20.03.2007 · Die Werberin Patrizia Karben wollte mit ihrer Zeit etwas Sinnvolles machen und gründete im Taunus mit ihrem privaten Geld eine Kindertagesstätte. Sie verbindet flexible Betreuungszeiten mit einem ausgereiften pädagogischen Konzept.
Von Judith LembkeCarolina zögert. Sie hält inne, denkt einen Moment nach, um dann vorsichtig von dem kleinen Hocker abzusteigen und ihn dichter an den nächsten zu rücken. Dann steigt sie wieder auf und macht einen sicheren Schritt. Beim Übergang zum folgenden Hocker traut sie sich schon zu, einen kleinen Zwischenraum zu überschreiten.
Carolina scheint alle Zeit der Welt zu haben. Keiner drängelt sie, weder ihre Spielkameraden aus der orangefarbenen Gruppe, noch die Erzieherin, die am Ende des Hocker-Parcours auf sie wartet und Carolina mit einer Umarmung und einem „That was really good“ lobt.
Carolina hat nun richtig Freude an der Herauforderung gefunden. Die anfängliche Angst ist verflogen, und sie geht den Parcours noch einmal ab - diesmal ohne die Hocker vorher zusammenzuschieben.
Nichts wird aufgezwungen
Aus dem Bewegungsraum dringen Mozarts Zauberflöte, Kinderlachen und die aufmunternden Wörter der beiden Erzieher. Mal hört man Deutsch, mal Englisch, abhängig von der Muttersprache des Betreuers und der Lust der Kleinen, in welcher Sprache sie antworten möchten.
Wie mit dem Englischen funktioniert eigentlich alles bei „Kinderzeit“, einer privaten Kindertagesstätte für Kinder von sechs Monaten an in Schwalbach im Taunus. Die fremde Sprache ist ebenso wie die zahlreichen Aktivitäten ein Angebot, das den Kleinkindern gemacht, aber keineswegs aufgezwungen wird.
Wer Lust hat, zu malen, Englisch zu sprechen oder etwas zu bauen, wird unterstützt. Wenn ein Kind jedoch lieber einmal einen Vormittag verträumt am Rand sitzen möchte, respektieren die Erzieher auch das.
„Ich fand meine Arbeit oft sinnlos und unbefriedigend“
Patrizia Karben beobachtet das Treiben im Bewegungsraum durch die großen Glasscheiben, die den Raum vom Flur trennen, wo gerade das Frühstück abgeräumt wird. Sie zeigt stolz auf die Spielkameraden, die geduldig darauf warten, bis Carolina sich die Hocker so zurechtgerückt hat, dass sie sich sicher fühlt.
„Das ist wirklich ein tolles Sozialverhalten. Kinder, die neu hierherkommen, müssen das meistens erst lernen“, sagt sie. In solchen Momenten ist sich Patrizia Karben sicher, dass sie alles richtig gemacht hat. Dass es kein Fehler war, den gutbezahlten Job als Kontakterin aufzugeben und sich als Laie in ein Feld vorzuwagen, das sie selbst nur aus der eigenen Kindheit kannte, aber von dem ihr jeder versicherte, dass es mühsam, risikoreich und wenig profitabel sei.
Die Idee, sich der Kinderbetreuung zu widmen, kam Patrizia Karben im Sommerurlaub. „Ich fand meine Arbeit in der Werbeagentur oft so sinnlos und unbefriedigend“, sagt sie. „Ich habe auf diese grüne Schweizer Almwiese geschaut, und mir war klar, dass ich mit meiner Zeit etwas Sinnvolles machen wollte - so kam mir die Idee mit der Kindertagesstätte.“
„Auf Kosten der Kinder reich werden“
Zurück in Darmstadt, habe sie die Idee von einer grünen Wiese und Kindern, die darauf spielen, nicht mehr aus dem Kopf bekommen, sagt sie. Am Wochenende setzte sie sich hin und feilte an Konzept und Businessplan. Eine Kindertagesstätte zu gründen dürfte ja nicht so viel anders funktionieren, als sich mit einem kleinen Betrieb selbständig zu machen - das dachte Karben zumindest am Anfang.
Zunächst begegneten ihr die Jugendämter mit Misstrauen. „In Deutschland gilt es als verwerflich, dass jemand mit Kinderbetreuung Geld verdienen will“, erfuhr Karben in der Zeit. „Erst als ich immer wieder dort auftauchte und sie verstanden, dass ich wirklich etwas Gutes machen und nicht auf Kosten der Kinder reich werden will, haben sie mich unterstützt.“
Mit lehmverklebten Gummistiefeln im Fahrstuhl
Als nächstes machte sie Bekanntschaft mit der Bürokratie, vor allem mit dem deutschen Baurecht. Kaum hatte sie eine Auflage erfüllt, kam schon wieder eine andere auf sie zu, von der sie gar nicht geahnt hatte, dass es diese auch noch geben könnte. Auch die meisten Vermieter ließen sie abblitzen, sobald sie nur das Wort „Kinder“ erwähnte.
Als sie geeignete Räume gefunden hatte, sprang die Bank mit der Finanzierung ab. Dabei bestritt sie den Löwenanteil der 250.000 Euro teuren Finanzierung ohnehin mit Eigenkapital. Auch ein Mieter der Büroimmobilie in Schwalbach, wo die Kindertagesstätte mittlerweile im Erdgeschoss eingezogen ist, war am Anfang nicht begeistert von der Idee, den Fahrstuhl mit lehmverklebten Gummistiefeln zu teilen - denn die grüne Almwiese ist noch immer fester Teil des Betreuungskonzepts und hat in Form eines Spielplatzes und einer Ponykoppel auf der Straßenseite gegenüber ihren Platz bekommen.
Bedürfnis der Kinder nach Stabilität
So richtig schwierig fand sie es aber erst, als im September 2005 die Kinder kamen. Vor allem das Bedürfnis der sechs Monate bis drei Jahre alten Kinder nach Stabilität mit dem Wunsch der Eltern nach einem individuellen und flexiblen Betreuungsangebot zu vereinbaren, erwies sich als äußerst kompliziert.
Denn im Gegensatz zu vielen anderen Einrichtungen ist es bei Kinderzeit möglich, Kinder nur stunden- oder tageweise zu bringen oder die gebuchten zwei Tage in der Woche auch einmal auf fünf aufzustocken, wenn die Eltern im Büro gerade viel zu tun haben.
„Ich weiß , dass ich richtig gehandelt habe“
Auch die Erzieher mussten erst lernen, dass längere Öffnungszeiten und mehr Wahlmöglichkeiten für die Eltern auch Schichtdienst und Überstunden für sie selbst bedeuten. Ein voller Krippenplatz kostet 1150 Euro im Monat, die Stunde 6,70 Euro. Auf vier Kinder zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren kommt ein Betreuer, elf Vollzeit- und sieben Teilzeitkräfte sind im Schichtdienst für 80 Kinder zuständig.
Karben ist sich bewusst, dass sie mit der privaten Kinderbetreuung nicht reich werden wird. Aber sie ist zuversichtlich, dass sich Kinderzeit in drei Jahren selbst trägt. Trotz allem würde sie sich immer wieder so entscheiden. „Ich saß hier auch schon und habe mich gefragt, wie ich alles, was ich besitze, hier reinstecken konnte. Aber wenn ich sehe, welche Fortschritte die Kinder täglich machen, weiß ich, dass ich richtig gehandelt habe.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.385,67 | −0,61% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2454 | −0,28% |
| Rohöl Brent Crude | 105,05 $ | −1,68% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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