19.05.2009 · Lange haben sich die Versicherungen gegen einen staatlichen Schutzschirm für Kreditversicherer gewehrt. Jetzt beugen sie sich dem Druck ihrer Kunden und dem der Bundesregierung. Eine Arbeitsgruppe wird nun die Modalitäten klären.
Von Philipp KrohnDie deutschen Versicherer geben ihren Widerstand gegen staatliche Hilfe für die Kreditversicherung auf. Die Kreditversicherer und der Branchenverband GDV werden mit dem Bundeswirtschaftsministerium eine Arbeitsgruppe bilden, um diese Hilfe vorzubereiten, wie die F.A.Z. aus Verhandlungskreisen erfuhr. Mehrere Branchen und die drei großen Wirtschaftsverbände BDI, DIHK und ZDK haben sich in den vergangenen Wochen dafür eingesetzt, Unternehmen zu helfen, die keinen Deckungsschutz für ihre Warenlieferungen mehr erhalten. Sie seien unverschuldet von der Finanzkrise betroffen, argumentieren die Befürworter der staatlichen Hilfe.
Mit Kreditversicherungen schützen sich Zulieferbetriebe dagegen, dass ihre Abnehmer eine Ware zwar beziehen, aber im Anschluss zahlungsunfähig werden und die Rechnung nicht mehr begleichen können. Zwischen Lieferung und Bezahlung liegen oft 30 Tage bis zu einem halben Jahr. Den Markt in Deutschland teilen sich im Wesentlichen fünf Anbieter. Euler Hermes beherrscht ihn mit einem Marktanteil von 47 Prozent, die wichtigsten Wettbewerber sind Atradius mit 23 und Coface mit 20 Prozent. Kleinere Anteile haben auch die R+V und Zürich.
Neuverträge um bis zu 30 Prozent teurer
Angesichts der Finanzkrise mussten die Anbieter sich dem Vorwurf aussetzen, bestimmte Risiken gar nicht mehr zu versichern und die Prämien stark erhöht zu haben. Tatsächlich sind Neuverträge der Euler Hermes für vergleichbare Risiken seit Mitte vergangenen Jahres zwischen 10 und 30 Prozent teurer geworden, wie eine Unternehmenssprecherin berichtet. Ähnliche Zahlen werden auch von Coface genannt. Manche Policen für besonders risikoträchtige Geschäfte werden auch gar nicht mehr abgeschlossen, weil die Prämien den Nachfragern zu hoch sind, berichten Makler. Allerdings würden die Verträge immer individuell mit den Kunden ausgehandelt, betonen die Unternehmen. Daten über die Branchensituation werden dabei genauso berücksichtigt wie Informationen über vergangene Zahlungsausfälle der Kunden und spezifische Länderrisiken.
Das aktuelle Länderranking von Coface dokumentiert in Deutschland eine Verdoppelung der Zahlungsausfälle im vergangenen halben Jahr. Noch häufiger bleiben Rechnungen in Amerika, Großbritannien und Spanien unbezahlt. Coface hat Spanien bereits zweimal innerhalb eines Jahres in eine schlechtere Risikogruppe herabgestuft. Der Kreditversicherer hat auch ganze Branchen schlechter eingestuft: Während Coface die Zahlungsausfälle in der Textilbranche schon länger kritisch bewertet, hat sich nun auch die Einschätzung der Automobil-, Maschinenbau- und Chemieindustrie deutlich verschlechtert. Gute Bewertungen erhalten nach wie vor Pharma- und Lebensmittelunternehmen sowie Telefonnetzbetreiber.
Lieferketten würden systematisch zerstört
Nach Angaben des GDV haben sich in Deutschland 40.000 Unternehmen gegen mögliche Forderungsausfälle versichert. Das sind rund 20 Prozent der Betriebe, für die solche Policen in Frage kommen. Insgesamt beträgt das Deckungsvolumen hierzulande 300 Milliarden Euro. Es verteilt sich hauptsächlich auf fünf Branchen: die Stahl- und die Bauindustrie, die Lebensmittelbranche, den Maschinen- und Anlagenbau sowie den Dienstleistungssektor. Schlössen die Unternehmen keine Versicherung ab, müssten sie Vorkasse verlangen, um die Zahlung abzusichern. Das wiederum erhöhte den Finanzierungsaufwand der Abnehmer deutlich.
Die drei Wirtschaftsverbände hatten in ihrem Schreiben an den GDV verdeutlicht, dass höhere Prämien betriebswirtschaftlich nachvollziehbar seien. Volkswirtschaftlich entstünden daraus aber unerwünschte Folgeeffekte. Der Gesamtverband Textil und Mode argumentiert, durch die zurückhaltendere Vertragspolitik der Kreditversicherer würden bestehende Lieferketten systematisch zerstört.
Staat will nur befristet eingreifen
Die Versicherungsbranche hat einen staatlichen Rettungsschirm lange abgelehnt. Die Unternehmen verfügten über ausreichend Eigenkapital. Wolle man die Unternehmen unterstützen, sei der Weg über eine staatliche Rückversicherung für Kreditversicherer ungeeignet. Ein solches Modell aber favorisiert offenkundig das Bundeswirtschaftsministerium. Staatssekretär Hartmut Schauerte strebt an, mit Hilfe der Versicherer Ausfallrisiken abzusichern, indem er einen Teil der möglichen Schäden trägt. Der Staat würde nach diesem Modell beispielsweise 30 Prozent des gesamten Vertragsvolumens übernehmen, damit der Abschluss überhaupt zustande kommt. Derzeit müssen die versicherten Zulieferer im Durchschnitt einen Selbstbehalt von 25 Prozent bereitstellen. Dieser steigt in der Krise tendenziell, die Unternehmen sollen nicht zu unverantwortlichen Risiken verleitet werden.
Das französische Modell, das kürzlich beschlossen worden ist, greift noch weiter. Wenn ein Vertragsabschluss auch dann nicht zustande kommt, wenn der Staat ihn durch eine Bürgschaft stützt, kann dieser bei bestimmten Risiken auch als eigenständiger Vertragspartner auftreten. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte allerdings zuletzt immer wieder betont, dass keine eigenständige staatliche Struktur aufgebaut und auch die anteilsmäßige Beteiligung nur befristet bis zum Ende der Finanzkrise bereitgestellt werden soll. Welche Variante hierzulande umgesetzt wird, wird Ergebnis der gemeinsamen Arbeitsgruppe des Ministeriums und der Kreditversicherer sein.
Das freie Unternehmertum in der Krise
Rudolf Ortwein (rudi.rotwein)
- 19.05.2009, 14:49 Uhr
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