03.04.2008 · Fahrern älterer Autos bleiben höhere Tankkosten durch mehr Biosprit im Benzin erspart. Nach ersten Schätzungen würden insgesamt deutlich mehr als eine Million Autos in Deutschland Probleme mit dem Gemisch bekommen. Umweltminister Gabriel hat für diesen Fall angekündigt, die umstrittene Zwangsbeimischung vorerst zu stoppen.
Von Konrad Mrusek und Henning PeitsmeierWenn sich Bundesumweltminister Sigmar Gabriel an sein Versprechen hält, ist das Aus für den neuen Biosprit E 10 beschlossene Sache. Gabriel hatte zugesagt, die umstrittene Zwangsbeimischung vorerst zu stoppen, wenn mehr als eine Million Autos das Gemisch nicht vertragen. Nach ersten Schätzungen würden insgesamt aber deutlich mehr als eine Million Autos in Deutschland Probleme bekommen. Sie müssten im Falle einer höheren Zwangsbeimischung auf das teure Super-Plus umsteigen.
Laut der Automobilbranche sind zwar nur 189.000 Fahrzeuge deutscher Fabrikate betroffen, das sind deutlich weniger als zunächst befürchtet. Diese Zahlen veröffentlichte der Verband der Automobilindustrie am Donnerstag. Dazu kommen aber über eine Million Import-Autos. „Wir rechnen mit einer siebenstelligen Zahl, die Million wird überschritten“, sagte ein Sprecher des Verbandes der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) mit Sitz in Bad Homburg am Donnerstag auf Anfrage. Dies sei eine erste Schätzung, die genaue Zahl ermittelten die Verbandsmitglieder derzeit. „In der Masse wird die Beimischung nicht funktionieren, es handelt sich um ein gravierendes Problem.“
Sorge um mögliche Gewährleistungsklagen
Mehrere ausländische Autohersteller haben nach Informationen der F.A.Z. ihren deutschen Tochtergesellschaften keine Freigabe für das neue Kraftstoffgemisch erteilt - offenbar aus Sorge um mögliche Gewährleistungsklagen. Wer mit seinem Altauto den zehnprozentigen Ethanolmix ohne Freigabe tankt, riskiert teure Reparaturen: Der Alkohol kann Aluminiumteile zerfressen, auch können Dichtungen und Schläuche beschädigt werden. Ein Sprecher der Autoimporteure bezeichnete die verspätete Meldung über die betroffenen Fahrzeuge als kommunikatives Problem: „Wer richtig prüft, braucht Zeit.“
Umweltminister Gabriel will sich am Freitag in Berlin zur Beimischung äußern. Die Regierung plant bislang in ihrem Klimaprogramm eine Erhöhung auf 17 Prozent im Jahre 2020. In der Regierung selbst wachsen aber die Zweifel an dem Konzept. „Die Beimischungsquoten für Agrarkraftstoffe gehören auf den Prüfstand. Die wachsende Nachfrage nach Agrarenergie im Norden birgt die Gefahr von steigenden Nahrungsmittelpreisen und von neuen Verteilungskämpfen im Süden“, warnte Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD). In einigen Ländern würde für den lukrativen Anbau von Pflanzen, aus denen Biokraftstoff hergestellt werden kann, Regenwälder vernichtet.
Auch Greenpeace gegen die Pläne der Bundesregierung
Gegen die Biosprit-Pläne hatte sich zuletzt auch die Umweltschutzgruppe Greenpeace ausgesprochen. Deutscher Diesel zerstöre Urwälder und heize den Klimawandel an. Denn ein Fünftel des Biodiesels in jeder Tankfüllung werde aus Sojabohnen gewonnen, die vor allem in Südamerika angebaut würden. Für die neuen Plantagen würden zum Beispiel in Argentinien riesige Urwaldgebiete gerodet, kritisierten die Umweltschützer.„Die Bundesregierung zwingt deutsche Autofahrer, den Urwald in Argentinien zu zerstören“, sagte Alexander Hissting, Agrarexperte von Greenpeace.
Nach Berechnungen der Umweltschutzorganisation bedeutet jedes Prozent mehr Beimischung von Agrodiesel in Deutschland über 700.000 Hektar zusätzlichen Sojaanbau im Jahr. Sollten 17 Prozent Beimengung erreicht werden, müssten voraussichtlich 4,9 Milliarden Liter Sojadiesel importiert werden. Die Sojaplantagen hierfür würden ein Ausmaß von fast zehn Millionen Hektar einnehmen und damit einer Fläche von Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zusammen entsprechen.
Umweltverbände, die Oppositionsparteien FDP und Grüne, aber auch die CSU, verlangten ein neues Konzept. Bayerns Umweltminister Otmar Bernhard (CSU) sprach von „einer klimapolitischen Luftnummer“ von Gabriel (SPD). Biomasse sollte eher zur Strom- und Wärmeerzeugung benutzt werden, sagte er. Das sei effektiver und bringe mehr für den Klimaschutz. Die Vorsitzende des Agrarausschuss des Bundestags, Ulrike Höfken (Grüne), sagte: „Das ist eine Art von Umweltpolitik, die den Namen überhaupt nicht verdient.“
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