19.10.2006 · Die großen Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizieren der Wirtschaft für 2006 ein Wachstum von 2,3 Prozent. So stark wuchs die deutsche Wirtschaft seit 2000 nicht mehr. Doch die Einschätzungen sind mit Vorsicht zu genießen.
Von Patrick WelterDie Aussicht auf 1,4 Prozent Wachstum im Jahr 2007 ist ernüchternd. Im Frühjahrsgutachten hatten Forscher für dieses Jahr ein reales Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent prognostiziert. Nun rechnen sie mit einem Wachstum von 2,3 Prozent. So stark wuchs die deutsche Wirtschaft seit 2000 nicht mehr. Dies ist eine sehr erfreuliche Entwicklung - für viele Arbeitslose, weil sich der Aufschwung am Arbeitsmarkt bemerkbar macht, für viele Beschäftigte, weil ihre Arbeitsplätze sicherer scheinen, und für die Finanzminister, weil ihnen die überraschend hohen Steuereinnahmen die Kassen füllen.
Die Institute wurden, wie fast alle Konjunkturforscher, durch die gute Entwicklung überrascht. Sie haben im Frühjahr die Aufwärtsentwicklung erkannt, aber sich im Ausmaß der Erholung deutlich verschätzt. Dieses Fehlmuster von Prognosen zeigt sich in Aufschwungzeiten häufig. Die Konjunkturökonomen zu schelten führte freilich in die Irre. Ein Großteil der Prognoserevision gründet darin, daß die amtlichen Statistiker vor wenigen Wochen die Wachstumsdaten für das Winterhalbjahr 2005/2006 deutlich anhoben. Das konnte im Frühjahr keiner wissen.
Unterschiedliche Einschätzungen
Insoweit ist Kritik an den unsicheren Konjunkturprognosen wohlfeil. Die Wirtschaftswissenschaft ist keine exakte Naturwissenschaft; etwas Unschärfe bleibt immer. Der Fokus auf konkrete Wachstumsziffern gründet im Verlangen vieler Medien und der Politik nach scheinbarer Sicherheit, nicht aber in einer Anmaßung der Ökonomen, die Zukunft detailliert vorhersagen zu können. Die Bundeskanzlerin regt an, daß die Forscher künftig auch mal verdeutlichen sollten, wie wahrscheinlich ihre Prognosen seien.
Dies ist eine bemerkenswerte Aussage. Zum einen spiegelt sie wider, wie wenig oder unaufmerksam die vielen Ausarbeitungen der Institute in der Politik gelesen werden. Wer genau hinschaut, weiß um die Unsicherheit der Prognosen. Zum anderen aber zeigt die Bemerkung der Kanzlerin, wie merkwürdig es ist, sechs Forschungsinstitute, deren einzelne Einschätzungen oft sehr unterschiedlich sind und die in ihrer Gesamtheit die Unschärfen der Konjunkturforschung gut verdeutlichen, zweimal im Jahr zu einer Gemeinschaftsdiagnose zusammenzuspannen. Der Wunsch der Politik nach einer einzigen Kennziffer für das Wachstum treibt hier seltsame Blüten.
Im Herbstgutachten legen die Institute offen, wie sehr sich ihre Meinungen über die künftige wirtschaftliche Entwicklung unterscheiden. Eine Gruppe von Instituten, darunter vor allem das Ifo-Institut in München, hält den in diesem Jahr begonnenen Aufschwung für stark genug, um 2007 und darüber hinaus zu tragen.
Negative Überraschungen nicht ausgeschlossen
Der Grund dafür wird vor allem in den Investitionen der Unternehmen gesehen, deren robustes Wachstum auf einen langandauernden Aufschwung hindeute. Dabei wachsen die Investitionen bei weitem noch nicht so kräftig wie in früheren Aufschwungperioden. Die andere Gruppe, darunter das Kieler Institut für Weltwirtschaft, erwartet dagegen für 2007 eine deutliche Abschwächung. Gemeinsam haben sich die Institute auf eine Wachstumsprognose von 1,4 Prozent für das kommende Jahr geeinigt.
Der grundlegende Dissens der Institute über die Stärke der Aufschwungskräfte im Inneren verdeckt, daß die Prognose in dreierlei Hinsicht großer Unsicherheit unterliegt. Erstens ist unklar, wie stark die allseits erwartete Abkühlung des Wachstums in den Vereinigten Staaten ausfallen und die Weltwirtschaft wie den deutschen Export beeinträchtigen wird. Sehr oft schon hat die widerstandsfähige amerikanische Wirtschaft die Abwärtsprognostiker Lügen gestraft. Zweitens wissen auch die Institute nicht, wie stark der ungewöhnlich kräftige fiskalische Zugriff der deutschen Regierung - Stichwort Mehrwertsteuererhöhung - im kommenden Jahr Verbraucher und Unternehmen treffen wird.
Negative Überraschungen im Konjunkturklima sind nicht ausgeschlossen, wenn die Deutschen in den ersten Wochen des kommenden Jahres sehen werden, wie sehr vieles teurer wird und wie viel Geld der Staat ihnen abnimmt. Drittens ist unklar, ob und wann die Belebung der Binnenwirtschaft, die bislang nur auf den Investitionen beruht, auf den privaten Konsum überspringt. Die Institute erwarten in ihrem Gemeinschaftsgutachten einen stagnierenden Konsum - positive oder negative Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.
Regierung soll sich zurücknehmen
Ungeachtet dieser Unsicherheiten ist die Prognose eines Wachstumsrückgangs von 2,3 auf 1,4 Prozent - auch mit Blick auf die weitere Entwicklung am Arbeitsmarkt - ernüchternd. Rund 1,4 Prozent sind für hiesige Verhältnisse ordentlicher Durchschnitt, nimmt man die Jahre nach der Einheit als Maßstab. Im internationalen Vergleich aber ist es bitterlich wenig. Die Politik ist deshalb gut beraten, den kurzfristigen Konjunkturprognosen weniger Aufmerksamkeit zu schenken und sich auf die langfristigen Wachstumsaussichten zu konzentrieren.
Die wirtschaftspolitischen Kernbotschaften der Institute lauten hier: Eine dauerhafte Sanierung des Staatshaushalts läßt auf sich warten; sie gelingt nicht durch höhere Steuern und Abgaben, sondern durch weniger Staatsausgaben. Eine Unternehmensteuerreform hilft dem Wachstum nicht, wenn die Entlastung durch niedrigere Steuersätze über schlechtere Abschreibungsbedingungen und kompliziertere Regeln aufgehoben wird.
Mehr Beschäftigung im Bereich geringer Einkommen wird es nicht geben, wenn durch Mindestlöhne und anderes der Arbeitsmarkt erstickt wird. Und eine Gesundheitsreform, die auf Preis- und Mengenlenkung setzt, verfehlt ihr Ziel. Der Tenor der gemeinsamen Ratschläge kristallisiert sich in dem Urteil, daß die Regierung sich nicht dazu durchringen könne, die Eingriffe des Staates zurückzunehmen und mehr Raum für Eigenverantwortung zuzulassen. Anders gesagt: mehr Markt, mehr dauerhaft hohes Wachstum.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,72 | −1,04% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2444 | −0,36% |
| Rohöl Brent Crude | 104,95 $ | −1,78% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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