12.03.2007 · Familie Baker hatte es gut, denn sie hatte Mary Poppins, das Kindermädchen mit den magischen Fähigkeiten. In der Realität aber hat das Thema Kinderbetreuung in Großbritannien wenig Märchenhaftes an sich. Betreuung ist teuer oder knapp - oder beides.
Von Bettina Schulz, LondonEnglische Kindergärten und Tagesmütter sind teuer. Gleichzeitig gibt es in Großbritannien zu wenige staatliche Kindergärten, und deshalb müssen die Eltern tief in die Tasche greifen für die Betreuung ihrer Kinder. Fast 5 Milliarden Euro zahlen Eltern im Jahr privat für Kindergartenplätze und Betreuung, berichtet das UK National Audit Office, eine dem deutschen Bundesrechnungshof vergleichbare Institution in Großbritannien.
Insgesamt gibt es in England mittlerweile 1,26 Millionen registrierte Kindergartenplätze, viele davon sind aber nur Halbtagsplätze. Die Engländer stöhnen über die hohen Kosten der Kinderbetreuung. Einen privaten Kindergarten können sich viele Familien kaum leisten.
„Sure Start“ für arme Familien
Seit 1997 versucht die Labour-Regierung, die viel kritisierte britische Familienpolitik langsam zu ändern. Im Jahr 1999 startete die Regierung das Programm „Sure Start“, das zumindest allen Stadtregionen mit besonders bedürftigen Familien einen staatlichen Kindergarten garantieren sollte. Schließlich müssen in diesen Familien in der Regel beide Elternteile arbeiten und Geld verdienen. Sie sind deshalb besonders auf eine Kinderbetreuung außerhalb des Familienhaushaltes angewiesen.
Mittlerweile sind 1000 solcher staatlichen „Sure Start Children Centres“ in den ärmsten Stadtregionen Großbritanniens errichtet worden. Nach Regierungsangaben kommen nun 800.000 Kinder in den Genuss zumindest eines Teilzeit-Kindergartenplatzes.
Im Jahr 2010 soll die Zahl dieser staatlichen Kindergärten auf 3500 gestiegen sein, so dass praktisch alle Kinder von Eltern mit einem niedrigen Einkommen die Möglichkeit haben, in ihrem Stadtgebiet eine staatliche Tagesstätte zu besuchen.
Mangel an bezahlbaren Kindergartenplätzen
Noch sind britische Eltern aber weitgehend auf Tagesmütter oder private Kindergärten angewiesen. Die kosten allerdings umgerechnet gut 900 Euro im Monat. In London können es bis zu 1200 Euro monatlich sein. Selbst zu diesen Kosten werden die Kinder aber oft nur bis zum Mittag oder frühen Nachmittag betreut.
Tagesmütter verdienen 850 Euro im Monat, Nannies verlangen in London 12 bis 14 Euro je Stunde - und eigentlich müssen die Eltern ihre Nannies noch versichern und Sozialabgaben für sie entrichten. Kein Wunder also, dass die Briten über den Mangel an bezahlbaren Kindergartenplätzen klagen. Die hohen Kindergarten- und im Zweifelsfall auch die hohen Gebühren für Privatschulen sind mit ein Grund, weshalb in Großbritannien oft beide Elternteile berufstätig sein müssen. Nur mit zwei Gehältern kommen sie über die Runden.
Betreuung selbst im Schulalter ein Drahtseilakt
Steuervergünstigungen, wie zum Beispiel die steuerliche Absetzbarkeit von wöchentlichen Betreuungskosten von umgerechnet 75 Euro, stehen nur sehr bedürftigen Haushalten zu. Es gibt keine Vergünstigungen für Familien mit drei oder mehr Kindern. In Großbritannien greifen deshalb 25 Prozent aller Großeltern in die Tasche, um einen Teil zur Finanzierung der Betreuung und der Ausbildung ihrer Enkel beizusteuern.
Die Betreuung von Kindern ist in Großbritannien auch im Vorschulalter und selbst im Schulalter der Kinder für die meisten Familien noch ein Drahtseilakt. Wesentlich mehr Frauen als in Deutschland sind berufstätig und daher auf Kinderbetreuung angewiesen. Gut 60 Prozent aller britischen Familien nutzen Kindergartenplätze, Tagesmütter oder Nannies. 36 Prozent dieser Eltern nutzen die Betreuung nur, weil sie berufstätig sind.
Die langen Ferien sind ein Graus für die Eltern
Allerdings beginnt die Schulpflicht in Großbritannien früher als in Deutschland. In Großbritannien werden Kinder mit fünf Jahren eingeschult, und der Unterricht dauert dann meist bis 15.30 Uhr nachmittags. Das entlastet berufstätige Eltern. In den Ferien aber schließen die Schulen und Kindergärten. Und die Ferien fallen mit insgesamt 16 Wochen deutlich länger aus als in Deutschland - ein Graus für alle berufstätigen Väter und Mütter, die oft nicht wissen, wie sie die lange Zeit überbrücken sollen.
Schulen und Kindergärten, auch private Sport-, Theater- und Freizeitunternehmen bieten zwar Ferienprogramme an. Für diese müssen die Eltern aber einiges bezahlen - in der Regel 100 Euro in der Woche. Und selbst dann decken die Ferienprogramme nicht die sonst übliche Schulzeit ab.
Neben der Hypothek, die viele Briten für ihr Eigenheim aufnehmen, sind die Kosten für Kindergarten, Schule und Nannies der mit Abstand größte Kostenblock der Haushalte. Mütter müssen schnell wieder ins Berufsleben zurück, um zum Familieneinkommen beizutragen. Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, hat die Familienpolitik der Regierung deshalb als „völlig familienfeindlich“ kritisiert.
Eine Nannie für 850 Euro im Monat? Das ist ja billiger als ein Krippenplatz!
Susanne von Puttkamer (linevp)
- 12.03.2007, 11:54 Uhr
Au-Pairs aus Osteuropa
Fionn Huber (fionn)
- 12.03.2007, 12:21 Uhr
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