Kosten der Flüchtlingskrise
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Streit über Flüchtlinge : „Fratzscher kann nicht mal Excel“

Erst die Registrierung, dann die Zuwendungen vom Staat: Flüchtlinge vor dem LaGeSo in Berlin. Bild: dpa

Wie teuer kommen uns die Flüchtlinge zu stehen? Über diese Frage geraten sich zwei Ökonomieprofessoren heftig in die Haare.

          Wenn das Argument im politischen Kampf nicht genügt, hilft eine Studie, am besten eine mit wissenschaftlichem Gütesiegel. Marcel Fratzscher ist ziemlich gut mit Studien, die im Zweifel darauf hinauslaufen, dass der Staat nur mehr Geld ausgeben muss, dann läuft das schon mit der Wirtschaft. Ob Euro-Retterei, Bildung oder marode Brücken – der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist stets vorne dabei, wenn es gilt, steuerfinanzierte Programme vom Staat einzufordern oder zu bejubeln.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So verwunderte es nur kurz, dass er als Erster mit einer Studie zur Stelle war, welche die segensreiche Wirkung der Milliardenausgaben in der Flüchtlingskrise herausgestrichen hat, das DIW lieferte die ökonomische Untermauerung der Willkommenskultur. Thema wie Ton waren damit gesetzt. Bevor jemand auf die Idee kommen konnte, dass humanitäre Hilfe für Kriegsflüchtlinge nun mal Geld kostet, stellte das DIW ein für allemal klar: Flüchtlinge sind ein Geschäft, volkswirtschaftlich gesehen.

          Egal, wie viele da kommen und wer da an der Grenze steht, ob Akademiker oder Analphabet - die Wirtschaft profitiert in jedem Fall, so lautet Fratzschers These. Milliarde für Milliarde des Staates ist demnach gut angelegtes Geld. Jeder Wucherpreis für ein Feldbett, jeder Groschen für eine fade Suppe, jede Miete für die abrissreife Flüchtlingsunterkunft stärkt den Standort Deutschland.

          „Fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“

          Einzig die Frage, wie schnell die Investition sich rechnet, birgt demnach gewisse Unsicherheiten. Wer aber an dem prinzipiellen Ergebnis zweifelt, ist fremdenfeindlich oder reaktionär, redet „bestenfalls Unfug und schlimmstenfalls Populismus“. So schreibt Fratzscher wörtlich. Jetzt hat sich ein Kollege Fratzschers die Studie vorgenommen und packt dazu gleich die ganz große Keule aus.

          Fratzscher habe in seiner Studie „fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“, ätzt Ulrich van Suntum, Direktor am Centrum für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Münster. Seine Zensur für das DIW: Setzen, sechs! Die Flüchtlingstudie sei weder methodisch korrekt noch ehrlich kommuniziert, folglich am besten rasch einzustampfen. Schwersten handwerklichen Dilettantismus, Schludereien ohne Ende, Todsünden gegen die ökonomische Theorie - all das kreidet Suntum den Berliner Kollegen an, bis hin zum Vorwurf, Fratzscher könne nicht mal Excel.

          Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)

          Wenn aber nicht mal seinen Tabellen zu trauen ist, wie dann dem Ergebnis? Das kehre sich bei „handwerklich richtiger Rechnung ins Gegenteil um“, schreibt Suntum. Von wegen, die Flüchtlinge kosten nichts. Sie kosten ganz viel: „Selbst im optimistischsten Szenario ergeben sich hohe Nettokosten für die einheimische Bevölkerung, Flüchtlinge sind eine massive ökonomische Belastung.“ Der Grund laut Suntum: Die volkswirtschaftlichen Wohlfahrtsgewinne durch die Flüchtlinge wurden in Fratzschers Szenarien übertrieben, die Kosten, etwa für die Krankenkassen, unterschätzt oder ganz ignoriert.

          Voller Abscheu auf die AfD blickend

          Bevor es an die Details in diesem Streit unter Ökonomen geht, ist die politische Gefechtslage zu klären: Marcel Fratzscher, einst für Weltbank und Europäische Zentralbank tätig, berät in Berlin SPD-Chef Sigmar Gabriel, aber auch Finanzminister Wolfgang Schäuble und die Kanzlerin: „Ich bin ein unabhängiger Wissenschaftler, habe kein Parteibuch“, stellt der Ökonom klar, der gerade an einem Buch über den „Verteilungskampf“ in Deutschland arbeitet.

          Ulrich van Suntum wiederum gehört in die Riege liberaler Wirtschaftsprofessoren, die sich um Bernd Lucke in der „Alternative für Deutschland“ gesammelt haben. Die AfD hat Suntum mit Gründer Lucke in Richtung der Abspaltung Alfa verlassen, als Landesvorsitzender dieser Rumpftruppe in Nordrhein-Westfalen agiert er heute. Auf die „von Nazi-Pöblern unterwanderte“ AfD blickt er inzwischen voller Abscheu („Niemand, der auf seinen Ruf bedacht ist, kann sich dort noch sehen lassen“), von der regierungsamtlichen „Wir-schaffen-das“-Euphorie aber trennen ihn ebenfalls Welten.

          Ulrich van Suntum, NRW-Landesvorsitzender  von der Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa)

          In seinem Anti-Fratzscher-Aufsatz freilich argumentiert Suntum nicht ideologisch, sondern mit der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und dem kleinen Einmaleins. Die Mängelliste, die er damit erstellt, ist lang: Gewinnquote werde mit Lohnquote vertauscht, Produktivität mit Pro-Kopf-Einkommen verwechselt, zwischen netto und brutto werde nicht unterschieden. „Schwer begreiflich, wie all dies den Autoren eines renommierten Instituts unterlaufen kann.“

          Keine gravierend negativen Effekte

          Und wie reagiert Fratzscher auf diese Vorwürfe? Mit der größtmöglichen wissenschaftlichen Kälte. Suntums Angriff sei nicht ökonomisch zu verstehen, sondern einzig seiner Rolle als Hobbypolitiker geschuldet, bürstet Fratzscher den Kontrahenten ab: „Jeder einzelne Punkt der Kritik ist nicht wissenschaftlich seriös, sondern politisch motiviert.“ Auch wenn ihm vorgeworfen wird, zu vereinfachen, lässt ihn das kalt: „Wir haben eine kurze, transparente Analyse zu den wichtigsten Mechanismen in der Flüchtlingsfrage geschrieben, nicht mehr und nicht weniger.“

          Zudem sieht der DIW-Präsident sich in guter Gesellschaft („Sachverständigenrat und Europäische Kommission kommen zu ähnlichen Ergebnissen wie wir“), was wenig überrasche, schließlich spiegle seine Studie die historische Erfahrung: „Auch große Flüchtlingsbewegungen hatten in der Geschichte keine gravierend negativen Effekte für Lohn wie für Beschäftigung der Einheimischen. Das ist wissenschaftlich evident.“ Marcel Fratzscher bleibt dabei: „Es gibt gute, belastbare Gründe, wieso in sieben oder acht Jahren sich die Flüchtlinge positiv auf das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland auswirken könnten.“ Die Kanzlerin wird es gerne hören.

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