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Kommentar Der größte Bahn-Streik der Geschichte

14.11.2007 ·  Mit dem schwersten Arbeitskampf in der Geschichte der Deutschen Bahn ist ein Punkt erreicht, an dem Bahnchef Mehdorn sich auf die GDL zubewegen muss. Jetzt hat schon das erste große Unternehmen eine Schicht wegen der Streiks abgesagt. Für die Bahn geht es nicht nur um Kunden - sondern um die Zukunft. Von Kerstin Schwenn.

Von Kerstin Schwenn
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Einen Superlativ kann der Vorsitzende der Lokomotivführergewerkschaft GDL, Schell, schon jetzt für sich in Anspruch nehmen: Seine Gewerkschaft überzieht das Land in diesen Tagen mit dem schwersten Arbeitskampf in der Geschichte der Deutschen Bahn. 62 Stunden Streik am Stück im Personen- und Güterverkehr reichen aus für diesen „Rekord“. Außerdem zeigen sich jetzt schon ganz greifbare Folgen für die Wirtschaft: Audi teilte am Mittwochabend mit, dass wegen der Bahnstreiks die Frühschicht in seinem Brüsseler Werk ausfallen wird.

Eisenbahner in Frankreich, wo derzeit auch gestreikt wird, oder in Italien können über diese deutschen Arbeitskampf-Daten nur schmunzeln. Die Wirtschaft dort beneidet die deutsche Konkurrenz um den Tariffrieden.

Bisher gab es Grund zum Neid. Das deutsche System der Mitbestimmung und der Tarifautonomie boten die Basis für einen partnerschaftlichen Umgang von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Der Standort profitierte von der geringen Zahl der Streiktage. Die jüngste Entwicklung, die Stärkung der Spartengewerkschaften, bringt Unruhe ins Tarifkartell. Was den Piloten und Ärzten recht ist, soll den Lokführern billig sein: Sie wollen einen eigenständigen Tarifvertrag.

Aus Wettbewerb kann ein Diktat werden

Dass sie dafür umfassend streiken dürfen, ist ihnen gerichtlich bestätigt worden. Bis höchstrichterlich womöglich das Gegenteil festgestellt wird, werden Jahre vergehen. Das Beispiel Großbritannien aber zeigt, wohin die Vielfalt führen kann: Aus dem Wettbewerb kann ein Diktat der Gewerkschaften werden, das nur schwer aufzubrechen ist. Um dies zu verhindern, fordert die Wirtschaft von der Bundesregierung nun einen „Ordnungsrahmen“.

Doch so lange hat Bahnchef Mehdorn nicht mehr Zeit, um den quälenden Tarifkonflikt zu beenden. Die zeitliche Koinzidenz mit der bevorstehenden Entscheidung über eine Teilprivatisierung des Konzerns schadet beiden Angelegenheiten mehr, als dem Bahnvorstand lieb sein kann. Die GDL hat eine gutgefüllte Streikkasse und einen langen Atem.

Der Streit hat einen Punkt erreicht, an dem die Bahn mehr zu verlieren hat als die GDL: nicht nur Kunden, sondern die Zukunft. Mehdorn muss Schell entgegenkommen - mit dem Angebot, die Lokführer in eine eigene Gesellschaft mit eigenen Tarifbedingungen zu überstellen. Dann können sie wählen, ob sie dort (mehr) Geld verdienen wollen oder ob sie im Schoße des vertrauten Konzerns soziale Sicherheit genießen möchten - vor allem dann, wenn der Bund dereinst nicht mehr allein das Sagen bei der Deutschen Bahn hat.

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Jahrgang 1963, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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