02.05.2006 · „Größe ist gut“, hieß es lange bei den Krankenhäusern. Das ist falsch, zeigt eine neue McKinsey-Studie. Nur klein und flexibel lassen sich Wirtschaftlichkeit und Qualität der medizinischen Versorgung verbinden.
Von Carsten GermisAuf das Prinzip „je größer, je besser“ haben die Krankenhäuser lange gesetzt. Doch gerade die großen Häuser, namentlich die Universitätskliniken, stehen unter Druck, wenn es gilt, Wirtschaftlichkeit und Qualität der medizinischen Versorgung unter einen Hut zu bekommen. „Größe ist gut, das hat sich zumindest in dieser strikten Formulierung als unzutreffend erwiesen“, sagt Rainer Salfeld, Direktor der Beratungsfirma McKinsey, „wir glauben nicht, daß Häuser mit über 700 Betten auf Dauer bestehen können.“
In der Studie über die „Perspektiven der Krankenhausversorgung in Deutschland“, die McKinsey am Dienstag in Frankfurt vorgestellt hat, kommt Salfeld zu einem überraschenden Ergebnis. Demnach werden in Zukunft die eher kleineren Kliniken mit einer begrenzten Zahl von Fachabteilungen dank ihrer flexibleren Strukturen Erfolg haben.
„15 bis 20 Prozent der Krankenhäuser werden verschwinden“
„15 bis 20 Prozent der Krankenhäuser werden ab 2009 verschwinden“, schätzt Elmar Willebrand, Geschäftsführer des privaten Klinikbetreibers Asklepios, zu dem gut 90 Kliniken gehören. Dem deutschen Krankenhausmarkt stehe ein weiterer drastischer Umbau bevor mit zusätzlichen Schließungen oder neuen Zusammenschlüssen und zunehmender Spezialisierung, hieß es in der Studie, in der der rund 1600 Akutkrankenhäuser in Deutschland analysiert wurden.
Das Fallpauschalengesetz sieht die schrittweise Umstellung der Vergütung von der Einzelleistungserstattung auf einheitliche Honorare für Behandlungen, unabhängig von der Verweildauer im Krankenhaus, bis spätestens 2009 vor und stellt die deutschen Krankenhäuser der Studie zufolge vor die“schwierigsten Herausforderungen der Nachkriegszeit“. Die Einführung der Fallpauschalen erfordere von den Kliniken weitere erhebliche Kostensenkungen von rund fünf Milliarden Euro. Zwar hätten bereits viele Kliniken große Anstrengungen unternommen, ihre Kosten zu senken, es sei aber fraglich, ob es den weniger effizienten Krankenhäusern gelinge, Einsparpotentiale zu heben. „Die öffentlich-rechtlichen Träger müssen sich verändern und die Krankenhäuser besser führen. Wenn sie das nicht können, müssen sie die Häuser abgeben“, sagte Salfeld. Profiteure von dieser Entwicklung sind die privaten Klinikbetreiber, deren Marktanteil derzeit bei rund zwölf Prozent liegt.
Drei Krankenhaustypen mit guten Chancen
Drei Krankenhaustypen besitzen der Studie zufolge besonders gute Chancen: erstens Häuser mit bis zu 150 Betten und maximal drei Fachabteilungen; zweitens Häuser mit 200 bis 400 Betten, die ein breiteres medizinisches Spektrum anbieten; und drittens Krankenhäuser der Schwerpunktversorgung, die Spezialleistungen erbringen. "Selbst Kliniken der Schwerpunkt- und Maximalversorgung werden künftig in aller Regel nicht mehr als 700 Betten benötigen", heißt es in Salfelds Studie.
Der Grund: Weil die Krankenhäuser nur noch Fallpauschalen mit den Kassen abrechnen können, behalten die Ärzte die Patienten nicht mehr so lange im Krankenhaus. Lag die Verweildauer 1995 im Schnitt bei 11,4 Tagen, wird sie 2009 bei sechs Tagen liegen. Um effizient zu arbeiten, müssen die Arbeitsabläufe in den Kliniken besser aufeinander abgestimmt werden. "Vielfach erfolgen wesentliche Diagnostikschritte immer noch erst dann, wenn der Patient schon die Hälfte seiner Verweildauer verbraucht hat", sagt Salfeld. "Künftig muß die Diagnose generell sehr viel früher, im Regelfall am ersten Tag des Klinikaufenthalts, vollständig erfolgen."
Wo das gelingt, arbeiten die Krankenhäuser effizient. In den produktivsten von McKinsey untersuchten Kliniken registrierten sie 80,2 "Fälle" je Fachkraft, in den unproduktivsten dagegen nur 20,6. Produktivitätssteigerungen sind künftig nach Ansicht Salfelds aber nur erreichbar, "wenn sie nicht auf Arbeitsverdichtungen beruhen". Vielmehr müßten die Arbeitsabläufe so aufeinander abgestimmt werden, daß daraus objektiv erkennbare Arbeitsentlastungen resultieren.
Carsten Germis Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.
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