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Krippenspiele (8) „Geht es den Eltern gut, geht es auch den Kindern gut“

In Frankreich arbeiten viele Mütter und lassen ihre Kinder ganztags betreuen. Die Angebote sind vielfältig, weil der Staat sie finanziell stark fördert. Doch so manche Französin jammert auf diesem hohen Niveau trotzdem gerne.

© F.A.Z. Vergrößern

Es ist 18.00 Uhr im Kindergarten einer Pariser Vorstadt: Die Lichter brennen noch, und mindestens zehn Kinder springen im Spielraum herum oder bolzen im Hof einen Fußball hin und her. Eine Mutter trifft ein, holt ihre Tochter ab und winkt den anderen zum Abschied. Diese müssen noch länger auf Papa oder Mama warten. Frankreich hat bekanntlich viele Kindergärten und Krippen, und sie sind bis in den Abend hinein geöffnet. Doch auf hohem Niveau jammert manche Französin gerne weiter. In einer Radiosendung klagte eine Mutter kürzlich, dass es keine Betreuungseinrichtungen während der Nacht- und der Wochenendarbeit gebe. „An die Eltern, die zu solchen Zeiten arbeiten, denkt wieder einmal keiner“, schimpfte sie.

Dabei nimmt der französische Staat heute schon jede Menge Geld für die kleinen Franzosen in die Hand. Von drei Jahren an steht allen die kostenfreie école maternelle offen, die meistens ein an die Schule angeschlossener staatlicher Kindergarten ist. Für die Jahre davor sind Kinderkrippen vorhanden, die die Kleinen schon von wenigen Monaten an aufnehmen. Sicherlich klagen viele Mütter, dass die Zahl der staatlichen oder gemeinnützigen Krippenplätze nicht ausreiche.

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Schon Zweijährige können in die École maternelle

Durchschnittlich ist nur für 1,2 von 10 Kindern zwischen 0 und 3 Jahren ein Platz vorhanden. Die Regierung will daher die Zahl der Krippenplätze bis 2011 von 240.000 auf 350.000 erhöhen. Daneben bieten aber auch private und staatlich akkreditierte Kinderfrauen ihre Dienste an, und es gibt in etlichen Kommunen öffentliche Betreuungseinrichtungen, die Kinder stundenweise aufnehmen. Sofern Platz vorhanden ist, können auch schon Zweijährige in die École maternelle eintreten.

So lässt der internationale Vergleich keinen Mangel erkennen. Die Rate der Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren, die sich in einer öffentlichen oder privaten Betreuungseinrichtung befinden, liegt in Frankreich nach OECD-Statistiken bei 28 Prozent. Das ist nicht so viel wie in den nordischen Ländern, jedoch mehr als der OECD-Durchschnitt von knapp 23 Prozent. Deutschland rangiert bei 9 Prozent. Im Alter zwischen drei und fünf Jahren kommt Frankreich sogar auf eine Einschreibungsrate in Kinderbetreuungsstätten von 100 Prozent, Deutschland dagegen auf 80 Prozent.

„In Frankreich müssen die Frauen nicht wählen“

Willem Adema, Kinderexperte bei der OECD, ist überzeugt davon, dass die besseren Betreuungsmöglichkeiten zu einer höheren Geburtenrate führen. „In Frankreich müssen die Frauen einfach nicht wählen zwischen Beruf und Kindern; in Deutschland ist das häufig noch anders.“ Frankreich ist 2006 bei einer Geburtenrate von 2,07 Kindern je Frau angekommen, mehr als alle anderen Länder in der Europäischen Union. Neben den Betreuungseinrichtungen ist dabei auch die Mentalitätsfrage entscheidend. In einem Land, das 1887 seine erste staatliche Vorschule eröffnete, „werden Mütter einfach nicht schief angesehen, wenn sie arbeiten“, sagt Laurent Toulemon vom nationalen Demographie-Institut Ined.

Die französischen Kindergärten und Krippen sind weitgehend in staatlicher Hand oder werden von gemeinnützigen Organisationen getragen. Doch zunehmend betreten private Anbieter die Szene. Der 39 Jahre alte Personalberater Christophe Durieux führt und besitzt zusammen mit der vier Jahre jüngeren Kindergärtnerin Odile Broglin das 2004 gegründete Unternehmen „People and Baby“ (P&B). Es bietet privaten Unternehmen und Kommunen schlüsselfertige Kinderkrippen an.

Vorteile privater Anbieter werden immer mehr erkannt

„P&B“ sorgt für die Räumlichkeiten, stellt das Personal und verantwortet den gesamten Betrieb. Rund zehn Kindergärten betreibt das junge Unternehmen mit seinen 150 Mitarbeitern bereits. 2007 sollen 15 weitere Krippen sowie 50 bis 100 Mitarbeiter hinzukommen. Den Umsatz will das Unternehmen von 3 Millionen Euro im vergangenen Jahr bis 2008 auf 13 Millionen Euro steigern. Man mache keinen Verlust, aber auch noch keinen großen Gewinn, verrät Durieux. „P&B“ bezeichnet sich als größter Krippenanbieter Frankreichs. Dies zeigt, wie unterentwickelt der private Sektor noch ist. „Manche Kommunen, vor allem die, die von linksgerichteten, kommunistischen Bürgermeistern regiert werden, zögern teilweise noch“, sagt Unternehmenschef Durieux.

Doch immer mehr Gebietskörperschaften erkennen die Vorteile der privaten Anbieter. „Wir brauchen im Durchschnitt nur sechs Monate, um einen Crèche zu errichten; im öffentlichen Sektor sind es zwei Jahre“, berichtet Durieux. Die privaten Betreiber bieten dabei die gleichen Bedingungen wie die öffentlichen. Je nach Einkommen bezahlen die Eltern für einen Platz zwischen 0,2 und 2,54 Euro in der Stunde. Entsprechend den Vorschriften für alle Kinderkrippen gibt es eine Betreuungskraft für fünf Kinder, die laufen können, und eine für sieben, wenn sie noch nicht laufen.

Kindergärten teilweise auch samstags geöffnet

Die privaten Unternehmen sind zunehmend an den Betriebskindergärten interessiert, weil sie damit für die Mitarbeiter attraktiver werden. Und die Kommunen teilen sich manche Krippen mit ihnen, womit sie Kosten sparen. Ohnehin wird die Errichtung einer Krippe durch „P&B“ von der staatlichen Familienkasse CAF stark subventioniert; sie übernimmt in der Regel 60 Prozent der Kosten eines Krippenplatzes von 10.000 Euro im Jahr. Die Eltern können ihre Beiträge zudem von der Einkommensteuer absetzen.

„P&B“ wirbt damit, seine Betriebskrippen besser als die öffentliche Hand auf die Bedürfnisse von Unternehmen einzustellen. In der Regel sind die Kindergärten zwölf Stunden täglich geöffnet, teilweise auch am Samstag. Ist das bei voller Ausnutzung nicht ein bisschen lang für die Kinder? „P&B“-Chef Durieux meint, dass es auch um das Wohlbefinden der Eltern gehe, die ihrem Beruf nachgehen wollten. „Wenn es ihnen gutgeht, dann geht es auch den Kindern gut.“

Quelle: F.A.Z., 17.03.2007, Nr. 65 / Seite 12

 
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