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Kommentar : Warum der Landwirt wichtig ist

Wenig Geld für die Milch: Viele Milchpreiskrisen werden die Bauern nicht mehr überstehen können. Bild: dpa

Wie lange gibt es noch Bauern? Ihre Berufsgruppe stirbt allmählich aus. Es ist Zeit, sie zu retten. Ganz ohne sie biologisch oder kulturell zu überhöhen. Ein Kommentar.

          Es wird nicht mehr viele Milchpreiskrisen brauchen, dann gibt es kaum mehr einen Bauern. Dann werden Konzerne und Kapitalgesellschaften säen, ernten, melken und mästen lassen. In den Tierfabriken arbeiten dann Agraringenieure als Manager. Dann hätte die Marktwirtschaft ähnliche Strukturen und Landschaften geschaffen wie früher der Sozialismus mit endlosen Äckern, Mega-Mastanlagen und zentralisierter Produktion anstelle Zehntausender Familienbetriebe.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Ohne Not verschwindet gerade ein System der Versorgung mit Lebensmitteln, das seit Jahrzehnten gut funktioniert: eine zunehmend industrialisierte, aber noch meist inhabergeführte Landwirtschaft. Es ist an der Zeit zu fragen: Was genau geht verloren? Wollen wir das? Die Milchpreiskrise zwingt wieder Tausende Landwirte in Deutschland zum Aufgeben. Die letzten siebzigtausend Milchbauern erleben das, was andere schon längst hinter sich haben: Globale Ketten ersetzten Bäckereien, Handwerker, selbständige Fabriken und Läden.

          Gibt es gute Gründe, warum das überall hingenommen werden soll und bei Bauern nicht? Satt könnten wir jedenfalls auch ohne sie werden. Eine Handvoll Nahrungsmittelkonzerne, die effizient und wunderbar datenbasiert selbst das Land bewirtschaften ließen, das wäre möglich. Teils ist es schon so: Hähnchenmäster sind so wenig freie Unternehmer wie ein Franchisenehmer von McDonald’s. In Entwicklungsländern greifen Konzerne wie Nestlé oder Mars nach den Plantagen, etwa im Kakaoanbau.

          Sentimentalitäten sind ein schwaches Argument

          Bis es für die Bauern in Deutschland so weit ist, werden noch viele Tränen fließen. Jahrhundertealte Familiengeschichten gehen zu Ende, wirtschaftliche Existenzen von oft drei Generationen. Doch Sentimentalitäten sind ein schwaches Argument. Als die Bäckereien dichtmachten, weinten ihnen auch viele nach, aber man ließ es geschehen. Strukturwandel wird es in der Landwirtschaft weiter geben, schon wegen der Überalterung. Und die technische Entwicklung hat auch Gutes, sie macht günstig satt.

          Doch es gibt eine weitere, grundsätzliche Frage - die nach der kulturellen Dimension. Bäuerliche Kultur - was genau ist das, was geht da verloren? Es ist ein so zweifelhafter und historisch belasteter Begriff, dass es wichtig ist, ihn genauer zu fassen. Denn wer die alten, „echten“ Bauern noch kennt, dem muss nicht nur Gutes dazu einfallen: nicht nur die freundliche Bauernfamilie, Bullerbü, Bauerngärten. Dazu gehörten gelegentlich eine gewisse geistige und körperliche Grobheit, Mistfliegen, Güllegestank, strukturell zu viel Schnaps.

          Und dann gibt es auch noch die Ideengeschichte einer Verklärung der Bauern. Sie ist mit Namen wie dem des Volkskundlers Wilhelm Heinrich Riehl verbunden (der Bauer als Stand der „Beharrung“) oder mit Oswald Spengler (der Bauer als der „ewige Mensch“). Das steigerte sich schließlich zur völkischen Verbindung der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie mit der mythischen Überhöhung des Bauern als biologischem „Urquell“ des Volkes, als „Nährstand“. Bis heute nehmen sich viele Bauern als Teil des „Berufsstands“ wahr, nicht als unternehmerisches Ich.

          Ein Markt voller Chancen

          Um diese Ideen wäre es am wenigsten schade, wenn sie mit den Bauern in Vergessenheit gerieten. Man braucht zur Begründung, warum der Bauer bleiben soll, keine Naturmystik, keine biologische und keine kulturelle Überhöhung. Es ist ganz einfach: Vom selbständigen Landwirt lässt sich eher verantwortliches Handeln erhoffen. Um das zu glauben, muss man nicht von außen auf den Landwirt gucken, sondern in sein Inneres: Dann kann man ihn als einen Menschen sehen, der in einer lebendigen Beziehung steht zur Natur, zur Landschaft und auch den tausend Tieren, mit denen er sein Geld verdient.

          Die beste Begründung dafür, warum es Bauern braucht statt nur noch anonymer Nahrungsindustrie, lautet: dass es gut und richtig ist, wenn da ein Mensch ist, der eben nicht nur einen technischen, ökonomischen, sondern auch Sympathie und überhaupt einen Blick für die Natur hat. Vielleicht muss man nicht mal das Wort Bauer in die Zukunft retten. Es ist so missverständlich. Man braucht einfach Landwirte, die von ihrem Geld so gut leben können, dass sie es sich auch leisten können, der Natur etwas zu geben. Die gut vierzig Prozent des EU-Haushalts, die aus Agrarsubventionen bestehen, müssten deshalb gezielter verteilt werden. Wie wäre das: ein Teil der Prämien für eine inhabergeführte, kleinteilige Landwirtschaft, weil sie dem Menschen und der Natur guttut?

          Jenseits der Subventionen gibt es einen Markt voller Chancen. Dafür braucht es bewusste Verbraucher, verantwortliche Handelsketten (ein naiver Traum?) und Bauern, die Geschäftschancen sehen, statt Verbraucher und Medien zu beschimpfen. Sie müssen lernen, den Leuten zu vermitteln, welche Vorteile bäuerliche Landwirtschaft hat. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass viele Landwirte von den „Städtern“ lernen könnten, die sich für „Urban Gardening“ und Food-Trends begeistern. Die Leute wollen mehr als nur satt werden. Sie haben Hunger nach Sinn. Zumindest in der „Nische“ entstehen große Geschäftschancen. Zum Beispiel für Weidemilchmanufakturen.

          Quelle: F.A.Z.

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