02.04.2009 · Jahrelang haben sich in der globalen Wirtschaft riesige Ungleichgewichte aufgebaut: China hat nur exportiert, Amerika vor allem konsumiert. Die Banken- und Wirtschaftskrise erzwingt nun mehr Ausgewogenheit. Doch der Anpassungsprozess wird schmerzlich. Denn er hat gerade erst begonnen.
Von Benedikt FehrÜber viele Jahre hat die Weltwirtschaft auf Pump gelebt. Und prächtig floriert. In manchen Ländern haben die Bürger mehr verbraucht als produziert, andere Länder waren nur zu gerne bereit, ihnen Waren und Dienstleistungen zu liefern – und die Kredite gleich mit hinzu, mit denen alles bezahlt wurde. Seit der Verschärfung der Bankenkrise im Herbst läuft das nicht mehr. Die Folge: In Ländern wie Deutschland, China und Japan fällt der Export drastisch, erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg dürfte die Weltwirtschaft in diesem Jahr nicht wachsen, sondern schrumpfen.
Exemplarisch für das Geschäftsmodell der vergangenen Jahren stehen die Vereinigten Staaten und China. Mit billigen Krediten überschwemmt und unter dem Dauerbeschuss der Konsumwerbung, konsumierten die Amerikaner insgesamt deutlich mehr Güter und Dienstleistungen, als sie im eigenen Lande herstellten. Das schlug sich in einem hohen Überschuss des Imports über den Export nieder: Im Jahre 2008 waren es 667 Milliarden Dollar, entsprechend 4,9 Prozent der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt, BIP). Dieses „Leistungsbilanzdefizit“ finanzierten die Vereinigten Staaten mit Kapital aus dem Ausland.
China ist vorbildlich
Spiegelbildlich ist der Spareifer in China extrem hoch. Die nationale Sparquote wird auf rund 50 Prozent des BIP beziffert. Dazu steuern die privaten Haushalte knapp die Hälfte bei; denn in China müssen die Bürger mangels staatlicher Rentensysteme privat fürs Alter vorsorgen. Der Rest entfällt weitgehend auf – mehr oder minder staatliche – Unternehmen; sie behalten oft einen großen Teil ihrer Gewinne ein, um Investitionen zu finanzieren, die für das Millionenheer armer Landarbeiter neue Arbeitsplätze schaffen. Weil die Chinesen insgesamt weniger konsumieren als produzieren, gibt es einen Überschuss des Exports über den Import. Diesem Leistungsbilanzüberschuss entspricht ein großer Export von Kapital ins Ausland, insbesondere in die Vereinigten Staaten. Anders ausgedrückt: Der Verkäufer liefert dem Käufer den Kredit zum Erwerb der Waren und Dienste mit.
Konsumfreude und Spareifer gehen auf private Entscheidungen von Millionen Bürgern zurück. Doch sowohl in China als auch in den Vereinigten Staaten hat die Politik das Verhalten beeinflusst. So verfolgt Peking seit Jahren eine „exportgetriebenen Wachstumsstrategie“, um den Lebensstandard der Bevölkerung voranzubringen. Dahinter steht die Erfahrung, dass sich für ein Land mit einer großen und armen Bevölkerung neue Arbeitsplätze besonders leicht im Exportsektor schaffen lassen: Die niedrigen Löhne verschaffen gegenüber den Industrieländern einen Wettbewerbsvorteil, gleichzeitig finden sich dort für die produzierten Waren entwickelte Absatzmärkte mit zahlungskräftigen Kunden. Über die im Exportsektor bezahlten Löhne sickert der zusätzliche Wohlstand in die breite Masse der Bevölkerung durch.
Die „Job-Maschine“ Export gezielt angekurbelt
Zu Beginn des Jahrzehnts verfolgte Washington die Hinwendung Chinas zu Marktwirtschaft und – hoffentlich – mehr Demokratie wohlwollend. Und sie sah in den billigen Importwaren insgesamt einen Vorteil für die amerikanischen Verbraucher. Zwar fielen wegen der Importflut in der heimischen Industrie Jobs weg; doch entstanden gleichzeitig Millionen neuer Arbeitsplätze im Immobiliengewerbe. Denn nach den Terrorangriffen auf Amerika im September 2001 hatte die Notenbank das Zinsniveau nach unten gedrückt, um die Konjunktur anzukurbeln. Millionen Haushalte nutzten dies zur Aufnahme von Krediten. Das so geschaffene Geld befeuerte eine Hausse am Immobilienmarkt sowie ganz allgemein den amerikanischen Konsumrausch – zur Freude der Chinesen, deren Export blühte; und zur Freude auch der deutschen Wirtschaft, deren Export nach China und anderswo blühte.
Um der „Job-Maschine“ Export Vorteile zu verschaffen, hält Peking den Wechselkurs des Yuan zum Dollar gezielt niedrig. Die Zentralbank kauft dazu fortlaufend Milliarden Dollar an. Spätestens seit Mitte des Jahrzehnts hatte dies unliebsame Folgen für die Amerikaner: Denn die Zentralbank legte die angekauften Dollar in großem Stil auf den amerikanischen Kapitalmarkt an. Das hielt dort die Hypothekenzinsen niedrig – obwohl die amerikanische Notenbank ihren Leitzins zur Dämpfung der Immobilienhausse auf 5,25 Prozent angehoben hatte. Die dauerhaft niedrigen Zinsen ließen die Immobilienpreise immer weiter steigen.
Wachstum dank konsumfreudiger Amerikaner
Ungezählte Amerikaner fühlten sich reicher. Die Folge: Ihre Sparquote ging auf nahezu null zurück, sie konsumierten noch mehr – zumal der künstlich überbewertete Dollar zum Einkauf chinesischer und anderer ausländischer Waren anreizte. In China wuchs die Wirtschaft daraufhin in den vergangenen Jahren sprunghaft, 2007 sogar um mehr as 10 Prozent; die Währungsreserven schwollen auf rund 2 Billionen Dollar an. China ist damit mit Abstand das Land mit den größten Währungsreserven, zudem – mit mindestens 700 Milliarden Dollar an Staatsanleihen – auch der größte Gläubiger des amerikanischen Staates. Spiegelbildlich hatten die Vereinigten Staaten Ende 2007 eine Nettovermögensposition von minus 2,4 Billionen Dollar; Ausländer hatten damit Anspruch auf Vermögenswerte in Höhe von 18 Prozent des amerikanischen BIP, Tendenz: stark steigend.
Nicht nur die chinesische Wirtschaft hängt stark vom Export ab. Ähnliches gilt für viele Schwellenländer in Asien sowie Japan. Auch mehrere Ölstaaten und Rohstoffländer erzielen regelmäßig Exportüberschüsse. Und nicht zu vergessen, rühmt sich die deutsche Wirtschaft seit Jahren, Exportweltmeister zu sein. 2008 hat sie Waren und Dienste für fast 1 Billion Euro ausgeführt, der Leistungsbilanzüberschuss betrug hohe 6,4 Prozent des BIP. Das hat das Wirtschaftswachstum auch hierzulande beflügelt.
Amerika und Osteuropa sparen wieder
Hohe Importüberschüsse hatten neben den Vereinigten Staaten auch konsumhungrige Länder wie Spanien und Australien, zudem viele Staaten in Osteuropa. In der Ukraine und Ungarn betrug das Leistungsbilanzdefizit 2008 jeweils mehr als 6 Prozent. Ähnlich wie China haben auch die anderen Exportländer den Importeuren Kapital zur Verfügung gestellt, um den Absatz zu finanzieren. Nicht zuletzt die deutschen Banken bangen nun, ob ihre nach Osteuropa vergebenen Kredite zurückgezahlt werden. Ähnlich sorgt sich die chinesische Regierung, ob ihre Dollar-Reserven auf Dauer wertbeständig bleiben. So beschert das Wachstum auf Pump nun beiden Seiten – Schuldnern und Gläubigern – empfindliche Verluste.
Deshalb erzwingt die Banken- und Wirtschaftskrise nun eine drastische Anpassung der internationalen Waren- und Kapitalströme. Wieder spielt der amerikanische Konsument dabei eine zentrale Rolle. Durch die Krise sind die Eigenheimpreise seit dem Hoch im Sommer 2006 im Durchschnitt um kräftige 30 Prozent gefallen, die Aktienkurse um fast die Hälfte. Viele Amerikaner fühlen sich nun ärmer, hinzu kommt die Sorge um den Arbeitsplatz, zumal bereits Millionen Amerikaner ihren Job verloren haben. Die Folge: Die Amerikaner sparen wieder mehr. Nach Schätzung von Fachleuten dürfte die Sparquote in den nächsten Jahren auf mindestens 6 Prozent des BIP steigen, möglicherweise sogar auf 9 Prozent. Ähnlich werden die Menschen in vielen Ländern Ost- und Südeuropas den Gürtel in den nächsten Jahren enger schnallen müssen. Denn die hohen Verluste, die viele Banken in der Krise erleiden, werden sie dazu anhalten, Kredite in den kommenden Jahren viel vorsichtiger zu vergeben.
Jetzt hilft nur noch gesundschrumpfen
Als Folge werden sich Konsum und Importhunger in den Importländern abschwächen – was die Exportländer ebenfalls zu drastischen Anpassungen zwingen wird. Als Exportweltmeister wird die deutsche Wirtschaft dies besonders stark zu spüren bekommen. Im Januar lag der Export 21 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor, die Auftragseingänge des Maschinenbaus sind zuletzt sogar um fast die Hälfte eingebrochen. Als probates Gegenmittel wird allenthalben empfohlen, den heimischen Konsum zu stimulieren.
Das ist freilich leichter empfohlen als umgesetzt, da sich Strukturen und Gewohnheiten, die eine Volkswirtschaft seit Jahrzehnten prägen, nicht über Nacht ändern lassen. Doch haben die Regierungen durchaus Gestaltungsspielraum. Ein Beispiel: China könnte künftig darauf verzichten, den Preis der eigenen Währung auf dem Devisenmarkt staatlicherseits zu manipulieren. Mit einem höher bewerteten Yuan könnten die Chinesen mehr Konsumgüter kostengünstig aus dem Ausland beziehen; auch das erhöhte ihren Lebensstandard. Ganz allgemein aber führt vermutlich kein Weg daran vorbei: Die Weltwirtschaft steht vor einem Prozess, in dem sie sich gesundschrumpfen muss. Einfach wird das nicht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,72 | −1,04% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2444 | −0,36% |
| Rohöl Brent Crude | 104,95 $ | −1,78% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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