23.11.2009 · Der Finanzsektor solle eine „dienende Funktion“ für die wirtschaftlichen Kreisläufe haben, sagte Kanzlerin Merkel kürzlich. Doch Mittelständler empfinden das zuweilen ganz anders. Ursula Deuer ist eine von ihnen. Hier erzählt sie, wie die KfW von ihr 8,8 Prozent Zinsen für einen Kredit verlangte.
Von Holger AppelUrsula Deuer klingen die Worte der Bundeskanzlerin in den Ohren. Es sei Zeit, daran zu erinnern, dass der Finanzsektor im Kern eine „dienende Funktion“ für das Funktionieren der wirtschaftlichen Kreisläufe habe, hat Angela Merkel in ihrer ersten Regierungserklärung der neuen Amtsperiode mit Blick auf die Finanzkrise Anfang November gesagt. In den vergangenen Tagen legte die Kanzlerin nach. Die Banken forderte sie auf, die vom Staat geschaffenen Möglichkeiten zu nutzen und Kredite zu vergeben. „Ansonsten werden wir große Schwierigkeiten mit unserer Wirtschaft haben. Wir wollen den Unternehmen weiter ausreichende Finanzierungswege eröffnen.“ Die Banken müssten sich an der Bewältigung der Krisenkosten beteiligen. Besonders der Mittelstand dürfe als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft nicht in eine Kreditklemme geraten.
Ursula Deuer ist „der Mittelstand“, um den sich die Kanzlerin und die gesamte deutsche Politik sorgen, und ausgerechnet die staatseigene Förderbank KfW nimmt ihr nun jeden Glauben an ebendiese Versprechen. Deuer ist Geschäftsführerin der Bruno Unger GmbH & Co KG in Boppard, einem seit 75 Jahren bestehenden Unternehmen, das mit seinen knapp 50 Mitarbeitern Messer und Ersatzteile für die Druck- und Verpackungsindustrie, insbesondere für Falzapparate, in aller Welt herstellt. Im Jahr 2008, also noch zu einer Zeit, da die Finanzmarktkrise nicht voll ausgebrochen war, wurde ein Anbau auf dem Werksgelände in Auftrag gegeben und die Finanzierung der auf 800.000 Euro veranschlagten Investition über die Kreissparkasse Simmern bereitgestellt. 700.000 Euro finanzierte die Firma Unger im Sommer 2008, die restlichen 100.000 Euro sollten später hinzukommen. Das war im Sommer 2009 der Fall. Geschäftsführerin Deuer wählte einen Kredit aus dem zur Stützung der Wirtschaft aufgelegten Sonderprogramm der Bundesregierung, der über die KfW vergeben wird - und traute ihren Augen nicht. „Wir haben von Mitte 2008 auf Mitte 2009 einen Umsatzrückgang von rund zwanzig Prozent. 2008 haben wir für die Betriebserweiterung 700 000 Euro zu einem Zinssatz von 5 Prozent über die Kreissparkasse finanziert. Ein Jahr später verlangt die KfW für die restlichen 100.000 Euro 8,8 Prozent“, sagt sie und ergänzt: „Die Bundeskanzlerin hat gefordert, dass die Banken die günstigen Zinskosten an den Mittelstand weitergeben sollen. Das kann man ja wohl vergessen.“
Ein gewisser Aufschlag wegen der sich verschlechternden Lage sei in Ordnung, meint Deuer. „Aber die Sicherheitszuschläge sind innerhalb kürzester Zeit derart stark gestiegen, dass ich dafür kein Verständnis habe.“ Hinzu kämen ein kompliziertes Antragsverfahren, umfangreiche Pflichten zur Dokumentation und lange Wartezeiten bis zur Zusage. Seit 29 Jahren sei sie im Hause tätig, aber so etwas habe sie noch nie erlebt. „Früher wurde für ein Rating auf die vergangenen zwei bis drei Jahre geschaut. Jetzt gilt nur noch der kurzfristige Ausblick. Der verzerrt aber doch das Bild. Ich musste zudem einen Bericht vorlegen, wie es im Betrieb weitergehen wird. Also habe ich versucht, ein Bild von der Zukunft zu malen. Aber das hat was von Grimms Märchen“, sagt die Geschäftsführerin. Warum hat sie sich überhaupt an die KfW gewandt und den Kredit genommen? „Ich hätte den Kredit auch von der Kreissparkasse bekommen. Aber ich wollte in diesen Zeiten die Kreditlinie schonen. Deshalb habe ich den Kredit über die KfW beantragt und auch abgeschlossen“, sagt sie.
„Unsere Kreissparkasse war eine echte Hilfe“
Die KfW will zu diesem Kreditengagement keine Stellung nehmen: Bankgeheimnis. Aber der Vorstandsvorsitzende Ulrich Schröder gibt auf Anfrage zumindest einen Einblick in den generellen Ablauf einer Kreditgewährung. Die Staatsbank sei bei der Kreditvergabe aus dem Konjunktursonderprogramm strikt an EU-Recht gebunden. Der Kredit dürfe keine Subvention darstellen und keinen Sanierungsfall am Leben erhalten. In der Tat sei es so, dass sich die Ratingmethodik typischerweise an den aktuellen Daten orientiere. Im Rahmen einer Justierung des Konjunkturpaktes könne man darüber nachdenken, hier historische Daten stärker zu berücksichtigen. „Die letzten zwanzig oder dreißig Jahre kann man nicht zurückblicken. Aber ist ein Geschäftsführer schon längere Zeit, sagen wir, mindestens fünf Jahre, im Amt, dann könnte das ein zusätzliches Kriterium sein“, meint Schröder. Darüber entscheide aber die Politik.
Ansonsten gelte ein klares Verfahren mit banküblichen Regeln. Die Bonität des Kreditnehmers und die Werthaltigkeit der Sicherheiten spiegeln sich in sieben Preis- und drei Besicherungsklassen (niedrig, mittel, hoch). Aus der Kombination errechnet die KfW den risikoadjustierten Zinssatz. „Wir müssen Risikomargen bis zu 6 Prozentpunkten nehmen“, sagt Schröder. Der Satz orientiert sich zudem an einem EU-Referenzzinssatz, der nicht dem EZB-Leitzins von 1 Prozent entspricht, sondern derzeit 3,1 Prozent beträgt. Dann wird geprüft, ob das Engagement grundsätzlich im Rahmen der von der Bundesregierung vorgegebenen Risikotoleranz - der Relation zwischen Rating und Besicherung - liegt. Danach wird die Zusage erteilt oder nicht. Wie stabil die Werthaltigkeit der Sicherheiten im Fall Unger ist, gibt die KfW nicht preis. Aber der verlangte Zinssatz dürfte einen Hinweis darauf geben, dass die Tragfähigkeit nicht die höchste ist. Immerhin nimmt die Förderbank der Hausbank 90 Prozent des Ausfallrisikos ab und ist später Rechenschaft schuldig über den Einsatz und den möglicherweise eintretenden Verlust von Steuergeld.
Die Geschäftsführerin überzeugen die Argumente der Staatsbank nicht. „Ich lese in der Zeitung, dass die KfW nach verlustreichen Jahren wieder Gewinn macht, vor allem dank ihres großen Zinsüberschusses. Das ist kein Wunder, wenn sie die Konditionen so festlegt. Da kann man natürlich wunderbar das Geld wieder hereinholen, das man anderenorts versenkt hat“, schimpft sie. Die KfW hingegen beteuert, außer einer Bearbeitungsgebühr erhalte sie im Sonderprogramm nichts, der Zinsertrag lande beim Bund als Rücklage für Kreditausfälle. „Die KfW verdient nichts an der schwierigen Finanzierungssituation der Mittelständler“, sagt KfW-Sprecher Michael Helbig. Ursula Deuer hat ein anderes Urteil gefällt: „Unsere Kreissparkasse war eine echte Hilfe. Wir haben die Kredite neu geordnet, sodass die Liquidität geschont wird. Aber bei anderen habe ich den Eindruck, dass die Banken keine Partner der Wirtschaft mehr sind. Auch die KfW nicht.“
Frank-Holger Appel Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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