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Kommentar : Auch der Kindergarten darf etwas kosten

Wer für die Kita bezahlt, möchte meist auch mitreden. So könnten sich viele Kitas verbessern. Bild: dpa

Martin Schulz verspricht kostenfreie Bildung. Das kommt an. Doch wäre es in vielen Fällen sogar ungerecht, keine Gebühren zu verlangen.

          Ein Thema finden im Wahlkampfjahr 2017 alle gut, keine Partei kommt daran vorbei: Bildung. Die Wähler verbinden mit einer guten Bildung Eigenständigkeit, Selbstverwirklichung, höhere Einkommen und – das bewegt die Deutschen stets besonders – mehr „soziale Gerechtigkeit“. Keine Frage: Bildung ist in vielerlei Hinsicht eine sehr lohnende Investition in die Zukunft, dennoch besteht die große Gefahr, dass sie in Wahlkampfzeiten als ein einfach anzuwendendes Allheilmittel dargestellt wird.

          Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist vorgeprescht und fordert, Bildung müsse gebührenfrei sein, von der Kita bis zur Hochschule und zum Meister. Damit könnte er einen Treffer in der Gefühlswelt der Wähler gelandet haben. Denn er erweckt nicht nur den Eindruck, für Bildung zu sein, sondern außerdem den, etwas für Familien tun zu wollen. Bildung und Familie, was könnte sympathischer sein? Zudem: Welche Familie hat schon etwas dagegen, für eine Leistung nichts zahlen zu müssen? In der Union hat man das Verführerische dieses Vorschlags erkannt und verspricht nun ebenfalls, Familien in der Betreuung und Ausbildung ihrer Kinder zu entlasten.

          Bessergestellte würden profitieren

          Stutzig macht Schulz’ Vorschlag zunächst, weil der Bund gar nicht zuständig ist für die Bildungsgebühren. Allerdings beteiligt er sich schon seit Jahren an den Kosten des Ausbaus der Kinderbetreuung. Und Schulz’ Forderung zielt vor allem auf den Besuch einer Kindertagesstätte. Doch ist es vernünftig, wenn Eltern für den Kitabesuch ihrer Kinder nichts bezahlen? Und ist es sozial gerecht?

          Der Kanzlerkandidat differenziert nicht; er schlägt nicht vor, nur Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen von den Gebühren auszunehmen, die bildungsmäßig wirklich etwas von einem Kitabesuch haben. Das wäre aus Sicht des Wahlkämpfers auch nicht sinnvoll, weil arme Familien ohnehin wenig oder nichts bezahlen müssen. Finanziell profitierten von einer Verwirklichung seines Plans also vor allem die Bessergestellten, die sich den Kindergarten leisten können – und damit viel mehr potentielle Wähler.

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          Qualität der Kitas könnte sich steigern

          Diese nichts für die Kita zahlen zu lassen wäre jedoch unsinnig und ungerecht. Grundsätzlich sollte derjenige, der eine Leistung nutzt, auch einen finanziellen Beitrag leisten. Mit Blick auf den Kindergartenbesuch kommt hinzu, dass Kinder aus bildungsnahen Familien auch zu Hause so gut gefördert werden, dass sie im Kindergarten zumindest nicht schlauer werden. Das Bezahlen bringt die Nutzer außerdem dazu, mit einem auch aus Steuergeld finanzierten Angebot sparsam und verantwortungsvoll umzugehen. Gleichzeitig können sich die Bildungsanbieter kaum erlauben, an den Bedürfnissen der Nachfrager vorbeizuproduzieren: Wer zahlt, wird mitreden wollen. Wenn der Staat schon subventioniert, wäre es besser, dies über die Nachfrager zu tun und nicht über die Anbieter, also etwa über Bildungsgutscheine, deren Preis man nach Einkommen staffeln könnte. Das dürfte einen Qualitätswettbewerb in Gang setzen.

          Mehr Qualität tut vor allem in den Krippen für die Allerkleinsten dringend Not. Es gibt zwar einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, der einen raschen quantitativen Ausbau in Gang gesetzt hat. Vielerorts wurde dafür aber eine mindere Qualität in Kauf genommen, was für die seelische Entwicklung kleiner Kinder heikel sein kann. Hier sollte Geld für mehr Erzieher fließen.

          Meister und Studium sollten etwas kosten

          Das Beispiel Krippenausbau zeigt zudem, dass ein Rechtsanspruch nicht automatisch ein zufriedenstellendes Ergebnis bringt. Es wirft damit ein Licht auf Schulz’ andere bildungspolitische Forderung: Er befürwortet einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Ganztagsschule. Bisher lässt deren Qualität trotz milliardenteuren Ausbauprogramms sehr zu wünschen übrig.

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          Die Studiengebühren wurden wieder abgeschafft; der Meistertitel kostet etwas. Ungerecht ist nur eins: das kostenlose Studium. Die tertiäre Bildung ist zu einem großen Teil eine sehr lohnende Investition in die eigene Zukunft; Akademiker erzielen die höchsten Einkommen, gefolgt von Meistern. Beide sollten die Kosten ihrer Ausbildung ganz oder teilweise selbst tragen. Damit niemand durch Studienbeiträge vom Besuch einer Hochschule ausgeschlossen wird, sollten diese nachgelagert und damit sozial verträglich erhoben werden.

          Frühe Bildung von verschiedenen Punkten angehen

          Bei näherer Betrachtung verfangen Schulz’ Vorschläge also nicht; sie sind zu schlicht gestrickt. Bildung mag fast ein Allheilmittel sein; die Anwendung ist hochkomplex. Soll zum Beispiel der Bildungserfolg nicht mehr so stark von der Herkunft abhängen, dann müssen Kinder aus sozial schwachen Familien ähnlich gut gefördert werden wie Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien schon zu Hause.

          Das ist eine schwierige Aufgabe, man muss an vielen Punkten ansetzen, angefangen bei einer qualitativ hochwertigen frühen Bildung über gute Ganztagsschulen bis hin zu Elternarbeit und einer Stadtteilentwicklung, die sozialer Segregation entgegenwirkt. Viele Hürden sind zu überwinden, Wunder nicht zu erwarten. Es braucht Geduld und Beharrungsvermögen – und einen Zeithorizont, der viel weiter reicht als bis zur nächsten Wahl.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

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          Quelle: F.A.Z.

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