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Konjunktur Das Comeback der Zeitarbeit

12.07.2010 ·  Kaum zieht die Konjunktur wieder an, werden Leiharbeiter dringend gesucht. Sie bilden die Reservisten der Industrie. Doch für viele bleibt Zeit- oder Leiharbeit ein rotes Tuch.

Von Inge Kloepfer
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Vera Calasan ist auf der Suche. Marcus Schulz ist es auch. Das haben die deutsche Geschäftsführerin des amerikanischen Zeitarbeitsunternehmens Manpower und ihr Kollege von Unique, einer Tochtergesellschaft des niederländischen Personaldienstleisters USG, gemeinsam. „Manpower Deutschland hat über 2700 Vakanzen“, sagt Calasan und meint freie Stellen. „Wir suchen Fach- und Führungskräfte, Techniker und Ingenieure“, setzt sie hinzu. „Bankpower, unser Joint Venture mit der Deutschen Bank AG, hat aktuell mehr als 100 freie Stellen.“ Schulz würde auf einen Schlag gerne 100 Maler und Experten für Gebäudedämmung beschäftigen. Dabei sind die beiden nicht die Einzigen. Deutschland stellt wieder ein - vielfach zunächst über Zeitarbeitsfirmen, weil sich viele Unternehmer noch nicht sicher sind, ob die Wirtschaftslage so günstig bleibt, wie sie derzeit erscheint. Die Zeitarbeitsbranche boomt, weil ihre Kunden ansonsten viele neue Aufträge nicht annehmen oder nur verzögert abarbeiten könnten.

Auf 765 000 ist die Zahl der Zeit- oder Leiharbeiter in Deutschland bis zum April dieses Jahres gestiegen. Von ihrem Höchststand im August 2008 mit 823 000 Mitarbeitern ist die Branche nicht mehr weit entfernt. Das war noch vor dem Zusammenbruch der Lehman-Bank, der Rezession. Ein paar Monate später ging es im rasenden Tempo bergab. Rund 300 000 Zeitarbeiter wurden von den Unternehmen zurückgeschickt - vor allem in der Metall- und Elektroindustrie. Den Großteil konnten die Zeitarbeitsunternehmen ihrerseits nicht halten, weil diese keinen Einsatz mehr fanden. Nur zwischen 40 000 und 50 000 Leiharbeiter durften trotz mangelnder Einsatzmöglichkeiten bleiben und konnten sich weiterqualifizieren - für wieder bessere Zeiten. Über 240 000 allerdings verloren in der Krise ihren Job. Das ist fast die Hälfte jener halben Million Menschen, die der schärfste Wirtschaftseinbruch der Nachkriegszeit den Arbeitsplatz gekostet hat. Dabei traf es am häufigsten die Geringqualifizierten, die aus dem „Helferbereich“, wie es in der Branche heißt.

Zeitarbeit ist für viele ein rotes Tuch

Die Leih- oder Zeitarbeiter waren die Ersten, die in der Wirtschaftskrise entlassen wurden, und sind jetzt wieder ganz vorne mit dabei, wenn es um neue Arbeitsverträge geht. Das ist das Grundprinzip: ein Stückchen Flexibilität, damit die Wirtschaft trotz des allgemein rigiden Kündigungsschutzes auf ein verändertes Umfeld schneller reagieren kann. Die Zeitarbeit ist der Puffer für die Unternehmen, um Beschäftigungsspitzen auszugleichen oder um abzubauen, wenn es nicht mehr so läuft. Jetzt läuft es wieder. Fast 60 Prozent der Zeitarbeitsfirmen stellen derzeit neue Mitarbeiter ein, mehr als jede andere Branche.

Der Aufstieg der Zeitarbeit vor einem halben Jahrzehnt mit den Hartz-Reformen ist einer der umstrittensten Aspekte der Flexibilisierung am Arbeitsmarkt. Zeit- oder Leiharbeit - für viele ist das ein rotes Tuch. Nicht nur, weil sich nach Untersuchungen des Bundesarbeitsministeriums bei Zeitarbeitsunternehmen Regelverstöße häufen, Menschen zu miserablen Löhnen mehr ausgebeutet als beschäftigt werden oder Unternehmen wie der Drogeriemarkt-Riese Schlecker ihren Missbrauch damit trieben. Auch erregt die Gemüter, dass die Trennung zwischen Stamm- und Randbelegschaft in der Entstehung und dem starken Wachstum der Zeitarbeitsbranche ihre institutionalisierte Form gefunden und zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft am Arbeitsmarkt geführt hat. In Krisenzeiten tragen die Leiharbeiter an der Anpassung schwerer als alle anderen, weil sie die Ersten sind, die ihre Arbeit verlieren. Außerdem werden sie vielfach schlechter bezahlt.

Gerade einmal 1,9 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind Zeitarbeiter

Den Argwohn der Öffentlichkeit und der Gewerkschaften erregt vor allem die Tatsache, dass gerade durch den Einsatz von Leiharbeitern die Stammbelegschaft vor den Unwägbarkeiten der Märkte geschützt wird. Das ist der Klassenunterschied. In das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden vieler passt das nicht, auch wenn die Zeitarbeit einen gehörigen Anteil an der sinkenden Sockelarbeitslosigkeit in Deutschland hat. Es stört vor allem, dass Zeitarbeit keine breite Brücke in die normalen Arbeitsverhältnisse ist, wie das Nürnberger Institut für Arbeits- und Berufsforschung (IAB) es vor kurzem festgestellt hat.

Die kritische öffentliche Wahrnehmung hat den Anteil der Zeitarbeiter an den Beschäftigten in Deutschland insgesamt stets größer erscheinen lassen, als er tatsächlich ist. Gerade einmal 1,9 Prozent der gut 40 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland sind Zeitarbeiter. Verdrängung von Stammbelegschaften hat im großen Stil nie stattgefunden - auch wenn Gewerkschaften den neuen Boom wieder mit Sorge betrachten.

„Der Fachkräftemangel wird Unternehmen massive Sorgen bereiten“

Nimmt man nur die 27 Millionen angestellten Beschäftigten als Bezugsgröße, bleibt der Anteil der Leiharbeiter unter drei Prozent. Dass Zeitarbeit reguläre Beschäftigungsverhältnisse künftig ersetzen wird, ist kaum abzusehen. Nach der jüngsten Konjunkturumfrage des DIHK vom Juni stellen nicht nur die Personaldienstleister, sondern auch viele andere Branchen wieder Leute ein.

Ob Kindergartenleiter, Softwareentwickler oder Werkzeugplaner - die Liste der Stellenangebote bei Manpower ist jedenfalls lang. Vor allem an Fachkräften mangelt es den Zeitarbeitsunternehmen bereits, genau so wie der Wirtschaft insgesamt. „Der Fachkräftemangel wird insbesondere mittelständischen Unternehmen massive Sorgen bereiten“, meint Manpower-Chefin Vera Calasan. Und der Zeitarbeitsbranche ebenso, könnte sie hinzufügen. Denn in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Zeitarbeitsbranche nicht mehr von ihren Kunden. Sie braucht die Facharbeiter, damit das Geschäft weiter brummt.

Gesucht werden Zeitarbeiter derzeit vor allem dort, wo sie in der Krise ihren Job verloren haben: in der Automobilindustrie und beim Verarbeitenden Gewerbe. „Genau hier beginnt auch wieder die Erholung“, sagt Volker Enkerts, Präsident des Bundesverbandes Zeitarbeit BZA.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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