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Krippenspiele (7) In Amerika ist die Kinderbetreuung ein gutes Geschäft

16.03.2007 ·  In Amerika gibt es Tausende Kinderbetreuungsstätten in Unternehmen, die sich die Kosten mit den Eltern teilen. Anbieter wie die börsennotierte Bright Horizons betreiben diese Kitas, zum Beispiel bei IBM oder JP Morgan.

Von Roland Lindner, New York
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Dave Lissy hat mit philosophischen Debatten über Segen oder Fluch von Kinderbetreuungsstätten wenig am Hut. Die hitzigen Diskussionen, die im Moment in Deutschland geführt werden, sind für den Amerikaner weit weg. Er sieht Kinderkrippen als Geschäftsmodell und bietet sie Unternehmen als Dienstleistung an.

Lissy ist Vorstandschef der amerikanischen Gesellschaft Bright Horizons, die mehr als 600 Kinderbetreuungsstätten in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen betreibt. Große Firmen wie der Technologiekonzern IBM oder der Finanzdienstleister JP Morgan gehören zu seinen Kunden.

Bright Horizons hat sein Geschäft in den vergangenen Jahren rasant ausgebaut. Das Unternehmen ist an der Börse vertreten und wird dort mit rund einer Milliarde Dollar bewertet. Dave Lissy verspricht auch für die Zukunft Wachstum: „Alle Trends sprechen für uns“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Der Markt der Krippendienstleister ist zersplittert

In ganz Amerika gibt es heute nach den Worten von Lissy 4000 bis 5000 Kinderbetreuungszentren direkt am Arbeitsplatz, also in Unternehmen oder öffentlichen Institutionen wie Behörden und Universitäten. Von den 500 umsatzstärksten amerikanischen Unternehmen haben 125 eine integrierte Kinderkrippe, sagt Lissy, „und 95 von denen sind unsere Kunden“.

Die meisten Krippen werden nicht von den Unternehmen selbst betrieben, sondern von Drittanbietern wie Bright Horizons. Der Markt dieser Krippendienstleister ist zersplittert: Hinter dem klaren Marktführer Bright Horizons folgt das Unternehmen Knowledge Learning mit 120 Standorten, daneben gibt es viele kleine Anbieter. Bei manchen Kunden ist Bright Horizons mehrfach im Geschäft: Für IBM betreibt das Unternehmen nach Angaben Lissys 17 Betreuungsstätten, bei JP Morgan sind es 15.

Angebot an Arbeitskräften ist eng geworden

Bright Horizons hat im vergangenen Jahr seinen Umsatz um 12 Prozent auf 698 Millionen Dollar ausgebaut, der Nettogewinn legte um 14 Prozent auf 42 Millionen Dollar zu. Auch in den kommenden Jahren erwartet Lissy ein Umsatzwachstum im niedrigen zweistelligen Bereich. Nach seinen Worten müssen Unternehmen immer härter darum kämpfen, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen und an sich zu binden.

Gerade in Amerika ist das Angebot an Arbeitskräften auf vielen Gebieten sehr eng geworden. Auch der demographische Wandel sorge dafür, dass Unternehmen ein größeres Interesse haben, ihre Mitarbeiter zu halten: Frauen bekommen ihr erstes Kind immer später im Leben. Zu diesem Zeitpunkt haben sie oder ihre Partner häufig schon eine längere Karriere im Unternehmen hinter sich, und ein Verlust wäre schwerer zu verschmerzen, als wenn es sich um Berufsanfänger handeln würde.

In ländlicheren Gebieten ist die Betreuung billiger

Nach den Worten von Lissy ist ein Betreuungsangebot ein zugkräftiges Argument: „Ich weiß von Unternehmen, die ihre Kündigungsrate mit dem Einrichten von Krippen gesenkt haben“, sagt er. Es gebe genügend Fälle, in denen Mitarbeiter wegen guter Kinderbetreuung in ihrem Unternehmen bleiben, selbst wenn sie ein anderes Jobangebot mit höherem Gehalt vorliegen haben.

Die Kosten für die Kinderbetreuungsstätten von Bright Horizons werden zwischen Unternehmen und Mitarbeitern aufgeteilt, aber die Unternehmen gehen erst einmal in Vorleistung. Sie stellen die Räumlichkeiten zur Verfügung und tragen die anfänglichen Investitionen, die meist irgendwo zwischen 500.000 und 4 Millionen Dollar liegen.

Von den an Bright Horizons zu bezahlenden Krippengebühren übernehmen die Firmen üblicherweise den kleineren Teil, im Schnitt sind es nach Angaben von Lissy 20 Prozent. Den Rest bezahlen die Mitarbeiter selbst. Die Gebühren liegen je nach Region zwischen 8000 und 20.000 Dollar im Jahr. Den Spitzensatz verlangt Bright Horizons in New York, in ländlicheren Gebieten ist die Betreuung billiger.

Expansion in weitere Länder

Die durchschnittliche Krippe von Bright Horizons hat nach Angaben von Lissy etwas mehr als hundert Kinder und zwischen 20 und 25 Betreuer. Die Zahlen variieren aber stark: Für den Technologiekonzern Cisco Systems betreibt Bright Horizons ein Zentrum mit 450 Plätzen. Die Hälfte der betreuten Kinder ist üblicherweise jünger als zwei Jahre, der überwiegende restliche Teil zwischen zwei und fünf.

In Amerika beginnt die Kindergartenzeit traditionell erst mit fünf Jahren. Neben den Vollzeit-Betreuungsplätzen bietet Bright Horizons seit einiger Zeit verstärkt sogenannte Backup-Dienste an, die Eltern in Notsituationen nutzen können, also zum Beispiel wenn die Tagesmutter ausfällt. Außerhalb Nordamerikas ist Bright Horizons auch in Großbritannien und Irland vertreten. Eine Expansion in weitere Länder sei zumindest in den kommenden zwei Jahren nicht geplant.

Ersatzlose Streichung des Angebots

Trotz seines soliden Wachstums ist auch Bright Horizons nicht vor Rückschlägen gefeit: So hat der schwer angeschlagene amerikanische Autohersteller Ford kürzlich angekündigt, sein Kinderbetreuungsangebot einzustellen. Damit fallen Bright Horizons auf einen Schlag sieben Standorte weg, die das Unternehmen bisher für Ford betreut hat.

Lissy beschreibt dies aber als einen seltenen Vorgang, der damit zu tun habe, dass die Lage bei Ford „derart verzweifelt“ sei. Üblicherweise reagierten Unternehmen nicht mit einer ersatzlosen Streichung des Angebots, wenn sie sich zum Sparen gezwungen sehen. Eher verlagerten sie einen größeren Teil der Gebühren auf die Mitarbeiter, etwa indem sie nur noch 15 statt wie vorher 20 Prozent übernehmen.

Google ist für seine großzügigen Leistungen bekannt

Ein prominentes Beispiel für ein Unternehmen, das die Kinderbetreuung selbst betreibt, ist Google. Der amerikanische Internetgigant unterhält in unmittelbarer Nähe zu seiner Zentrale im kalifornischen Mountain View eine Kinderkrippe. Unabhängig davon gibt es auch ein Backup-Angebot, das Mitarbeitern an fünf Tagen im Jahr kostenlos Zugang zu anderen Betreuungsstätten in der Region gibt.

Google ist für seine großzügigen Leistungen an seine Belegschaft bekannt, von der Gratiskantine kinder über Arztleistungen bis zu einem kostenlosen Shuttle-Dienst, der Mitarbeiter fast im gesamten Silicon Valley einsammelt. Genaue Einzelheiten über Größe und Kosten der Kinderbetreuung waren von Google nicht zu erfahren. Auf der Internetseite des Unternehmens sind aber derzeit allein neun Stellen für die Krippe nahe der Unternehmenszentrale ausgeschrieben.

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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