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Kommentar : Das Auto – die Demontage

Ein alter VW-Dieselmotor liegt auf einer Palette. Bild: Hedwig, Victor

Jetzt haben die Behörden auch in Dieselautos von Porsche Betrugssoftware entdeckt. Das ist der vorläufige Höhepunkt im Trauerspiel, doch die Skandalskala der deutschen Autoindustrie scheint nach oben offen. Wer glaubt dieser Branche noch ein Wort?

          Die wichtigste und größte deutsche Branche demontiert sich in einem Tempo, dass man gar nicht mehr mitkommt. Den Rest der deutschen Industrie treibt schon die Sorge um, die Skandale der Autohersteller könnten auch sie nach unten ziehen. Der gute Ruf von „Made in Germany“ ist in Gefahr. Über Jahre betrog Volkswagen, der größte Hersteller der Welt, mit manipulierten Dieselfahrzeugen seine Kunden, Umweltbehörden, Politiker und die Öffentlichkeit. Erst vor kurzem wurde bekannt, dass die VW-Konzernmarke Audi ebenfalls mit illegaler Software die Abgasprüfer narrte. Jetzt entzog der Verkehrsminister einem Modell der VW-Edelmarke Porsche wegen Betrugs sogar die Zulassung. Das ist der vorläufige Höhepunkt in der nach oben offenen Skandalskala der deutschen Autoindustrie.

          Erst vor einer Woche wurde bekannt, dass Volkswagen und auch Daimler (offenbar aus Angst vor Entdeckung infolge eines Beifangs, als ein Stahlkartell aufflog) sich selbst bei den Behörden anzeigten wegen Bildung eines verbotenen Kartells. Jahrelang haben die Kartellbrüder von VW, Audi, Porsche, Mercedes und BMW technische Entwicklungen abgesprochen, Zulieferer und wohl auch Kunden übers Ohr gehauen, den Wettbewerb ausgehebelt und die Marktwirtschaft missbraucht. Damit untergruben sie die Fundamente der Sozialen Marktwirtschaft wie zuvor die Banken in der Finanzkrise, weshalb sie genauso bestraft gehören.

          Wer aufräumen will, darf den Bock nicht zum Gärtner machen

          Die Automanager glauben, sie können über Wasser gehen. Weil die Kunden trotz der Skandale weiter deutsche Premiumautos kaufen, gern auch Diesel, fühlen sie sich unangreifbar. Daimler-Chef Zetsche und VW-Chef Müller traten noch großspurig auf, nachdem sie sich selbst bei den Kartellbehörden angezeigt haben. Welchen Charakter muss man hierfür haben? Müller, der bei VW angeblich aufräumen soll, war zuvor der Chef von Porsche, als die Betrugssoftware in den „Cayenne“ eingebaut wurde. Wer aufräumen will, darf den Bock nicht zum Gärtner machen. Das lernte auch die Deutsche Bank, nachdem sie den Chef des Investmentbankings den Kulturwandel ausrufen ließ. Wie lange will der Ministerpräsident von Niedersachen im Aufsichtsrat von Volkswagen noch zuschauen, wie das wichtigste Unternehmen des Landes abstürzt? Der SPD-Politiker Weil fällt im Aufsichtsrat von VW bislang dadurch auf, dass er Millionenabfindungen für gescheiterte Manager durchwinkt.

          In welcher Welt leben Automanager, um nicht zu bemerken, wie sie Glaubwürdigkeit und Vertrauen verspielen? Als der Konzernchef von Daimler vor wenigen Tagen stolz die Gewinne verkündete, empörte er sich noch über den Auto-Cheflobbyisten, der einen Kulturwandel anmahnte. Zetzsche zeigte sich sogar irritiert darüber, dass BMW die Selbstanzeigen von Daimler und VW nicht so toll findet, weil nun zwei von drei Kartellkonzernen auf Straffreiheit hoffen dürfen.

          Mercedes kündigte vor dem „Dieselgipfel“ in Berlin den Rückruf von drei Millionen Fahrzeugen an, um durch eine bessere Motorsteuerungssoftware die Abgaswerte zu verringern. Da Mercedes auch die angeblich „saubersten“ Motoren der neuesten Generation zurückruft, stellt sich die Frage, warum es doch noch sauberer geht. Wer glaubt dieser Branche noch ein Wort, wenn es im Ringen mit Politikern um Grenzen der technisch oder ökonomisch erreichbaren Abgasbelastung geht?

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          Der moderne Dieselmotor ist besser als sein Ruf

          Infolge der vielen Skandale wird nicht mehr differenziert und auch nicht mehr abgewogen, etwa zwischen dem Klimaziel und der Feinstaubbelastung. Dabei ist der moderne Dieselmotor besser als sein Ruf, er verbrennt effizienter und verbraucht ein Fünftel weniger Sprit als ein Benziner, weshalb er viel weniger von dem vermeintlichen Treibhausgas Kohlendioxid ausstößt. Für den Feinstaub in den Städten, der für die Menschen gefährlich ist, sind die älteren Dieselfahrzeuge nur zum kleineren Teil verantwortlich. Der größere Teil stammt aus Heizungen, Öfen, Kraftwerken, Industrieanlagen, Flugzeugen, Schiffen, der Abfallverbrennung und Landwirtschaft, vor allem aber auch vom Abrieb bei Bremsen und Reifen. Die Feinstaubbelastung steigt übrigens nicht, wie Horrorgeschichten über Hunderttausende Toten insinuieren wollen, sondern sinkt seit hundert Jahren.

          Weil die modernen, großen Möchtegerngeländewagen spezielle Katalysatoren haben, in denen durch Harnstoffeinspritzung das gefährliche Stickoxid unschädlich gemacht wird, sind sie sauberer als die meisten Kleinwagen. Aber das will in der Hatz auf den Diesel und die verhassten SUV niemand mehr hören. Die Diskrepanz zwischen moralisierenden Eiferern, die von Verboten träumen und denen die „Umerziehung“ der Verkehrsteilnehmer nicht schnell genug geht, und den bislang gelassenen Autokäufern könnte größer kaum sein. Denn die Masse fährt am liebsten SUV.

          Ohne Techniker werden wir den Klimawandel nicht bewältigen

          Ohne die Findigkeit der Ingenieure hat die deutsche Autoindustrie keine Zukunft. Ohne die Techniker werden wir übrigens auch den Klimawandel nicht bewältigen. Deutsche Politiker haben mit der Planwirtschaft der Energiewende bewiesen, dass sie zwar irrsinnige Kosten verursachen, den Kohlenstoffausstoß aber kaum verringern können. Andernfalls wäre die Energiewende ein Exportschlager. Mit einem Verbot von Verbrennungsmotoren während des Übergangs zum autonomen und elektrischen Fahren in einer digitalen Welt würden sie ebenfalls das Klima nicht retten, aber der wichtigsten Industrie den Garaus machen und den Wohlstand Deutschlands gefährden.

          Quelle: FAZ.NET

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