10.03.2007 · Gisela Erler gründete 1991 den Familienservice. Die Geschäftsidee: Unternehmen kaufen Dienste wie die Vermittlung von Tagesmüttern oder den Betrieb einer Krippe für ihre Mitarbeiter ein. Im Interview spricht sie über über alte Denkmuster und neue Chancen.
Gisela Erler, Jahrgang 1946, ist eine Kämpferin der ersten Stunde für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie war Familienforscherin am Deutschen Jugendinstitut, bevor sie 1991 den Familienservice gründete. Das Geschäftsmodell: Unternehmen kaufen Dienstleistungen wie die Vermittlung von Tagesmüttern, Au-pairs oder Kinderfrauen ein. Im Auftrag der Firmen betreibt der Familienservice auch Kindertagesstätten.
Kinderbetreuung ist das Thema der Stunde. Lehnen Sie sich entspannt zurück und denken: Ich hab’s schon immer gewusst?
Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren auf diesem Feld. Jetzt forcieren neben der Politik auch Unternehmen und Verbände das Thema. Die EU und andere internationale Organisationen betonen, dass weibliche Erwerbstätigkeit notwendig ist. Aber entspannt zurücklehnen kann man sich natürlich überhaupt nicht. Bis das alles umgesetzt ist, werden Jahrzehnte vergehen. Es ist noch ein langer Weg zu gehen.
Wohin muss dieser Weg führen?
In nächster Zeit entscheidet sich, ob die Kommunen die Betreuung der unter Dreijährigen alleine stemmen müssen oder ob kreative, systematische Kooperationen zwischen Kommunen und Unternehmen gelingen. Ein anderes Thema ist, dass es in den Krippen möglich werden muss, dass sich Kinder einen Platz teilen. Die wenigsten Eltern suchen ja einen Platz für fünf volle Tage.
Ein Knackpunkt bleibt: die Kosten.
In den meisten Krippen liegt das Erzieher-Kind-Verhältnis ungefähr bei eins zu sechs oder höher, in unseren Einrichtungen bei eins zu vier. Eigentlich bräuchte man aber die europäischen Standards, und die liegen für Säuglinge eher bei eins zu drei. Das macht die Betreuung natürlich teuer. Ein guter Krippenplatz in Westdeutschland kostet mit allem Drum und Dran ungefähr 1400 Euro, aber auf keinen Fall weniger als 1200 Euro im Monat.
Wer soll das bezahlen? Die Eltern? Der Staat? Die Unternehmen?
Der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Johannes Singhammer, hat kürzlich darauf hingewiesen, dass die Gemeinden im Moment Milliarden sparen durch die niedrigen Geburtenraten. Man muss nicht unbedingt nur neues Geld ausgeben, sondern kann zunächst einmal das Geld, das durch die zurückgehenden Kinderzahlen an anderer Stelle gespart wird, verwenden. Wenn die Betreuung sehr teuer ist, können normalverdienende Familien oder Migrantenfamilien sie nicht nutzen. Betreuung muss bezahlbar sein, tendenziell nach Einkommen gestuft und für Geringverdiener kostengünstig. Sonst kommt es nicht zu dem Effekt, dass Frauen arbeiten und Kinder gut betreut werden. Das ist besonders wichtig für gesellschaftliche Risikogruppen.
Hat sich überhaupt schon etwas bewegt?
Es hat sich etwas in den Köpfen bewegt, ganz langsam. Aber eine grundsätzliche Erleichterung ist in Deutschland bisher nicht zustande gekommen. Selbst in Berlin, mit einer relativ ordentlichen Versorgung, ist es heute nicht leicht, wirklich gute und liebevolle Betreuung zu finden, schon gar nicht für Kinder im ersten Lebensjahr. Und wenn Sie in die westdeutschen Flächenländer gehen – da hat sich weder in den Köpfen noch in der Realität sehr viel verändert. Aber ich habe das Gefühl, dass wir erstmals einen Umbruch erleben, eine mentale Zeitenwende.
Also doch ein Hoffnungsschimmer?
Ich muss aber einschränkend sagen, wenn das Schulproblem nicht gelöst wird, wenn es keine guten, verlässlichen, unterstützenden Ganztagsangebote für die Schulkinder erwerbstätiger Eltern gibt, dann wird das Betreuungsproblem immer weiter nach hinten verlagert. Das ist immer noch ein großes Drama für Familien.
Die großen Baustellen liegen also bei den ganz Kleinen und den Schulkindern?
Generell eigentlich immer bei der Ganztagsbetreuung. In unseren Einrichtungen wird mit den sogenannten Spätkindern bis zum Schluss gespielt, man isst mit ihnen abends, erzeugt keine Situation, in der die Kinder den Eindruck bekommen: Du bist übriggeblieben. Dann sollen die Eltern eben die Überstunden bezahlen, oder es soll Hol- und Bringdienste geben.
Vielleicht sind private Anbieter ja die besseren Kinderbetreuer.
Es ist wichtig, dass auch Eltern mit niedrigem Einkommen Zugang zu solchen Lösungen haben. Nehmen sie die Verkäuferinnen. Privatanbieter sind gut und schön, aber wir brauchen sicherlich öffentlich geförderte Angebote, ob bei privaten oder gemeinnützigen Trägern. Unbestritten haben die Privaten qualitativ viele positive Impulse gesetzt. Wir brauchen aber auch mehr Ehrenamt. Eine Art kulturelle Allianz für die Zivilgesellschaft, denn die Eltern alleine schaffen es nicht.
Andere Länder sind weiter als wir.
Sehr interessant für uns ist Holland. Dort arbeiten viele Menschen in Teilzeit, auch Männer. Die Unternehmen sind stark beteiligt an der Kinderbetreuung. In Schweden ist die Unterstützung der Eltern durch die Betreuungseinrichtungen so gut, dass es für den Bildungserfolg der Kinder statistisch gesehen keinen Unterschied mehr macht, ob der Vater Professor ist oder Verkäufer im Baumarkt. Das ist eine bemerkenswerte Leistung, allerdings erkauft durch hohe Steuern. Wir werden wohl eher eine Mischung aus dem schwedischen und dem französischen Modell kriegen. Die Franzosen haben viel Tagespflege, die aber ist besser qualifiziert und kontrolliert als bei uns. Haushaltsnahe Dienstleistungen werden steuerlich stark gefördert.
Wird uns das Thema noch lange begleiten?
Ja. wir werden noch lange zu tun haben. Und natürlich wird es in jeder erwerbstätigen Familie Krisen geben. Vielleicht werden wir auch hin und wieder sagen: Wären wir doch alle am besten zu Hause geblieben und hätten Apfelkuchen gebacken! Auf Erden gibt’s eben kein Paradies.
Interssanter Beitrag mit Zwischentönen!
Susanne von Puttkamer (linevp)
- 10.03.2007, 11:24 Uhr
Klingt merkwürdig
Niko Akathari (NikoA)
- 10.03.2007, 13:39 Uhr
Leeres Gerede, während gestellte Sachfragen unbeantwortet bleiben:
Daniel Rossmann (Danielrossmann)
- 10.03.2007, 17:12 Uhr
@Dr. Thiel: Blick nach Frankfreich genügt leider nicht.
Susanne von Puttkamer (linevp)
- 11.03.2007, 12:55 Uhr
Bravo Frau Puttkmaer, Akathari und Herr Rossmann!
Norbert Pütz (nevergiveup)
- 11.03.2007, 14:08 Uhr
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