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Kommentar : Versicherungsrisiko Zinswende

Die Lebensversicherung ist eine beliebte Form der Altersvorsorge in Deutschland. Bild: epd-bild / Bernard Jaubert

Die Lebensversicherer leiden unter den niedrigen Zinsen. Doch ein abrupter Anstieg wäre womöglich eine noch größere Herausforderung.

          Der Niedrigzins ist für die deutschen Lebensversicherer eine schmerzhafte Herausforderung. Durchschnittlich müssen sie für ihre Kunden ein Zinsversprechen von rund 3 Prozent einhalten, für Neuanlagen in derzeit am Markt erhältliche recht sichere Wertpapiere bekommen sie deutlich weniger. Die Empfehlung manch eines Branchenkritikers, langsam auf ein stärkeres Engagement in Aktien oder illiquide Anlagen umzusteuern, ist aus zwei Gründen nur eingeschränkt hilfreich: Nach dem neuen europäischen Aufsichtsrecht Solvency II müssen Versicherer Investitionen in Aktien mit viel mehr Eigenmitteln unterlegen als festverzinsliche Papiere. Außerdem müssen sie anders als Pensionskassen ständig mit der Kündigung von Kunden rechnen und benötigen daher ein funktionierendes Management der Geldzuflüsse, sie brauchen einen hohen Anteil jederzeit handelbarer Kapitalanlagen.

          Trotz allem Unbill bot der Niedrigzins Versicherern jahrelang auch die Möglichkeit, ihre Leistungsstärke unter Beweis zu stellen. Hohe Milliardengewinne der großen börsennotierten Gesellschaften passen daher nur schwerlich zu ihrem nun laut angestimmten Wehklagen. Der Niedrigzins hat die Kurse festverzinslicher Wertpapiere nach oben getrieben und für ein großes Volumen an Bewertungsreserven in den Versichererbilanzen gesorgt. Das gipfelte in der Auseinandersetzung, ob diese auch auf gekündigte oder auslaufende Verträge angerechnet werden sollen. Diesen Streit hat der Gesetzgeber mit dem Lebensversicherungsreformgesetz 2014 beendet. Seither dürfen Versicherer Bewertungsreserven einbehalten, um ihre Kollektive zu stärken.

          Die Europäische Zentralbank kauft munter weiter

          Am Horizont scheint für die Versicherer aber nun eine ganz andere Gefahr auf, die eine womöglich noch größere Herausforderung mit sich brächte: ein abrupter Zinsanstieg. Schnellten die Renditen für festverzinsliche Wertpapiere in kurzer Frist auf früher übliche Niveaus von 4 oder 5 Prozent, wäre dies ein Szenario, das Lebensversicherer in die Knie zwingen könnte. Als die Bundesbank vor einigen Monaten ein entsprechendes Arbeitspapier erstellte, war die Reaktion der Branche deshalb ungehalten. Eine solche Entwicklung sei so unrealistisch, dass es an Fahrlässigkeit grenze, die Assekuranz in diese Debatte zu verwickeln.

          Tatsächlich erscheint das Szenario angesichts der Anleiherenditen, die sich bislang nur leicht von ihren Rekordtiefständen entfernt haben, immer noch in weiter Ferne. Die amerikanische Notenbank Federal Reserve hat ihre Zinswende mit so wenig Schwung eingeleitet, dass ein Hochschnellen der Marktzinsen noch nicht zu beobachten ist. Die Renditeabstände zwischen Amerika und Europa waren allerdings auch schon seit vielen Jahren nicht mehr so hoch. Denn die Europäische Zentralbank scheint weiter nicht geneigt zu sein, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Sie erkennt zwar an, dass die Konjunktur im Euroraum allmählich anzieht, ihr Anleihekaufprogramm hat sie indes noch einmal verlängert.

          Doch die Inflation kehrt zurück, und das muss auch Versicherer beschäftigen. Ihre Garantien sind auf nominaler Basis ausgesprochen, so dass sie sich eigentlich – anders als ihre Kunden – auch nur mit nominalen Zinsniveaus befassen müssten. Steigt die Inflation jedoch stärker, schauen Lebensversicherungskunden kritischer auf ihre Nominalgarantien. Was haben sie davon, wenn sich ihre Beiträge zwar steigern, nicht aber ihre Kaufkraft? Mit einer stark zunehmenden Inflation gingen auch steigende Zinsen einher. Dann gäbe es für Versicherte attraktivere Anlagemöglichkeiten als ihre Lebensversicherung, die sie zwar durch das Zinstal einigermaßen gut begleitet hat, die dann aber unter stillen Lasten zu leiden hätte. Käme es zu Stornierungen der Verträge, könnten Versicherer ihre Wertpapiere gegen den Plan nicht bis zur Fälligkeit halten und müssten Verluste hinnehmen.

          Niedriger Zinsanstieg wäre bestes Szenario für Versicherer

          Ein solches Szenario muss nicht in der beschriebenen Brutalität eintreten, um Versicherern weh zu tun. Selbst die mildere Variante mit einem moderaten Zinsanstieg könnte für die Branche in den kommenden Jahren anspruchsvoll werden. Denn steigt der Zins nur leicht über das Niveau, zu dem sie derzeit Papiere mit langen Laufzeiten erwerben, werden stille Lasten die Folge sein. Die noch vergleichsweise entspannte Situation bislang, in der sie zwar unter sinkenden Erträgen litten, gleichzeitig aber großzügig über Bewertungsreserven verfügen konnten, wäre vorbei.

          Ein vorsichtiger Anstieg der Zinsen ist das Szenario, das den Versicherern unter allen Varianten am besten gefällt. Sie flehen die europäischen Geldpolitiker förmlich an, alles zur Normalisierung beizutragen, was in ihrer Macht steht. Wenn es gut ausgeht, können sie demnächst ihre Zuführungen an die Zinszusatzreserve senken, die vor allem jüngere Bestandskunden schmerzt. Doch wie man es auch wendet: An all diesen Überlegungen zeigt sich, wie sehr die schon lange währende Niedrigzinsphase der Branche zusetzt. Es ist erschreckend, wie sehr die bevorzugte Form der Altersvorsorge in Deutschland leidet. Dies hat sich die Branche aber zu einem Großteil selbst zuzuschreiben.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

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          Quelle: F.A.Z.

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