Der Energiekonzern Vattenfall, einer der großen Betreiber von Braunkohlekraftwerken in Deutschland, ändert seine Unternehmensstrategie, um mehr für den Klimaschutz zu tun. Neue Kraftwerke würden, sobald technisch, rechtlich und wirtschaftlich möglich, künftig so ausgestattet, dass sie bei der Stromerzeugung kein Kohlendioxid mehr in die Atmosphäre abgäben, sagte der Vorstandschef von Vattenfall Europe, Klaus Rauscher, der F.A.Z. in Berlin. Alte Anlagen würden dann nachgerüstet oder vorzeitig stillgelegt. Die neue Technik sei vermutlich ab Mitte des kommenden Jahrzehnts verfügbar. Parallel dazu werde man mehr in erneuerbare Energien investieren.
Vattenfall wolle seinen Kraftwerkspark „so schnell wie möglich kohlendioxidneutral machen“, dabei aber nicht auf Braunkohle verzichten, sagte Rauscher. „Sobald es rechtlich, technisch und ökonomisch möglich ist, wird unser ganzer Kraftwerkspark kohlendioxidfrei sein. Das heißt, wir werden neue Anlagen dann nur noch kohlendioxidfrei bauen und alte Anlagen nachrüsten oder stilllegen.“ Auf ein Datum dafür wollte er sich allerdings nicht festlegen.
Pilotanlage soll 2008 den Betrieb aufnehmen
An die Politik appelliert Rauscher, möglichst bald die rechtlichen Voraussetzungen für Transport und Speicherung des abgeschiedenen Kohlendioxids zu schaffen. Bereits 2008 soll Vattenfalls Pilotanlage für ein CO2-freies Braunkohlekraftwerk in der Lausitz den Betrieb aufnehmen. Voraussichtlich ab 2011 soll ein 300-Megawatt-Kraftwerk demonstrieren, dass die Abscheidung von Kohlendioxid im industriellen Maßstab sicher möglich ist. „2015 wissen wir, ob die Technik funktioniert, um dann kohlendioxidfreie Kraftwerke bauen zu können“, sagte Rauscher. Bis dahin werde daran gearbeitet, den Wirkungsgrad der Braunkohlekraftwerke so zu verbessern, dass die mit der Abscheidung verbundenen Effizienzverluste aufgefangen würden.
Vattenfall ist von der Braunkohle abhängig: Von den 70 Milliarden Kilowattstunden Strom, die das Unternehmen 2005 produzierte, stammten 53 Milliarden aus der Braunkohleverstromung. Der Konzern baut jährlich 60 Millionen Tonnen Braunkohle in den ostdeutschen Revieren ab und verstromt sie vor allem in den Kraftwerken Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg. Braunkohle sei in Deutschland verfügbar, sicher und preiswert, sagte Rauscher. Deshalb bleibe ihre Rolle im deutschen Energiemix wichtig.
„Wir brauchen eine faire Chance für die Braunkohle“
Vattenfall fürchtet, dass in dem derzeit unter den Ministerien verhandelten Verteilungsplan für Kohlendioxidzertifikate Braunkohlekraftwerke wegen ihrer hohen Emissionen schlechter gestellt werden. „Für einen Wettbewerb der Energieträger brauchen wir eine faire Chance für die deutsche Braunkohle.“
Das von der EU beschlossene Kohlendioxid-Reduktionsziel von 20 Prozent gegenüber 1990 bis zum Jahre 2020 nannte Rauscher „ehrgeizig, aber machbar“. Wenn die EU das Ziel ernst nehme, werde man „nicht umhinkommen, auch den bestehenden Kraftwerkspark in Europa kritisch unter die Lupe zu nehmen“. Um die EU-Klimaziele fair umzusetzen, müssten die daraus folgenden Lasten grenzüberschreitend verteilt werden. Andernfalls würden Länder wie Österreich, die Schweiz und Schweden bevorzugt, die Strom mit Wasserkraft produzierten oder die Kernenergie nutzten, wie Frankreich.
Vattenfall will den Atomreaktor Brunsbüttel bis 2011 und damit zweieinhalb Jahre länger als geplant laufen lassen. Dafür sollen Strommengen einer anderen Anlage übernommen werden. Rauscher bekräftigte, er werde gegen einen ablehnenden Bescheid der Regierung klagen.
Verärgert zeigte sich der Chef des drittgrößten deutschen Stromproduzenten über unbewiesene Vorwürfe aus der Politik, die Energiekonzerne würden die Preise an der Strombörse in Leipzig manipulieren. „Ich lege für mein Unternehmen die Hände ins Feuer, wir manipulieren nicht.“
Kohlendioxyd wird weggesperrt
Beim Verbrennen von Braun- und Steinkohle, den wichtigsten Energieträgern für die Stromerzeugung, wird das Treibhausgas Kohlendioxid freigesetzt. Um das zu verhindern, sucht die Industrie Wege, das Kohlendioxid abzuscheiden und wegzusperren. Noch sind die Verfahren im Versuchsstadium. Vattenfall will 2011 ein Erprobungskraftwerk in Brandenburg in Betrieb nehmen, RWE bis 2014 ein kohlendioxidfreies Kohlekraftwerk anfeuern. Auch international wird an der CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) gearbeitet.
Die Wissenschaftler unterscheiden drei Lösungen: das Auswaschen des Kohlendioxids nach der Verbrennung - ein Verfahren, das für die Nachrüstung von Altanlagen in Frage kommt. Für Neuanlagen scheinen zwei Verfahren attraktiv zu sein: die Umwandlung der Kohle in ein Synthesegas, das vor der Verbrennung aufgespalten wird und die Abtrennung des Kohlendioxids erlaubt, sowie das Verbrennen der Kohle in einer Atmosphäre aus reinem Sauerstoff und Rauchgas, was ein späteres Abscheiden des Kohlendioxids ermöglicht.
Am Ende jedes Verfahrens steht verflüssigtes Kohlendioxid. Das muss über Jahrhunderte sicher gelagert werden, um einen Austritt in die Atmosphäre zu verhindern. Dafür könnten sich ausgepumpte Öl- und Gasfelder eignen. Versuche dazu sollen in Brandenburg angestellt werden. Wissenschaftler denken auch über eine Lagerung auf dem Meeresboden nach.
Es ist schon erstaunlich, mit welcher Volksverdummung
Norbert Pütz (nevergiveup)
- 21.03.2007, 12:49 Uhr
Volksverdummung von wem?
Philippe Jaeck (Chintamon)
- 21.03.2007, 13:46 Uhr
Energiediskussion einmal anders
Eberhard Czempiel (czempiel)
- 21.03.2007, 13:57 Uhr
Das wird nie was
Arwed Schmidt (SDT)
- 21.03.2007, 13:59 Uhr
