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Länderbericht Luxemburg : Auf der Suche nach neuen Standbeinen

Land der Gegensätze: Idylle und hektisches Geschäftstreiben liegen in dem Großherzogtum dicht beieinander Bild: picture alliance / Rzepka - Pres

Luxemburg will das Bankgeheimnis für Ausländer abschaffen. Dennoch herrscht im Großherzogtum Aufbruchstimmung - trotz der Regierungskrise.

          Michel Held wirkt gerade etwas vereinsamt an seinem Stand. Wenige Meter entfernt läuft in Halle 2 des Luxemburger Messekomplexes gerade eine Podiumsdiskussion unter dem Motto „Großregion vor dem Horizont 2020“. Es geht um eine engere wirtschaftliche Verzahnung des Großherzogtums mit den angrenzenden Gebieten von Rheinland-Pfalz, des Saarlands, Walloniens und Lothringens. Und um gute Geschäfte. Daran kann auch nichts ändern, dass Luxemburgs Politiker gerade vornehmlich mit der Bewältigung einer Abhöraffäre beschäftigt sind, die den seit 18 Jahre regierenden Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker in der vergangenen Woche in arge Bedrängnis gebracht hat.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Im Herbst wird es vorzeitige Wahlen geben, die seit 2004 bestehende Koalition aus Junckers Christlich-Sozialer Volkspartei und Sozialdemokraten hinterlässt einen politischen Scherbenhaufen und viel gegenseitiges Misstrauen. Wirtschaftsingenieur Held hat andere Sorgen. Viele Jahre stand er in Diensten des Technologiekonzerns Siemens, ehe er mit einem Partner den Zweimannbetrieb Clariance gegründet hat. „Es hat uns gereizt, eigenständig etwas aufzubauen“, sagt Held. Geduldig erklärt er, wofür die Entwicklungen dienen. Hier ein elektronisches Gerät, das ständig aus der Ferne überprüft, ob Computer einwandfrei funktionieren.

          Luxemburg hat mehr zu bieten

          Dort ein Sensor, der nicht nur Bewegungen oder Lichteinfall messen kann. „In einer Bibliothek können die Messwerte dazu dienen, die Bücher vor den Folgen einer übermäßigen Luftfeuchtigkeit zu schützen“, erläutert Held. Nicht nur in der Großregion, bis nach Lettland gebe es Interessenten für seine Produkte. Jungunternehmer vom Schlage Helds sind ganz nach dem Geschmack von Pierre Gramegna. Für den Generaldirektor der Industrie- und Handelskammer und Gastgeber der Konferenz belegen Unternehmen wie Clariance, dass Luxemburg weit mehr als die Stahlindustrie oder die noch verbliebenen 141 Banken mit knapp 27.000 Mitarbeitern zu bieten hat. Größter Arbeitgeber ist nach wie vor der Stahlkonzern Arcelor Mittal mit knapp 6.000 Beschäftigten.

          Weniger bekannt ist, dass der amerikanische Reifenhersteller Goodyear unweit der Hauptstadt seit Jahrzehnten eine Produktions- und Entwicklungsstätte mit derzeit mehr als 3000 Mitarbeitern unterhält. Gut im Geschäft ist auch der führende Satellitenbetreiber SES S.A mit einer Flotte von zuletzt 52 geostationären Satelliten. Gerade in der Informations- und Kommunikationstechnik wittern Fachleute Chancen bei der Suche nach weiteren wirtschaftlichen Standbeinen, sogenannten Kompetenznischen. Die Ausgaben für öffentliche Forschungsförderung sind seit 2000 von jährlich 28 auf fast 300 Millionen Euro gestiegen. „Wir wollen hochkarätige Wissenschaftler anziehen und Expertise aufbauen“, erläutert Marc Schiltz, Generalsekretär der zuständigen Behörde FNR. Auf Kommunikationstechnik, Materialforschung und Biomedizin ruhten große Hoffnungen.

          Luxemburg Bilderstrecke
          Luxemburg :

          Luxemburg profitiert schon davon, dass es mit einem der schnellsten Systeme der Datenübertragung aufwartet und sich immer mehr internetgestützte internationale Unternehmen wie Skype, Amazon, Ebay und Paypal angesiedelt haben. „Diese Entwicklung wird weitergehen“, sagt Gramegna. Ein Wermutstropfen ist, dass nach 2014 wegen einer EU-Regelung Mehrwertsteuereinnahmen aus dem elektronischen Handel dem Wohnsitzland des Empfängers von Dienstleistungen zustehen werden. Mindereinnahmen von mindestens 300 Millionen Euro könnte dies nach sich ziehen. Die jüngste Ankündigung der Regierung, sich von 2015 an am automatischen Austausch der EU-Staaten zu Kapitalerträgen zu beteiligen, dürfte ein Einnahmeminus von jährlich 40 Millionen Euro bedeuten.

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