bekommen als in der alten Zeit, in der alles besser war.

„Von Anfang 2007 bis heute sind die Produktionskosten je Liter Milch um 7 Cent gestiegen, bis Ende des Jahres werden es 10 Cent sein“, sagt Hans Voldenauer vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter. Mit der Boykottaktion wollen die Milcherzeuger jetzt auf ihre schlimme Lage aufmerksam machen. Ende November habe der Verband die Produktionskosten analysieren lassen; sie lägen bei 43 Cent je Liter. Wenn die Milch trotzdem viel billiger abgegeben wird und die Unternehmen weiterproduzieren, ist das blanke Not: Viele sind Familienbetriebe, und die können auch ohne Lohnansatz für die Familienmitglieder arbeiten.

Video: Lieferboykott der Milchbauern

Viele Betriebe sind aus der Produktion ausgestigen

Von den 43 Cent liegen die Einnahmen der Bauern weit entfernt. Seit 2001 ist der Erzeugerpreis, also der Abgabepreis der Bauern, kontinuierlich gesunken, 2006 lag er bei 28 Cent je Liter. Das gilt jedenfalls für den Durchschnitt, tatsächlich gibt es eine beträchtliche Spreizung. Die erzielbaren Preise waren so niedrig, dass viele Betriebe aus der Produktion ausgestiegen sind – nicht nur in Deutschland, sondern international. Im vergangenen Jahr ist das geringere Angebot dann auf eine in der Welt steigende Nachfrage getroffen, in deren Sog die Erzeugerpreise auf etwa 34 Cent gestiegen sind – eine Höhe, die nach Ansicht der Bauern immer noch zu gering ist und sich trotzdem nicht halten ließ. Aktuell lassen sich etwas mehr als 30 Cent erzielen, mit deutlichen regionalen Unterschieden. Die Preisschwankungen machen sich zum Teil auch für die Verbraucher bemerkbar. Die Erzeugerpreise seien aber stärker gefallen als die Produktpreise, sagt Voldenauer.

Ein Milchviehhalter kann die Menge durchaus auch kurzfristig etwas steuern, zum Beispiel durch Kraftfuttergabe oder Verschieben der Altersgrenze; die eigentlich schlachtreife Kuh wird dann halt länger gemolken. Dass die Bauern für das Überangebot mitverantwortlich sind, sieht der Verband durchaus auch so. Und dass der Handel die Preise drücke, sei marktwirtschaftliches Verhalten, sagt Voldenauer. Ziel der Boykottaktion ist, neben der Öffentlichkeitswirkung, die Molkereiwirtschaft. Der werfen die Milchbauern vor, die Spielregeln nicht einzuhalten. Während die Erzeuger an stabilen Preisen interessiert seien, zielten die Molkereien auf hohe Mengen. Der große Abnehmer Nordmilch zum Beispiel gebe eine Zusatzprämie von 5 Cent je Liter, das führe zu mangelnder Quotendisziplin.

Milchquoten werden an einer Börse gehandelt

Hier machen sich die Folgen von Markteingriffen bemerkbar. Denn der Milchmarkt ist den Deregulierungsbemühungen der Europäischen Union bisher entkommen: Die seit 1984 geltende europäische Milchmengenregelung, die Überschüsse verhindern soll, ist immer noch in Kraft. In der EU hat seitdem jeder einzelne Milcherzeuger eine ihm anhand einiger Kriterien zugewiesene Produktionsmenge zur Verfügung, die Milchquote. Die Quoten werden, ähnlich den Emissionsrechten in der Umweltpolitik, an einer Börse gehandelt. Die Regelung gilt bis 2015, es gibt aber Überlegungen, die Quote früher abzuschaffen. Erzeuger, die ihre Menge überschreiten, müssen für jedes Kilogramm Überlieferung die sogenannte Superabgabe abführen, aber nur, falls die Gesamtmenge für Deutschland überschritten wird. Wenn die Molkereiwirtschaft mit Zusatzprämien locke, nähmen die Erzeuger das Risiko der Superabgabe in Kauf, erklärt Voldenauer.

Der Deutsche Bauernverband ist über die Entwicklung nicht beglückt, wenngleich naturgemäß solidarisch mit den Milcherzeugern. Denn der Lieferboykott wirft einige rechtliche und auch praktische Fragen auf. Der große Verband setzt darauf, dass die Schwäche der Milchpreise nur vorübergehender Natur sein wird, langfristig werde die Nachfrage steigen.

Die Bauern könnten lange durchhalten

Das sehen die Milcherzeuger ganz anders. „Wo ist die Nachfrage am Weltmarkt?“, fragt Voldenauer. Die an dieser Stelle gerne angeführten Chinesen produzierten inzwischen selbst, seit 2004 gingen die Importe zurück. Der Weltmarktpreis bewegt sich nach seinen Worten stabil zwischen 20 und 30 Cent, zu wenig für die deutschen Bauern. Von der plakativen Boykottaktion verspricht er sich einiges: Die Kosten würden überschätzt, eine Woche Lieferstopp bedeute nur 2 Prozent Umsatzrückgang. Wenn der Erzeugerpreis dagegen von 40 auf 30 Cent sinke, bedeute das einen Rückgang des Gewinns von 25 Prozent.

Infolge des Boykotts müssen die Bauern ihre Milch nicht unbedingt in den Ausguss kippen. Sie kann, wie von der Natur einst vorgesehen, an die Kälber verfüttert werden, statt des Milchpulvers, das sie sonst bekommen. Die Milchbauern meinen deshalb, sie könnten lange durchhalten. Ihre Rechnung sieht so aus: Von den rund 100.000 deutschen Milcherzeugern sind 32.000 im Verband, aber sie repräsentieren 45 Prozent der Milchmenge. Es gibt angeblich eine ungeteilte Zustimmung unter den Verbandsmitgliedern, außerdem wollen wohl auch Nicht-Mitglieder mitmachen, so dass bis zur Hälfte der rund 7,5 Millionen Liter, welche die deutschen Milchkühe täglich geben, ausfallen könnten.

Schwankende Preise, ähnlich dem Schweinezyklus

„Leere Regale werden nicht vorkommen“, dämpft indessen Michael Brandl, Geschäftsführer des Milchindustrieverbands, die Verbraucherängste. Es gibt ausreichend Milch auf dem europäischen Markt, und die Molkereien können die Produktion umlenken. Tatsächlich landet nur etwas mehr als die Hälfte der in Deutschland produzierten Milch als solche in den Regalen des Einzelhandels. Der andere Teil geht in den Export oder wird weiterverarbeitet, zum Beispiel zu Käse. Die Milchbauern müssten sich an das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage gewöhnen, sagt Brandl, es werde künftig schwankende Preise geben, ähnlich dem Schweinezyklus. Die Milchindustrie sieht sich zu Unrecht unter Beschuss und selbst in einer Sandwich-Position zwischen den Bauern und dem Lebensmittel-Einzelhandel, der seinerseits auf den scharfen Wettbewerbsdruck verweist.

Wenn sich die niedrigen Erzeugerpreise nicht im Regal widerspiegeln, stellt sich freilich die Frage, wo die Gewinnspanne versickert. Die Antwort darauf bleiben alle schuldig.

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Jahrgang 1957, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend und Wirtschaft“.

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30.05.2012 13:16 Uhr
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