Home
http://www.faz.net/-gqg-xsw1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Konzerte Popstars in der Rezession

 ·  In der Musikbranche macht sich Ernüchterung breit. Jahrelang hatten Plattenfirmen darauf gesetzt, ihre schrumpfenden Tonträgerverkäufe durch die Gewinne aus Live-Auftritten zu kompensieren. Der schrumpfende Konzertmarkt trifft sie nun hart.

Artikel Bilder (1) Video (1) Lesermeinungen (3)

Zumindest bei Take That ist die Popstar-Rezession noch nicht angekommen. Bis zu 440 Euro pro Person können sich Fans im Juli das Düsseldorfer Konzert des wiedervereinten britischen Pop-Quintetts (“Back for good“) kosten lassen. Früher sorgten die Teenager-Idole der neunziger Jahre bei ihren Auftritten für Kreischkonzerte und Heulkrämpfe, heute setzen Take That darauf, dass zahlungskräftige Anhänger die Reise zurück in die eigene Jugend mit etwas Komfort verbinden wollen: Zum goldgeränderten „VIP-Paket“ gehören neben der Eintrittskarte unter anderem ein Drei-Gang-Menü und ein reservierter Parkplatz für das Auto.

Doch die spendablen Traumkunden der Popstars und Konzertveranstalter, die fast 900 Euro für einen Konzertabend zu zweit ausgeben, sind rar. Die Realität im Musikgeschäft sieht anders aus: Immer mehr Musikstars haben Mühe, ihre Konzertkarten zu verkaufen. Nach Erhebungen des Branchendienstes Pollstar haben die 50 global erfolgreichste Tourneen im vergangenen Jahr mit Bruttoeinnahmen von 2,93 Milliarden Dollar rund 12 Prozent weniger Umsatz erzielt als 2009. Vor allem in den Vereinigten Staaten, dem größten Livemusikmarkt der Welt, ist die lange Zeit boomende Branche in die Krise gerutscht, aber auch in Deutschland bröckelt das Geschäft offenbar.

Profitiert haben vor allem Superstars

In der Musikbranche macht sich Ernüchterung breit. „Die Bereitschaft der Leute, für Konzertkarten immer mehr Geld auszugeben, stößt an Grenzen“, sagt Dieter Gorny, der Chef des Bundesverbands Musikindustrie. Jahrelang hatten auch die Plattenfirmen darauf gesetzt, ihre rapide schrumpfenden Tonträgerverkäufe kompensieren zu können, indem sie am florierenden Geschäft mit Liveauftritten mitverdienten. Die meisten Nachwuchsmusiker erhielten bei den großen Plattenfirmen nur noch einen Vertrag, wenn sie auch Konzert- und andere Einnahmen mit ihrem Label teilten. Das sogenannte „360-Grad-Modell“ galt den Musikmanagern als Erfolgsformel in schweren Zeiten. Doch inzwischen stößt das Geschäftsmodell an seine Grenzen. „Legitim, aber endlich“ sei die Ausweichstrategie der Plattenlabels in die Konzerthallen, glaubt Tim Renner, der früher Deutschland-Chef des Marktführers Universal war und seit einigen Jahren mit dem kleinen Berliner Dienstleister Motor Music neue Geschäftsmodelle im vom Digitalzeitalter gebeutelten Tonträgermarkt auslotet.

Video: Take That mit Robbie Williams auf Tour

Profitiert haben von dem jahrelangen Aufschwung ohnehin vor allem Superstars, die wie die Rolling Stones, U2 und Madonna oft seit Jahrzehnten im Geschäft sind. Sie konnten sich bisher auf eine treue und solvente Fanbasis verlassen und setzten an den Konzertkassen eine schwindelerregende Inflationspirale in Gang. Der typische Musikfan geht heute offensichtlich in weniger Konzerte, gibt für die Eintrittskarten im Schnitt aber mehr Geld aus. „Ein Stück weit haben die großen Bands ungewollt mit immer höheren Eintrittspreisen die kleinen platt gemacht“, glaubt Renner.

Zweiteilung des Livegeschäfts

Bon Jovi verkauften vergangenes Jahr Eintrittskarten im Wert von 177 Millionen Dollar und waren damit die erfolgreichste Band des Jahres. Veteranen wie AC/DC und der frühere Pink-Floyd-Sänger Roger Waters zählten ebenfalls zu den Großverdienern. Wer im Sommer in Hamburg die von Waters auf die Bühne gebrachte Neuauflage von „The Wall“ live erleben will, muss für eine normale Konzertkarte mehr als 100 Euro bezahlen. Auch andere Rocksenioren langen zu: Die amerikanische Hippieband The Eagles (“Hotel California“) nimmt für ein Konzert auf dem Münchner Königsplatz diesen Juni bis zu 150 Euro je Karte.

Wegen dieser Zweiteilung des Livegeschäfts in wenige Spitzenverdiener und eine breite Masse von Musikern, die vom Konzertboom wesentlich geringer profitierten, sei auch die Rechnung der Plattenfirmen nicht richtig aufgegangen, sagt Renner. Denn „360-Grad-Verträge“ mit Umsatzbeteiligung an den Konzerteinnahmen konnten die Labels bei etablierten Stars, die im Livegeschäft das meiste Geld kassieren, in der Regel nicht durchsetzen. Nachwuchskünstler und weniger erfolgreiche Bands ließen sich auf solche Verträge zwar ein. „Aber bei denen gab es eben auch gar nicht so viel mitzuverdienen“, sagt Renner. Für Verbandschef Dieter Gorny sitzen Konzertveranstalter und Plattenfirmen in einem Boot. „Die Idee, dass das Konzertgeschäft die Löcher im Tonträgermarkt stopfen könne, war immer schon falsch“, sagt der Branchenlobbyist. „Der Mark für Live-Musik und der für Tonträger bedingen sich gegenseitig. Wenn es dem einen schlechtgeht, kann auch der andere auf Dauer nicht florieren.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

Jüngste Beiträge

Protektionismus nach Brüsseler Art

Von Hendrik Kafsack, Brüssel

Die Europäische Kommission will Strafzölle auf Solarmodule aus China erheben. Zahlreiche Unternehmen warnen vor der Reaktion Chinas. Davon darf sich die EU nicht beeinflussen lassen – trotzdem sollten die Mitgliedsstaaten alles daran setzten, die Kommission von ihren Plänen abzubringen. Mehr 26 12

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --