13.03.2007 · Von welchem Alter an sollen Kinder in die Schule gehen? Bis wie viel Uhr soll die Betreuung dauern? Michel Vuillaume, der Leiter des Lycée Victor Hugo in Frankfurt, erklärt im F.A.Z.-Interview, wie es die Franzosen machen.
Von welchem Alter an sollen Kinder in die Schule gehen? Bis wie viel Uhr soll die Betreuung dauern? Michel Vuillaume, der Leiter des Lycée Victor Hugo in Frankfurt, erklärt, wie es die Franzosen machen.
Herr Vuillaume, bis wie viel Uhr bleiben die Kinder täglich in Ihrer Schule?
Die letzten gehen um 17.30 Uhr. Die Drei- bis Sechsjährigen stehen jeden Tag von 7.50 bis 15 Uhr unter der Aufsicht der Schule. Anschließend gibt es auf dem Schulgelände eine Betreuung auf Vereinsbasis bis 16.30 Uhr. Außer Mittwoch, da ist spätestens um 14 Uhr Schluss für die Kleinen. Die Sieben- bis Achtzehnjährigen können von 7.50 Uhr bis 17.30 Uhr bleiben.
Das ist lang, reicht aber manchen berufstätigen Eltern immer noch nicht aus.
Wer eine noch längere Betreuung braucht, kann sich an eine private Initiative hier in unmittelbarer Nachbarschaft wenden. Die holen die Kinder bei Bedarf auch in der Schule ab.
Für solch ein Angebot geht leicht ein zweites Gehalt drauf.
Kinder kosten Geld, das kann man ihnen nicht vorwerfen. Kinder machen monetär nicht reich, aber sie machen unser Leben sehr viel reicher. Der Besuch unserer Schule in Frankfurt kostet in der Tat Geld, jährlich zwischen 2.890 Euro in der Vorschule und 3.650 Euro in der Oberstufe. Aber, nicht vergessen: Das ist nur die Hälfte der Kosten, die andere trägt der französische Staat.
Die Kantine kostet extra.
Ja. Aber wichtig ist doch, dass wir eine Kantine haben. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, wie man an deutschen Schulen beobachten kann. Gute Ernährung aber gehört zu einer guten Schule, und sie ist Voraussetzung für die Ganztagesbetreuung. Bei uns essen täglich 700 Menschen zu Mittag.
Auch die ganz Kleinen?
Ja, auch die Kleinen. Sie werden sogar am Tisch bedient.
Die Dreijährigen gehen bei Ihnen ganztägig in die Vorschule statt in einen Kindergarten. Überfordert das die Kinder nicht?
Überhaupt nicht. Die sind doch, erlauben Sie mir dieses Wort, wie ein Schwamm, sie saugen alles auf. Kinder sind wissbegierig, sie wollen lernen. Drei Jahre ist dafür keinesfalls zu früh.
Halten Lehrer den Unterricht?
Ja, auch die ganz Kleinen in der Vorschule erhalten Qualitätsunterricht. Sie werden von Lehrern unterrichtet, die mindestens ein vierjähriges Studium absolviert haben.
Was unterscheidet aus Ihrer Sicht die Vorschule von einem Kindergarten?
Ich empfinde den Kindergarten als einen Hort der Individualität, in dem es vor allem um die Herausbildung des „Ich“ geht. Die Vorschule ist indes ein Hort der Sozialisierung, hier geht es um die Herausbildung des „Wir“.
Das kann man auch anders sehen: Durch die langen Schulzeiten werden die Kinder von den Eltern entfremdet und leiden in ihrer Entwicklung.
Ich habe nicht den Eindruck, dass in Frankreich nur sozial beschädigte Kinder umherlaufen, weil sie lange in der Schule sind. Wir sind der Meinung, dass nicht die Eltern allein erziehen, sondern dass Schule, Nachbarschaft, Umwelt und so weiter ihren Teil beitragen. Und es ist ja nicht so, als seien die Kinder das ganze Jahr über von den Eltern getrennt. Der pädagogische Rhythmus einer französischen Schule entspricht im Durchschnitt sechs bis sieben Wochen Schule, zwei Wochen Ferien. Die Sommerferien dauern acht Wochen.
Acht Wochen! Welcher Berufstätige soll das denn schaffen?
In Frankreich ist es üblich, dass die Kinder in den großen Ferien etwa drei Wochen lang ein Ferienlager, eine sogenannte Colonie de vacance, besuchen. Außerdem organisieren die Gemeinden Betreuungsangebote bis 19 Uhr. Das klappt ganz gut.
Sie kennen den Vorwurf der Rabenmutter?
In Frankreich gibt es das Thema „Rabenmütter“ oder „Rabenväter“ gar nicht. Hier leben die Eltern anderes vor, schaffen andere Traditionen. Es ist ganz normal, dass die Frauen arbeiten gehen. Und weil die Mädchen das sehen, gehen sie später auch arbeiten. Ganz selbstverständlich. Wenn man das in Deutschland schaffen will, muss man große strukturelle Veränderungen anstoßen.
Und weil die Schulen und Gemeinden solch prima Angebote bieten, bekommen die Französinnen mehr Kinder?
Das kann sein. Aber grundsätzlich glaube ich, ist es eher so, dass viele Frauen heute arbeiten müssen, damit sich die Familie einen ordentlichen Lebensstandard leisten kann. In den sechziger Jahren war das zweite Einkommen eher für die Extras, das ist heute anders, weil die Menschen andere, berechtigte Ansprüche haben. Nehmen wir einen Lehrer, der verdient etwa 2.800 Euro vor Steuern - und da reden wir von der Mittelschicht. Ein Arbeiter kommt auf vielleicht 1.200 Euro. Das reicht doch vorne und hinten nicht, wenn man ein Eigenheim, ein gute Ausbildung für seine Kinder oder ein wenig Urlaub haben möchte. Und damit beide arbeiten gehen können, müssen wir eben umfassende und gute Betreuung zur Verfügung stellen.
Das hat also nichts mit der Selbstverwirklichung der gut ausgebildeten Frauen und Männer zu tun?
Selbstverwirklichung - das ist eine deutsche Herangehensweise. Wir Franzosen gehen in erster Linie arbeiten, um etwas zu essen zu haben. Wenn es gut läuft, kommt dann der Spaß bei der Arbeit.
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