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Länderbericht Australiens Wirtschaft wächst seit 18 Jahren

18.01.2010 ·  Volle Restaurants, neue Stellen im Handumdrehen und hohe Löhne selbst für Lkw-Fahrer in den Bergwerken: Dem fünften Kontinent konnte die globale Krise nichts anhaben. Denn seine Bodenschätze sind gefragt.

Von Christoph Hein, Sydney
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Seit neun Wochen ist Jeff Hendricks schon mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern im Toyota-Geländewagen mit Zeltanhänger unterwegs. Von Perth, der Minenhauptstadt im Westen Australiens, brachen sie auf, durchquerten den Kontinent und sind jetzt in den Metropolen der Ostküste angekommen. Hat er so lange Ferien? „Nein“, sagt Jeff und lacht. „Ich habe meinen Job verloren, die Firma hat Pleite gemacht. Da sind wir erst mal in Urlaub gefahren.“ Und dann? „Dann werde ich mir eine neue Stelle suchen. Das ist doch überhaupt kein Problem“, sagt er. Ihm steht dabei die Zuversicht ins Gesicht geschrieben.

Hendricks dürfte recht behalten. In der vergangenen Woche berichtete die australische Regierung, allein im Dezember seien 35.200 neue Stellen geschaffen worden - dreimal mehr, als Analysten erwartet hatten. Mit 5,5 Prozent steht die Arbeitslosenquote nun auf dem niedrigsten Stand seit April vergangenen Jahres. „Selbst Pessimisten müssen nun erkennen, dass der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit überschritten ist“, kommentierte Brian Redican, Ökonom der Macquarie Bank in Sydney, die Zahlen. Der australische Dollar machte einen halben Cent gegenüber seinem amerikanischen Pendant gut.

Die globale Krise elegant umschifft

Neue Stellen im Handumdrehen, sechsstellige Löhne auch für Lastwagenfahrer in den Bergwerken im öden Nordwesten des Landes, eine Wirtschaftskrise, die nur im Rückspiegel dramatisch aussieht - das Land schwelgt in Zuversicht. „Australiens Volkswirtschaft hat die globale Krise dank einer Mischung aus entschiedener Politik und der hilfreichen Abhängigkeit von den schnell wachsenden Schwellenländern elegant umschifft“, stellt Frederic Neumann von der HSBC Bank dem Land ein blendendes Zeugnis aus. „Jetzt deuten alle Daten auf weiteres Wachstum.“ Immerhin steht Australien schon auf Platz 13 in der Rangliste der großen Volkswirtschaften der Erde, direkt hinter Indien.

Die Hoffnungen gehen aber in noch höhere Regionen. „Angesichts der schwachen Vorstellung von Amerika und Großbritannien könnte eine weiterhin verlässliche Regierungspolitik Australien zu einem wohlhabenden Modellstaat machen. Gute Führung wird noch untermauert durch unsere schier unbegrenzten Möglichkeiten, der Welt die von ihr benötigten Rohstoffe zu liefern. Australien sollte bislang ungeahnten Wohlstand erreichen“, sagt der Ökonom Michael Porter, Forschungsdirektor beim unternehmensnahen Committee for Economic Development of Australia (CEDA).

Am Tropf Chinas

Es ist dieses Selbstbewusstsein, das immer wieder verblüfft. Es wird gefördert durch Fleiß. Aber auch durch einen Faktor, der in der Wirtschaft selten Beachtung findet: Glück. Und das liegt in Australien unter der Erde oder unter dem Meeresspiegel und trägt die Namen Erz, Kohle, Gas oder Öl. Bis zum Frühjahr vergangenen Jahres wurde der enge Verbündete Amerikas auch wirtschaftlich mit den Vereinigten Staaten in einen Topf geworfen. Dann aber schälte sich heraus, dass der fünfte Kontinent eben doch stärker am Tropf Chinas hängt. Solange aber Asien wächst, braucht es die Rohstoffe, die ihm Australien liefert.

„In einer von Angst und Entlassungen besessenen Welt, geprägt von überbordenden Schulden und zerstörten Finanzmärkten, sinkt nicht nur die Arbeitslosenrate Australiens. Auch stehen unsere Banken stark da, zeigen sich die Exporte robust, steigt die Zuversicht der Verbraucher, macht unser Einzelhandel gute Geschäfte, sind die Restaurants voll und steigen unsere Hauspreise sogar“, wundert sich Andrew Clark im durchaus kritischen „Australian Financial Review“ über die Lage seines Landes. Sparen, das ist deshalb für viele Australier in diesen Tagen mehr Attitüde als Zwang. Im November stieg der Umsatz des Einzelhandels gegenüber Oktober um 1,4 Prozent. Die Ladenbesitzer schwärmen vom Weihnachtsgeschäft. Auch wenn die Schlangen vor den Kaufhäusern an Boxing Day, dem zweiten Weihnachtstag und traditionellen Beginn des Ausverkaufs, durch hohe Nachlässe erkauft waren.

Im ureigensten Interesse wird sich die Regierung unter Labor-Ministerpräsident Kevin Rudd im Wahljahr 2010 bemühen, die Wirtschaft unter Dampf zu halten. Ausgaben für Schulen, Gesundheit und Infrastruktur bleiben hoch. Während der Krise ließ Rudd Schecks an die Haushalte austeilen, entwickelte aber auch große Infrastrukturprogramme wie die Vernetzung des ganzen Landes via Breitband. In Kauf nimmt er dafür ein weiteres Haushaltsdefizit um die 50 Milliarden australische Dollar (31,93 Milliarden Euro). Dafür aber dürfte die Arbeitslosigkeit weiter fallen, die Wachstumsrate wieder auf 3 Prozent steigen. Damit wächst die australische Volkswirtschaft seit 18 Jahren. Der Zinszyklus drehte im Oktober in Australien. Dreimal hat Zentralbankgouverneur Glenn Stevens seither an der Schraube gedreht. Anfang Februar könnte er den Zinssatz auf 4 Prozent anheben.

Die Ausländer werden zum Problem

Natürlich gibt es, wo viel Licht ist, auch Schatten. So hilft die Stärke des australischen Dollar zwar den Einwohnern, die Welt zu erkunden. Wer zum Jahresende 2008 noch 2,05 australische Dollar für einen Euro erhielt, bekommt heute nur noch 1,55 Dollar. Aber die Exporteure und der Tourismus Australiens leiden. Das vielleicht größte Risiko auch in Australien ist die private Verschuldung. „Im Jahr 1990 lag das Verhältnis von Hypotheken zum Bruttoinlandsprodukt Australiens bei 17 Prozent. Heute beträgt es mehr als 80 Prozent“, warnt Steve Keen, Ökonom an der University of Western Sydney. Es bleibt das liebste Hobby des Australiers, Wohnungen zu kaufen und umzuziehen. Unter den Finanzderivaten, die die globale Finanzwelt erschütterten, litten Australiens Banken indes nicht.

Ein Aufreger im Lande bleibt die Einwanderungspolitik. Die Ermordung von zwei Indern wurde in deren Heimat zur Staatsaffäre. Angesichts der Vielfalt der Gesichter in den Metropolen wundert eine Tendenz zur Xenophobie kaum. Auf sie und auf die in der Krise hochschnellende Arbeitslosenrate reagierte die Regierung mit einer nochmaligen Verschärfung der Einwanderungsgesetze. „Es ist nun wirklich schwer, nach Australien überzusiedeln“, sagt Rechtsanwältin Silke Körnicke, Beraterin der Kanzlei Tresscox. „Ich bin gespannt, ob die Regierung dies durchhält.“ Eigentlich müsste das Land angesichts seiner Wachstumspläne bis 2040 rund zehn Millionen Ausländer ins Land holen.

Rudd, der leichtfüßig auf dem schmalen Grat zwischen Populismus und Entschiedenheit entlangtänzelt, scheint der nächste Wahlsieg sicher zu sein. „Damit hätte vor Jahren niemand gerechnet. Rudd war nie ein Kandidat der Wirtschaft“, sagt Klaus Albrecht, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank in Australien und Neuseeland. So kritisieren Unternehmenchefs denn auch hinter vorgehaltener Hand, Rudd halte gute Reden, mache einen guten Eindruck, bewege bei den großen Herausforderungen Australiens indes wenig. Auch die Landbevölkerung steht ihm kritisch gegenüber, denn sie bekommt Australiens marodes Gesundheitssystem, die schlechte Infrastruktur und die Folgen eines unausgegorenen Föderalismus zuerst zu spüren. Rudds liberal-konservative Gegner aber haben sich über die Klimadebatte zerfleischt und müssen sich neu finden. Bewertet wird die Rudd-Ära wohl eines Tages über ihren Umgang mit China: Als Käufer ihrer Rohstoffe hofieren die Australier die Chinesen. Deren massiver Versuch, Minen und Unternehmen in Australien zu kaufen, stößt aber auf deutliche Ablehnung.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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Von Heike Göbel

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