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Krippenspiele (9) Zwischen Kinderknigge und Reitstunden

19.03.2007 ·  In Deutschland drängen Privatanbieter auf den Markt für Kinderbetreuung. Aber die bürokratischen Auflagen sind hoch, die Kosten auch. Ohne Zuschüsse kommen die wenigsten aus.

Von Christian Geinitz, Berlin
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Die Villa Ritz in Potsdam gilt als Deutschlands vornehmster Kindergarten. Die schmucke Einrichtung, die im April eröffnen will, bietet alles, was das Kinderherz, vor allem aber, was das Herz beruflich angespannter Eltern begehrt: Kleingruppenbetreuung, individuelle Abholzeiten, Übernachtungsmöglichkeiten.

Die Kleinen können Reitstunden nehmen, Chinesisch oder Flötespielen erlernen und nach der Sauna schnell noch ein „Benimmtraining für Kinder nach Knigge“ absolvieren. Es gibt einen hauseigenen Chauffeur und für gefährdete Promikinder sogar einen Persönchenschützer. So viel Dienst hat seinen Preis. Rund 900 Euro im Monat sollen die Eltern für die Edelbetreuung bezahlen, die sich fünf Privatunternehmer ausgedacht haben, darunter eine Investmentbankerin.

Die Statistik ist lückenhaft

Das 200 Jahre alte preußische Herrenhaus ist die spektakulärste, nicht aber die einzige Kindertagesstätte in Deutschland, die gewinnorientiert geführt wird. Da das Angebot der Kommunen, Kirchen oder Wohlfahrtseinrichtungen nicht ausreicht, hat sich daneben ein privater Markt etabliert. Wie viele sogenannte private gewerbliche Träger es gibt, weiß indes niemand.

In den neuesten Kinder- und Jugendhilfestatistiken des Statistischen Bundesamts für 2006, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung exklusiv vorliegen, tauchen sie als eigene Kategorie ebenso wenig auf wie Tagesmütter oder Kindermädchen. Immerhin zeigen die Tabellen die große Bedeutung, welche die sogenannten freien Träger im Ganzen gegenüber den öffentlichen Trägern erreicht haben.

Bundesländer dürfen auch Private fördern

Wenn auch die gewerblichen Kindergärten in der Statistik seit 1990 nicht mehr gesondert ausgewiesen werden, sind sie gleichwohl behördlich registriert. Da jeder Betreiber eine Genehmigung des Jugendamts benötigt, erhält man dort erste Hinweise darauf, dass ihre Zahl offenbar deutlich gestiegen ist. „Gerade in den Großstädten wie in Berlin scheint die Bedeutung der gewerblichen Anbieter zuzunehmen“, sagt auch Katharina Spieß, Bildungsexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin an der FU Berlin. „Aber wissenschaftlich belegen können wir das nicht – uns fehlen ausreichend repräsentative Daten.“

Der Anstieg hat nicht nur etwas mit der wachsenden Nachfrage zu tun, sondern auch mit der besseren Finanzierung. Seit dem Tagesbetreuungsausbaugesetz von 2005 dürfen die Bundesländer nicht nur Wohlfahrtsverbände oder Elterninitiativen fördern, sondern auch gewerbliche Anbieter. Voraussetzung ist – neben dem Bedarf – eine Betriebsgenehmigung, die nicht immer leicht zu bekommen ist. So scheitert manches Projekt an den Bauauflagen und den damit verbundenen Investitionen. In einigen Bundesländern ist sogar der Abstand der Handtuchhalter vorgeschrieben.

Die subventionierte Konkurrenz

Die Bürokratie, die hohen Kosten und geringen Renditen sind die Hauptgründe, warum sich nicht mehr private Anbieter auf dem Markt tummeln. Die staatlichen oder subventionierten Träger geben ein vergleichsweise niedriges Preisniveau vor, das die Kosten in einem selbstfinanzierten Betrieb nicht deckt – geschweige denn Gewinne zulässt. Nischenanbieter wie die Villa Ritz hat es immer gegeben. Aber im Massenmarkt können die Unternehmen nur bestehen, wenn sie ebenfalls staatliche Förderung erhalten.

Das gilt auch für die meisten der 20 Häuser der privaten Gesellschaft zur Förderung von Kinderbetreuung (GFK) in Kassel. Mit 200 Beschäftigten und 6 Millionen Euro Umsatz gilt sie als einer der größten gewerblichen Anbieter Deutschlands. Geschäftsführer Alfons Scheitz rechnet vor, dass ein Krippenplatz in qualifizierter Betreuung Kosten von 4,69 Euro je Stunde verursacht. Bei 6 Stunden am Tag an 21 Tagen sind das etwa 590 Euro im Monat. „Unternehmen können das für ihre Betriebskindergärten zahlen“, sagt Scheitz, dessen Gesellschaft die Häuser von Wintershall, T-Mobile oder Hella betreibt. „Am freien Markt lässt sich das nur bei entsprechender Kaufkraft durchsetzen und wenn der Betreuungsnotstand groß ist.“ Er meint damit zum Beispiel München, wo Krippenplätze rarer sind als begüterte Eltern. Anderswo muss sich die GFK um Zuschüsse bemühen, in der Regel ersetzen diese drei Viertel der Kosten.

Echter Wettbewerb?

„Seit die gewerblichen Anbieter nicht mehr grundsätzlich benachteiligt werden, kommt echter Wettbewerb in den Markt, das ist zu begrüßen“, sagt DIW-Expertin Spieß. Doch statt die Einrichtungen direkt zu unterstützen, sollte die öffentliche Hand ihrer Ansicht nach die Nachfrager zweckgebunden fördern, zum Beispiel über Betreuungsgutscheine für die Eltern. Wie derzeit schon in Hamburg und Berlin würden dann die Nachfrager entscheiden, welche Tagesstätten sich am Markt letztlich durchsetzen. „Eine Kontrolle und Sicherung der Qualität durch den Staat muss aber natürlich immer gegeben sein.“ Gegen die Öffnung des Markts für privat gewerbliche Kindergartenbetreiber sieht Spieß noch immer große Widerstände unter den öffentlichen und freien Trägern, aber auch in der Bevölkerung. „Viele meinen, dass sich eine qualitativ gute Versorgung und Gewinnstreben ausschließen. Das hat man fälschlicherweise von der Krankenpflege auch lange behauptet.“

Gegenwind erleben die gewerblichen Anbieter ausgerechnet von den Elterninitiativen, also von privater Seite. Diese nicht gewinnorientierten Zusammenschlüsse bilden einen der wichtigsten Zweige unter den freien Trägern. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen werden in mehr als 8200 Einrichtungen 200 000 Kinder betreut. „Allein in Bayern haben wir jede Woche 25 Anfragen von Eltern, die eine Initiative gründen wollen“, sagt Hannes Lachenmair, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft. Die Zunahme der gewerblichen Anbieter sieht er mit Sorge. „Da stehen kommerzielle Interessen im Vordergrund, das geht auf Kosten der Betreuung.“ Die Unternehmen sehen das naturgemäß ganz anders. „Wer in unserem Geschäft schlechte Qualität abliefert, muss zumachen“, sagt Scheitz. „Das kann man von öffentlichen oder vielen freien Trägern nicht sagen: Die bekommen ihr Geld so oder so.“

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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