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Krankenversicherung Die neuen Tarife der Kassen

21.03.2007 ·  Welche Überraschung: Die Gesundheitsreform hat auch ihr Gutes. Ab 1. April können die Kunden die Beiträge drücken. Wir verraten, welche Möglichkeiten es gibt, Geld zu sparen. Mit Beitragssatz-Tabelle.

Von Dyrk Scherff
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Wer nur das Wort Gesundheitsreform hört, verschließt mittlerweile die Ohren. Nach endlosen politischen Debatten will niemand mehr etwas davon wissen. Doch jetzt lohnt es sich wieder, genauer hinzuhören. Denn zwei Wochen vor ihrem Inkrafttreten zeigt sich zunehmend, welche positiven Folgen die Reform für die gesetzlich Krankenversicherten haben wird - auch wenn es wenige sind.

„Von April an haben die Kunden erstmals die Möglichkeit, je nach Einkommen und Gesundheitszustand aus verschiedenen Tarifen zu wählen und dabei mehrere hundert Euro zu sparen“, sagt Norbert Klusen, Chef der drittgrößten Kasse Deutschlands, der Techniker Krankenkasse. Wie eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unter den großen Kassen ergab, wollen er und seine Kollegen von den neuen Möglichkeiten regen Gebrauch machen. Immer mehr Anbieter kündigen ihre neuen Tarife an. Unter den großen Kassen machte die AOK Bayern Ende Februar den Anfang, am Freitag folgten die Barmer und die KKH. Kommende Woche will Klusens Techniker Krankenkasse ihre Details bekanntgeben.

Für die Versicherten heißt das: Es kann deutlich billiger werden, aber es wird auf jeden Fall unübersichtlicher. Bis zu 20 Tarife je Kasse werden keine Seltenheit sein. Niemand muss die neuen Angebote wählen, sondern kann ohne Nachteile alles beim Alten belassen. Doch wer sparen will, muss genau hinschauen, um nicht das Falsche auszuwählen. Denn die neue Tarifwelt hat auch ein paar Haken. Hier sind die wichtigsten Neuerungen, die Angebote der Kassen und worauf man achten sollte.

Selbstbehalt und Beitragsrückerstattung

Sie sorgen derzeit für die größte Aufmerksamkeit unter den Kassenmitgliedern, weil sie die höchsten Rückzahlungen versprechen. Freiwillig Versicherten wird beides schon seit 2004 angeboten, für die Pflichtversicherten ist das neu. Die Idee: Der Kunde legt einen Selbstbehalt fest, das heißt, wie viel Euro an Gesundheitskosten er im Jahr selber tragen will, beispielsweise 400 Euro. Dafür erhält er einen Bonus von der Kasse von zum Beispiel 320 Euro. Geht er nicht zum Arzt, hat er diese 320 Euro mehr im Geldbeutel.

Für jeden Praxisbesuch verlangen die Kassen einen pauschalen Kostenbeitrag unabhängig von den tatsächlichen Aufwendungen, Arztverschreibungen werden auch pauschal abgegolten oder anhand der echten Kosten berechnet. Vorsorgeuntersuchungen und die Behandlung der Kinder werden nicht berechnet. Geht der Patient im Beispiel für mehr als 400 Euro zum Arzt, springt wieder die Kasse ein und er hat 80 Euro draufgezahlt.

Alle Anbieter wollen mit solchen Tarifen am 1. April starten. AOK Bayern und KKH zahlen für die Selbstbehalte einen Bonus von maximal 500 Euro, die Barmer nur von höchstens 300 Euro, die Techniker hingegen bis 600 Euro, eventuell sogar bis 900 Euro. Ob dies überhaupt rechtlich möglich ist, diskutiert sie gerade mit den Aufsichtsbehörden. Denn eigentlich liegt die gesetzliche Höchstgrenze bei 600 Euro. Die zweitgrößte Kasse, die DAK, hält sich bedeckt.

Diese Summen werden aber nur für freiwillige Mitglieder gezahlt. Pflichtversicherte können je nach Einkommen nur geringere Selbstbehalte vereinbaren. Marktführer Barmer ist sehr zurückhaltend, zahlt maximal 200 Euro und koppelt das auch an Zusatzbedingungen wie gesundheitsbewusstes Verhalten. Bei der Beitragsrückerstattung erhalten die Versicherten bis zu einen Monatsbeitrag zurück, wenn sie gar nicht zum Arzt gehen. Auch diese Möglichkeit werden die großen Kassen anbieten. Beide Tarifvarianten haben einen Haken: Versicherte sind drei Jahre an sie gebunden. „Das heißt auch: Bei Beitragssatzerhöhungen gilt das übliche Kündigungsrecht mit einer Frist von zwei Monaten nicht“, warnt Kai Vogel, Gesundheitsexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Drei Jahre mehr zu zahlen ist dann die bittere Konsequenz. Er empfiehlt, zunächst die ersten Monate abzuwarten, um besser vergleichen zu können, bevor man sich lange bindet.

Aber bevor vorschnell ein Selbstbehalt-Tarif vereinbart wird, sollte eine andere Sparmöglichkeit angedacht werden: der Kassenwechsel. Wer von der teuersten zur günstigsten wechselt, kann bis zu 810 Euro im Jahr sparen - mehr als durch jeden Selbstbehalt-Tarif (siehe Tabelle). „Bei einer teuren Kasse eine Selbstbeteiligung abzuschließen macht wenig Sinn“, sagt Thorsten Rudnik vom Verbraucherverein Bund der Versicherten. Und auch billige Kassen bieten Selbstbehalte an.

Alternative Medizin

Gegen Aufpreis dürfen die Kassen ihren Kunden anbieten, auch die Kosten für alternative Behandlungsmethoden wie Homöpathie, Naturheilkunde und anthroposophische Medizin zu übernehmen. Diese Tarife dürfte es nur in Kombination mit anderen Zusatzleistungen geben, etwa einer Chefarztbehandlung oder Zweibettzimmer im Krankenhaus.

Interessenten müssen dann prüfen, ob sie auch das Zusatzangebot, das sie eigentlich nicht brauchen, mitbezahlen wollen. Zumal sie sich auch hier für drei Jahre binden und kein Kündigungsrecht haben. Noch stellt sich die Frage aber nicht: Die meisten Kassen warten derzeit noch ab und haben zunächst nichts im Angebot.

Besondere Versorgungsformen

Vom 1. April an müssen alle Kassen verpflichtend eine integrierte Versorgung anbieten, bisher war das freiwillig. Dabei stimmen sich bei der Behandlung Haus- und Fachärzte mit Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen ab und vermeiden Doppeluntersuchungen. Vorgeschrieben sind auch Disease-Management-Programme. Dabei wird für chronische Krankheiten wie Diabetes, Herzstörungen, Asthma, Lungenerkrankungen oder Brustkrebs eine Art integrierte Versorgung angeboten.

Vorgeschrieben sind jetzt auch Hausarztmodelle. Dabei ist die Arztwahl für den Patienten eingeschränkt, sie müssen zu dem Arzt gehen, der von den Kassen ausgesucht wurde. Der muss sich dafür allerdings einer strengen Qualitätskontrolle unterziehen. „Das dürfte die Qualität verbessern“, lobt Verbraucherschützer Vogel. Jedoch schaffen es die wenigsten Kassen, schon am 1. April flächendeckend so etwas anzubieten.

Die Teilnahme an diesen Versorgungsformen können die Kassen finanziell fördern. Die Techniker etwa begrenzt die Zuzahlung, die die Patienten leisten müssen, zahlt einen Bonus für die Teilnahme oder streicht die Praxisgebühr. So haben auch Kranke etwas von der Gesundheitsreform.

Die Billigkasse wird teurer

Die IKK-Direkt ist die Billigste Krankenkasse, die deutschlandweit aktiv ist. Als einzige konnte sie den Beitrag seit 2003 stabil bei 12 Prozent halten, während die Konkurrenz erhöhte. Das gelang ihr vor allem durch eine günstige Struktur aus jungen, gesunden Mitgliedern. Die schnell wachsende Kasse mit jetzt 250.000 Beitragszahlern hat es sogar geschafft, Reserven aufzubauen. Versuche, diese über einen niedrigeren Beitrag zurückzugeben, verbot das Bundersversicherungsamt. Derzeit hat die IKK-Direkt 70 Millionen Euro an Vermögen. In diesem Jahr erwartet der Vorstandsvorsitzende Ralf Hermes, dass etwa 20 bis 25 Millionen davon verbraucht würden, weil der Beitrag wegen steigender Ausgaben nicht mehr kostendeckend sei. Die Kasse erwäge, im Januar den Satz um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkt anzuheben. Sie wolle aber auf jeden Fall die billigst bundesweite Kasse bleiben. Sollten die Ausgaben geringer steigen, könne auf die Beitragserhöhung eventuell verzichtet werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.03.2007, Nr. 11 / Seite 49
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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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