Home
http://www.faz.net/-gqg-136vy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

La Maddalena Das gestohlene Gipfeltreffen

10.07.2009 ·  Es hätte der touristische Durchbruch werden können. La Maddalena vor der Nordküste Sardiniens sollte den Regierungsgipfel der acht größten Industriestaaten beherbergen. Als aber in den Abruzzen die Erde bebte, entschied sich Berlusconi über Nacht anders.

Von Tobias Piller
Artikel Bilder (8) Video (1) Lesermeinungen (0)

Bürgermeister Angelo Comiti brauchte einen ganzen Tag, um sich in die unerwarteten Realitäten zu fügen. „Am Anfang dachte ich nur, das Ganze sei ein Beitrag zur Sendung ,Verstehen Sie Spaß?'“, sagt der Erste Bürger der Stadt La Maddalena. Eineinhalb Jahre lang hatten er und seine Stadt vor der Nordküste Sardiniens auf das Ziel hingearbeitet, die Mächtigen der Welt zu Gast zu haben. Doch am 23. Mai, nicht einmal sieben Wochen vor dem Ziel, hat Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Gipfel wurde kurzerhand mitten ins Erdbebengebiet von L'Aquila verlegt. „Bei aller Solidarität mit den Abruzzen meine ich, dass L'Aquila kein Gipfeltreffen braucht. Das fügt zu all den Problemen noch ein weiteres hinzu“, sagt der Bürgermeister enttäuscht.

Ginge es für La Maddalena nur um reine Prestigefragen, könnte der „gestohlene Gipfel“, wie er nun in Sardinien heißt, noch etwas leichter als politisches Pech abgeschrieben werden. Doch La Maddalena wollte nicht einfach nur einen Werbespot. Das Kürzel „G 8“ symbolisierte fast zwei Jahre lang den Beginn einer neuen Epoche für eine Stadt, die bisher mit Tourismus wenig zu tun hatte. „Bisher haben wir gerade einmal ein paar Touristen im Sommer geduldet“, sagt der Lokaljournalist Andrea Nieddu. Hotels gibt es kaum, doch gaben sich die wenigen Urlauber als Geheimtipp die Adressen von privaten Wohnungsvermietern weiter. Dafür, dass La Maddalena am äußersten Ende Italiens und noch dazu auf einer Insel liegt, ist die Stadt jedoch unerwartet groß: 12 000 Einwohner leben hier, vor allem an einer kilometerlangen Häuserfront im Süden der Insel, die wie die Stadt ebenfalls La Maddalena heißt und zusammen mit einem Archipel von sechs großen und 21 kleinen Inseln das Stadtgebiet darstellt.

Wandel zum Tourismusstandort ist mühsamer als erwartet

Für den früheren italienischen Ministerpräsidenten Romano Prodi schien die Insel La Maddalena gerade passend, als er 2007 über den Austragungsort des Weltwirtschaftsgipfels entschied. Nachdem die letzte Konferenz in Genua von Straßenschlachten gezeichnet war, wirkte die überschaubare und gut kontrollierbare Insel geradezu ideal. Die linken Politiker an der Spitze der Region Sardinien brauchten wiederum eine aufsehenerregende Veranstaltung, weil sie unter die bisherige Geschichte von La Maddalena aus politischen Gründen einen Schlusspunkt gesetzt hatten. Jahrhundertelang hatte die Stadt bisher von Militär- und Marinestützpunkten gelebt. Italiens Marine hatte dort vor einigen Jahrzehnten noch 1000 Mann stationiert. Bis 2007 hatte auch die amerikanische Marine auf der Insel eine Basis, die mit dem Versorgungsschiff „Emeryland“ und 2600 Soldaten für Nachschub und Instandhaltung der Atom-U-Boote im Mittelmeer sorgte. Der politisch beschleunigte Abzug der Amerikaner wurde in der Gegend als Großtat für Frieden und Ökologie gefeiert. Zudem klang damals immer wieder an, dass La Maddalena eine bessere Zukunft als Tourismusziel an der prestigeträchtigen Nordküste Sardiniens verdient habe.

Mittlerweile stellt sich jedoch heraus, dass der Wandel von der staatlich finanzierten, aber teilweise verschmähten Militärwirtschaft zu einem privatwirtschaftlich organisierten, wettbewerbsfähigen Tourismusstandort viel mühsamer ist als erwartet. Dabei schien zunächst der versprochene Weltwirtschaftsgipfel wie eine bequeme Lösung für alle Probleme des Übergangs. Vor allem aber hatte sich wieder die Zentralregierung in Rom darum gekümmert, alle Probleme von La Maddalena von oben her zu lösen.

In nur zehn Monaten war das Tagungszentrum fertig

Das Ergebnis des staatlichen Einsatzes für den ehemals geplanten Gipfel und für die touristische Zukunft von La Maddalena kann in fertigem Zustand bewundert werden, wenn auch nun ohne die eigentlich dafür gedachten Staatsgäste. Nicht ausreichend gewürdigt wird bisher auch die organisatorische Leistung beim Bau des neuen Konferenzzentrums, wo der Gipfel stattfinden sollte. „Vor allem für italienische Umstände wurde hier ein wahres Wunder vollbracht“, urteilt der Architekt Stefano Boeri. Größere Bauprojekte mit Kosten von mehr als 50 Millionen Euro bräuchten im Schnitt elf Jahre bis zur Fertigstellung. Selbst im angeblich besser organisierten Frankreich brauche er für ein Großprojekt in Marseille voraussichtlich acht Jahre bis zur Fertigstellung, berichtet der Mailänder Architekt. Für das Konferenzzentrum für 300 Millionen Euro mit Yachthafen, Hotel, Pressezentrum, zwei Sälen mit 2000 Plätzen, Multifunktionsgebäude für die Delegationen sowie dem Saal für die Staats- und Regierungschefs genügten auf La Maddalena nur zehn Monate Bauzeit.

Im April 2008 hatte Boeri die ersten Skizzen abgeliefert, im August die Grundlinien des gesamten Projektes. Dabei konnte dann nicht etwa mit dem Bau auf einer grünen Wiese begonnen werden. Der Reiz des neuen Konferenzzentrums sollte auch darin bestehen, dass es auf dem Gelände des vor 15 Jahren verlassenen italienischen Marinestützpunktes entstand. Deswegen mussten vor dem eigentlichen Baubeginn 16 Hektar Bodenfläche von Öl, Asbest und Schwermetallen gesäubert werden. Das bedeutete den Abtransport von 62 000 Tonnen Erde, Abfall und Schutt innerhalb von sechs Wochen, mit 2000 Lastwagen und drei Schiffen. Von Juli 2008 an waren insgesamt 1600 Arbeiter auf dem Bau beschäftigt, in drei Schichten rund um die Uhr.

Nach aller Mühe muss nun der Architekt alleine im Saal des „Palazzo della Main Conference“ posieren, in dem sonst der neue amerikanische Präsident Barack Obama beim Blick aufs Meer gefilmt worden wäre. Inspiriert vom Bild der Staatschefs auf dem Riesenstrandstuhl beim deutschen G-8-Gipfel in Heiligendamm, hatte Boeri sogar eine Szenerie für ein neues Gruppenbild eingebaut, einen breiten, allseits gläsernen Lastenaufzug, in dem die Staatschefs nebeneinander vor der eindrucksvollen Meereskulisse posieren sollten, um dann nach oben in ihren Konferenzraum zu entschweben.

Nur ein kurzer Ausbruch aus dem Trott der Bürokratie

„Ich hoffe, dass die neuen Gebäude dennoch genutzt werden“, sagt der Architekt zum Abschied. Dafür soll künftig Emma Marcegaglia sorgen, Spross einer Stahlunternehmerfamilie aus Mantua und derzeit Vorsitzende des italienischen Unternehmerverbandes. Ihre Unternehmensgruppe hatte als einzige ein Gebot für den Betrieb von Hotel, Konferenzzentrum und Yachthafen abgegeben, für eine Pacht von 41 Millionen Euro in 30 Jahren. Nun hat sie wegen der entgangenen Werbung durch den Gipfel ihren Pachtvertrag um zehn Jahre verlängert bekommen, schimpft aber dennoch öffentlich über den Schaden. Zugleich drohen nach dem Bau in Rekordzeit nun jahrelange Verzögerungen durch Gerichtsverfahren rund um die Ausschreibung. Zwei sardische Unternehmer, die zunächst nach erstem Interesse doch kein Angebot abgegeben haben, wollen über langwierige Prozesse das ursprüngliche Bieterverfahren annullieren lassen und danach doch noch zum Zuge kommen.

Gegenüber diesem althergebrachten Trott der italienischen Bürokratie hatten die Organisatoren des G-8-Gipfels ein ganz anderes Tempo an Veränderungen vorgelegt. Als Wunderwaffe der Regierung diente der nationale Katastrophenschutz mit seinem Chef Guido Bertolaso, der immer in den größten Notlagen gerufen wird, sei es das Begräbnis eines Papstes mit Millionen von Besuchern, der Müll in Neapel oder zuletzt das Erdbeben in L'Aquila. Bertolaso, ausgestattet mit Sondervollmachten, ging auch auf La Maddalena mit strategischer Weitsicht und fast militärischer Organisation vor, vergaß aber dennoch nicht das Prinzip transparenter Ausschreibungen, mit dem er sich bisher vor Skandalen schützte.

Eine neue Kläranlage gab es gleich mit

Italiens Mann für die scheinbar unmöglichen Aufgaben sorgte in den wenigen Monaten auf der Insel noch ganz nebenbei für die Lösung lange aufgeschobener Probleme und für Einrichtungen, die eine italienische Kleinstadt jahrelang beschäftigen würden: Die verlotterte Kläranlage von La Maddalena wurde instand gesetzt. Die zwei kilometerlangen Frischwasserleitungen aus Sardinien und ein Pumpwerk wurden erneuert. Das militärische und das zivile Krankenhaus wurden erweitert und auf den neuesten Stand gebracht, ein früheres Militärkrankenhaus zum Fünf-Sterne-Hotel umgebaut. Um das Personal für die Baustellen unterzubringen, wurde zuvor schon eine andere alte Kaserne umgekrempelt und mit Neubauten versehen, die nun ebenfalls ein Hotel werden könnten. Für die Verbindung zur Nachbarinsel Caprera wurde schließlich eine mehr als 300 Meter lange Brücke neu errichtet.

Doch der große Zauberer wurde schließlich mitten in der Nacht wegen des Erdbebens nach L'Aquila in den Abruzzen gerufen. La Maddalena ist nun schneller als gedacht auf sich allein gestellt. Statt eines neuen Starts droht Stillstand. Die neue Ära des Tourismus lässt erst einmal auf sich warten.

Der redegewandte junge Tourismusassessor im Magistrat der Stadt, Gian Vincenzo Belli, mit modischer Sonnenbrille und Bermudahosen, ist dabei um ein leuchtendes Ziel nicht verlegen: „La Maddalena wird das Capri von Sardinien sein“, sagt der Vierzigjährige. Auf dem praktischen Weg in diese Richtung ist er allerdings noch nicht sehr weit vorangekommen. Das Touristeninformationsbüro ist ausgerechnet am Samstag, wenn Besucher die Stadt füllen, den ganzen Tag geschlossen, am Sonntag sowieso und auch an weiteren drei Nachmittagen in der Woche. Und warum ist der Büroleiter, der „Dirigente“, auch telefonisch irgendwie nie zu erreichen? Dagegen könne man wohl nichts machen, meint der oberste Politiker für Tourismus in La Maddalena ganz selbstverständlich und ahnt gar nicht, wie sehr er damit seine leere Rhetorik entlarvt.

„Den Schaden hat ganz Sardinien“

„Hier auf La Maddalena sind wir eben bisher ein Volk von Gehaltsempfängern gewesen“, sagt einer von Bellis Mitbürgern beschwichtigend. Tatsächlich üben an schönen Sommertagen die traumhaften Strände der Insel für ganze Nachmittage eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Erst später, wenn die einen mit dem Sonnenbad fertig sind, die anderen mit der Siesta, belebt sich die Innenstadt wieder. In den Straßencafés bleibt dann Zeit für Verschwörungstheorien und Klagen über die Verluste durch den verlorenen Gipfel. Die früheren Stammgäste seien wegen des Gipfels in diesem Jahr nicht gekommen, nun stünden die Appartements und die wenigen Hotels leer, sagt Claudio Ronchi, Chefredakteur des lokalen Wochenblättchens „Il Vento“. Die versprochenen Verschönerungsarbeiten in der Stadt ließen noch auf sich warten. „Wir haben nicht nur Werbeeffekte von unschätzbarem Wert verloren, sondern sind auch noch in der Historie geschädigt“, sagt Ronchi. Der Umstand, dass der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi viele Jahre auf der Nachbarinsel Caprera gelebt hat, bringe schließlich immer noch Gäste.

„Den Schaden hat nicht nur La Maddalena, sondern ganz Sardinien“, sagt der neue Tourismusminister der Insel, Sebastiano Sannitu. Nicht alle Welt wisse schließlich, wo Sardinien liege. Doch aus seiner Sicht liegen die größten Probleme ganz woanders: „Wir brauchen hier und in anderen Teilen der Insel noch eine Kulturrevolution in den Köpfen für eine Zukunft in Tourismus“, sagt Sannitu. „Schließlich kann nicht alles von außen kommen.“

Die Region braucht eine Tourismusstrategie

Tatsächlich sind die Sarden von ihren Gewohnheiten her nicht gerade für den Tourismus prädestiniert. Die Geschichte mit immer neuen Eroberern von den Phöniziern bis zu den Spaniern hat sie eher reserviert und zu Einzelgängern werden lassen; wegen jahrhundertelanger Erfahrungen mit Sarazenenüberfällen haben viele die Küsten aufgegeben und sich ins Landesinnere zurückgezogen. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ebenso herausgestellt, dass hinter der unnahbaren Fassade große Gastfreundschaft steckt und dass die Sarden mit Hilfe des ausländischen Investors Karim Aga Khan eines von Europas exklusivsten Touristenzielen schaffen konnten. „Wir haben allerdings 40 Jahre gebraucht, um so weit zu kommen“, sagt Renzo Persico, Präsident des Konsortiums Costa Smeralda. La Maddalena werde erst einmal fünf bis sechs Jahre für seinen Start als Touristenziel brauchen, könne sich dann aber als ideale Ergänzung erweisen. Schließlich sind die Inseln und Naturschutzgebiete von La Maddalena schon heute beliebte Ausflugsziele für die Milliardärsyachten der Costa Smeralda.

Der etwas rauhbeinige und dennoch herzliche Bürgermeister muss nun entdecken, dass seine Stadt La Maddalena trotz idealer Voraussetzungen auf dem Weg zum begehrten Touristenziel auf halbem Weg steckenzubleiben droht. Das zunächst einmal leere Konferenzzentrum, umgeben von Kläranlage, Kaserne und Sozialsiedlung, kann nicht allein die Zukunft garantieren, selbst wenn es von einer strategisch denkenden Unternehmerin vom Festland übernommen wird. Aus Verzweiflung hat der Bürgermeister schon einmal verlangt, in dem Saal, wo Obama aufs Meer hätte schauen sollen, eine Spielbank einrichten zu dürfen. „Wir hatten bisher keine touristische Mentalität, sondern lebten von der Staatswirtschaft. Deshalb brauchen wir weiter Hilfe und einen Strategieplan von der Region.“

Dennoch kann Bürgermeister Comiti in den vergeblichen Vorbereitungen für den Gipfel ein kleines Wunder entdecken. Die Aussicht auf den G-8-Gipfel habe den Unternehmergeist der jungen „Maddalenini“ geweckt und ihren Sinn für gemeinsame Interessenvertretung. „Wir müssen jetzt den Willen entwickeln, unser Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Schließlich haben es die ,Maddalenini' in der Vergangenheit sogar geschafft, den jungen Napoleon mit französischen Angreifern wieder zu verjagen“, fordert der Bürgermeister.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, Wirtschaftskorrespondent für Italien mit Sitz in Rom.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 12 29

30.05.2012 13:16 Uhr
  Vortag
Dax 6.349,21 −0,74%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.383,71 −0,75%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2452 −0,29%
Rohöl Brent Crude 104,88 $ −1,84%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.