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Kommentar : Dummes deutsches Geld

Die Deutschen vertrauen ihr Geld den falschen Leuten an. Bild: dpa

Deutsche sind schlechte Kapitalanleger und werden für ihre Exporte zu Unrecht kritisiert.

          Was hat die Welt nur gegen deutsches Geld? Wenn man die schräge Debatte über die Exportstärke von der Kapitalseite aus betrachtet, wird deutlich, wie irreführend die Vorwürfe aus Washington und Brüssel sind, deutsche Erfolge im Außenhandel saugten Südeuropa aus. Die Klagen gehen schon mit Blick auf die Handelsbilanz an der Sache vorbei, weil Deutschlands Industrie als Ausrüster für die Fabriken der Welt vom Aufschwung der Schwellenländer stark profitiert und die Exporte in die Nachbarstaaten durch die Euro-Krise merklich gesunken sind.

          Die Vorhaltungen sind aber auch deshalb fragwürdig, weil etwa Spanien viele Autoteile oder chemische Vorprodukte für die deutsche Industrie liefert und damit von deutschen Ausfuhren etwa nach China profitiert. Im Automobilbau entfällt manchmal ein Drittel der Deutschland zugerechneten Exporte auf solche Vorleistungen, nur weil hierzulande die Fahrzeuge zusammengeschweißt und verschifft werden.

          Wie abstrus die Vorwürfe der EU-Kommission, des Währungsfonds und des amerikanischen Finanzministers sind, zeigt aber erst ein Blick auf die Kapitalbilanz. Dazu muss man wissen, dass riesige Kapitalexporte der Spiegel (oder die notwendige Gegenbuchung) der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse sind. New Yorker Investmentbanken hatten gerne das Geld deutscher Sparer genommen, als sie den Landesbanken Schrottpapiere vom amerikanischen Häusermarkt andrehten. Irische Bauträger hatten vor der Euro-Krise ebenso gerne mit dem Geld hiesiger Anleger überteuerte Häuser in Dublin hochgezogen. Und der griechische Staat verkaufte seine Anleihen gerne an deutsche Versicherungen und Banken, um mit den Erlösen die Gehälter für seine Beamten zu erhöhen oder um Einfuhren unter anderem aus Deutschland zu bezahlen. Diese Waren wurden geliefert und teils mit dem von deutschen Großanlegern geliehenen Geld bezahlt.

          Deutschland zahlt die Exporte zum Teil selbst

          Der de facto erfolgte Schuldenschnitt Griechenlands sorgt nun dafür, dass die Gläubiger nur noch einen Teil ihres Geldes wiedersehen werden. Als zahlt Deutschland die Exporte, für die es nun am Pranger steht, zum Teil selbst. Und ein Treppenwitz ist es, dass ausgerechnet die größten Bewunderer der geldpolitischen Hilfe bei der Finanzierung von Euro-Krisenstaaten die in der Tat niedrigen Investitionen in Deutschland am lautesten beklagen, obwohl die EZB mit ihrer Rettungspolitik auch das deutsche Sparkapital jetzt wieder in Richtung Süden lenkt.

          Für eine schrumpfende und alternde Gesellschaft ist es eigentlich eine gute Idee, die Überschüsse von heute global zu investieren, damit die vielen Rentner von morgen vom Kapitalstock leben können, wenn immer weniger Beitragszahler in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Andere Staaten mit chronischen Leistungsbilanzüberschüssen wie Norwegen, Saudi-Arabien oder den Emiraten konsumieren ihre Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport nicht vollständig, sondern investieren über Staatsfonds Billionen in ausländische Vermögenswerte. Auch Länder die durch Manipulation der Wechselkurse hohe Devisenreserven aufbauen wie China, Singapur oder die Schweiz legen das Geld über ihre Notenbanken oder über Staatsfonds in internationalen Aktien oder Anleihen an und erwirtschaften damit ordentliche Renditen.

          Das Gegenteil passiert in Deutschland. Hier arbeiten die Leute fleißig und sind stolz darauf, Exportweltmeister zu sein. Aber unsere leistungsfähige Volkswirtschaft verkauft hochwertige Produkte zu guten Preisen in die ganze Welt, ohne dabei reich zu werden. Denn die Deutschen schneiden in internationalen Vermögensvergleichen regelmäßig schlecht ab. Der EZB zufolge lag 2010 das Median-Nettovermögen deutscher Privathaushalte (51.400 Euro) nicht mal bei der Hälfte der französischen Vermögen (113.500) und noch viel weiter hinter Spanien (178.300) oder Italien (163.900).

          Warum sind die Deutschen bloß so schlechte Kapitalanleger? Offenbar weil sie zu wenig in Immobilien investieren und sie ihr Erspartes oft den falschen Leuten anvertrauen, wozu auch hiesige Sparkassen, Banken und Versicherungen gehören. Die Lehre daraus ist, dass man sich stärker persönlich um sein Erspartes kümmern, sein Vermögen auch international streuen, einfache Finanzprodukte wählen und bei der Anlage die Aktie nicht meiden sollte.

          Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat ausgerechnet, dass die Vermögensverluste Deutschlands sich allein in den Jahren 2006 bis 2012 auf 600 Milliarden Euro summieren. Das ist die Differenz zwischen den Überschüssen in der Leistungsbilanz und den Veränderungen in der Kapitalbilanz. Das gleichwohl auf rund 5 Billionen Euro gestiegene deutsche Geldvermögen erklärt sich vor allem mit der Bildung neuer Ersparnisse und nicht mit der Rendite von schon Erspartem. Ob Filmfonds in Hollywood, Goldminen in Kanada oder Containerschiffe auf den Weltmeeren: Schon lange lacht das Ausland über deutsches Geld. Am Ende heißt es immer: Der andere hat das Geld – und der hiesige Anleger ist um eine Erfahrung reicher. Die englischsprachige Welt hat hierfür einen wenig schmeichelhaften Begriff gefunden: dumb German money – dummes deutsches Geld.

          Quelle: F.A.Z.

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