18.05.2006 · Die Ausbeutung der Berufsanfänger, der „Generation Praktikum“, sorgt für Unruhe an den Universitäten. Dabei sind die Sorgen der Akademiker unbegründet. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigen künftig sogar.
Von Sven AstheimerDas Schlagwort von der „Generation Praktikum“ sorgt für Unruhe an den Universitäten. Es bringt den Vorwurf auf den Punkt, daß sich Unternehmen die schwierige Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt zunutze machten und Berufsanfänger mit Hochschulabschluß in schlecht oder gar nicht bezahlten Praktika ausbeuteten.
Jungakademiker haben einen Verein gegründet, der über die Rechte von Praktikanten auf Urlaub und Bezahlung aufklären will und vor dem „Abzocker-Praktikum des Monats“ warnt. Im Bundestag liegt eine Petition mit der Forderung, das Parlament möge beschließen, daß Praktika, die länger als drei Monate dauern, in ein reguläres Arbeitsverhältnis umgewandelt werden. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund befördert die Debatte, die längst Talkshows und Internetseiten füllt. Schon wird die Forderung nach einem Mindestlohn für Praktikanten laut, der sich die Politik aber (noch) verschließt. Es hat angesichts der öffentlichen Aufregung zuweilen den Anschein, als sei man sich in den Manageretagen einig: Deutschland, einig Praktikanten-Land.
Betroffene fühlen sich betrogen
In der Tat berichten Beobachter des Arbeitsmarktes von solchen Fällen. Wie viele es sind, darüber gibt es jedoch keine Daten. Während das klassische Praktikum den Hochschulabsolventen vornehmlich innerhalb der Semesterferien einen Einblick in spätere Berufsfelder geben soll, koppeln mittlerweile einige Unternehmen Stellenausschreibungen gezielt an eine vorgeschaltete Mitarbeit: Wer den Zuschlag will, soll seine Eignung nachweisen - am besten kostenlos. Daß das geltende Arbeitsrecht die Möglichkeit des Austestens auch in Form der Probezeit einräumt, bleibt dabei außer acht. Arbeitgeber habe es derzeit leicht: Wer angesichts von fünf Millionen Arbeitslosen einen Arbeitsplatz zu bieten hat, der kann auch den Preis diktieren.
Viele der Betroffenen fühlen sich betrogen. Sie glauben, im Laufe ihres Studiums alle Vorgaben erfüllt zu haben: Das Auslandssemester fehlt ebensowenig wie die dabei erlernte Fremdsprache, und mit den Praktika-Zeugnissen können sie ganze Wände tapezieren. Doch der sicher geglaubte Lohn in Form einer Festanstellung, die damit einhergehende materielle Sicherheit und formale Anerkennung sollen ihnen nun vorenthalten werden. Statt dessen wartet - noch ein Praktikum. Deshalb machen sie ihrem Unmut Luft. Damit offenbart sich auch der Charakter der Diskussion um die „Generation Praktikum“: Sie ist emotionsgeladen, geprägt von Ängsten um die (berufliche) Zukunft.Was ihr dagegen häufig fehlt, ist die nüchterne Analyse.
Chancen am Arbeitsmarkt nicht geringer geworden
Denn selbst wenn man einmal annimmt, daß es tatsächlich zunehmend mehr Unternehmen geworden sind, die während der vergangenen Jahre von unbezahlten Praktika Gebrauch gemacht haben - wofür es keine verläßlichen Daten gibt -, dann hat diese Entwicklung die Chancen von Akademikern am Arbeitsmarkt in keiner Weise beeinflußt: Die spezifische Arbeitslosenquote hat während der vergangenen 30 Jahre die Marke von fünf Prozent nie überschritten. Zuletzt waren es gerade einmal 3,8 Prozent - das ist weniger als Ende der achtziger Jahre. Zum Vergleich: Der Anteil der Arbeitslosen in der Gruppe der Personen ohne Berufsabschluß hat sich im selben Zeitraum auf mehr als 20 Prozent vervierfacht. An diesem Ende der Bildungsskala liegt das tatsächliche Problem am deutschen Arbeitsmarkt.
Zwar ist weniger bekannt, was Akademiker machen, wenn sie nicht arbeitslos sind, weil dies nirgendwo gemeldet werden muß. Die immer mal wieder vorgebrachte Vermutung, daß sich in der Republik ein Heer von hochgebildeten Taxifahrern und Pizzabäckern gebildet hat, läßt sich jedoch ebenfalls nicht durch Zahlen stützen. Laut einer Umfrage unter Absolventen von Hochschulen und Fachhochschulen gaben mehr als 80 Prozent der Befragten an, ihre erste Beschäftigung sei „volladäquat“ zur vorangegangenen Fachrichtung oder Ausbildungsart.
Wettbewerb um die klügsten Köpfe
Noch weniger begründet scheinen Sorgen um die künftigen Beschäftigungschancen von Akademikern. Fachleute wie die Soziologin Jutta Allmendinger, Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, erwarten, daß diese weiter steigen. Denn die kontinuierliche Veränderung im Beschäftigungssystem einer Dienstleistungsgesellschaft geht einher mit einer steigenden Nachfrage nach Höherqualifizierung. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Erwerbspersonen bis zur Mitte des Jahrhunderts stark ab. Dieser demographische Wandel wird für einen Mangel an Hochqualifizierten sorgen.
Der Wettbewerb um die klügsten Köpfe hat daher heute schon über Ländergrenzen hinweg begonnen. Künftig dürfte sich die Tür zum Arbeitsmarkt auch für andere Akademikergruppen ein ganzes Stück weiter öffnen - Geistes- und Sozialwissenschaftler etwa, um deren Chancen es heute noch deutlich schlechter bestellt ist als um die von Ingenieuren oder Wirtschaftswissenschaftlern. Denn gefragt sein werden in Zukunft vor allem die Arbeitstechniken, die sich Studenten aneignen: etwa methodisch und strategisch vorzugehen, Netzwerke aufzubauen und sich Inhalte schnell aneignen und präsentieren zu können.
Diese Verschiebung im Verhältnis von Angebot und Nachfrage spielt den qualifizierten Arbeitskräften in die Hände. Die künftigen Absolventen werden in den technischen Disziplinen in zunehmendem Maß direkt aus dem Hörsaal heraus angeworben werden. Aber auch die anderen werden beim Feilschen mit dem Personalchef ein leichteres Spiel haben. Die meisten Unternehmen werden es sich schlichtweg nicht mehr leisten können, auf unbezahlter Mitarbeit zu beharren, wollen sie den akademischen Nachwuchs für sich gewinnen. Die Diskussion um die „Generation Praktikum“ wird dann schnell Geschichte sein.
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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