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Kohlendioxid Alles unter die Erde

02.04.2010 ·  Die Energiekonzerne wollen CO2 aus ihren Kraftwerken tief in der Erde verpressen. Das soll das Klima schützen. Die Gegner formieren sich.

Von Philipp Krohn
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Es fällt schwer, an den Klimawandel zu glauben an diesem kalten Januartag in Berlin. Das Thermometer steht bei minus zehn Grad. Auf den Bürgersteigen ist der Schnee glatt und festgetreten.

Eine Menschentraube hat sich vor dem Café Moskau gebildet. Als es noch zwei deutsche Staaten gab, nahmen hier die DDR-Privilegierten in der Natascha-Lounge ihren Mokka zu sich. Nach der Einheit beschwitzten Technofreunde die Tanzfläche. An diesem Wintertag nun strömen Vorstände von Energiekonzernen, Ministeriumsbeamte und Ingenieure in den einstigen sozialistischen Vorzeigebau.

Drei Großbuchstaben für die CO2-Wäsche

In Gedanken wohl bei der Erderwärmung, fliehen sie vor der sibirischen Kälte. Denn drinnen wollen sie das Thema diskutieren, das vielen als Weg gilt, den globalen Temperaturanstieg zu lindern: CCS. Die drei Großbuchstaben stehen für den Plan der Versorgungsunternehmen, das Kohlendioxid (Carbon dioxide) nicht mehr in die Atmosphäre zu pusten, sondern einzufangen (Capture) und tief unter der Erde einzulagern (Storage). „CO2-Wäsche“ sagen einige etwas unpräziser, doch durchsetzen wird sich dieser Begriff kaum mehr. Denn die Vorbereitungen sind weit fortgeschritten, die notwendigen Milliardeninvestitionen fest eingeplant; noch fehlen aber ein politischer Rahmen und wissenschaftliche Vorarbeiten.

Deshalb haben sich wichtige nationale Entscheider hier zusammengefunden, alles in allem rund 400 Kostümträgerinnen und Anzugträger. Das „Informationszentrum klimafreundliches Kohlekraftwerk“ hat eingeladen, eine Agentur, die von den Energiekonzernen finanziert wird, um die Vorzüge dieser anspruchsvollen Technik zu preisen. Sie hat dem Tagungszentrum einen ökologischen Anstrich verpasst. Grün ist der Raum ausgeleuchtet, die Tagungsunterlagen werden in Jutebeuteln verteilt, in den Pausen wird fettarmes Fingerfood gereicht.

Anders als in der Vergangenheit muss man dieses Publikum nicht mehr davon überzeugen, dass es einen menschengemachten Treibhauseffekt gibt. Auf dem Podium erklärt gerade Sir Nicholas Stern, wie wichtig CCS für den Klimaschutz werden wird, weil selbst 2050 noch die Hälfte des Stroms aus Kohle erzeugt werde. Der britische Ökonom ist seit seinem Report, der vor dreieinhalb Jahren erstmals die Kosten des Klimawandels realistisch bezifferte, eine allseits anerkannte Autorität im Umweltdiskurs.

Ein „herzliches Glückauf“

Von der ersten Reihe aus lauscht ihm Reinhardt Hassa. Der Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Europe Mining & Generation verantwortet das vielleicht ambitionierteste CCS-Vorhaben in Europa. Der 57 Jahre alte Manager mit dem grauen Schnauzbart war nicht immer Anzugträger. Als Maschinist begann er Ende der siebziger Jahre sein Berufsleben im Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. Noch heute beendet er jeden seiner Vorträge mit einem „herzlichen Glückauf“.

Für Hassa sind die Speicher unter der Erde existentiell wichtig, weil es ohne die Technik ausgerechnet für seine alte Ausbildungsstätte in der Lausitz nicht mehr weitergehen würde. Denn der Emissionshandel würde den Ausstoß des Treibhausgases zu teuer machen. „Wenn kein CCS-Gesetz kommt, hat die Region ein Problem und damit auch das Land. Dann laufen Kraftwerke einfach aus. Wir sind auf Gedeih und Verderb auf eine einvernehmliche Lösung angewiesen“, drängt Hassa. Denn ohne ein Gesetz kann kein Energieversorger Gas im Boden einlagern. Im vergangenen Jahr aber hat er zunehmend Gegenwind gespürt. Nachdem RWE angekündigt hatte, Speicher in Schleswig-Holstein errichten zu wollen, formierte sich zunächst der Bürgerprotest, dann entzog die CSU im Bundestag dem fertigen Gesetzentwurf ihre Zustimmung. Schließlich entdeckte auch die Landespolitik das Thema für sich. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) warnte davor, das kostenlose CO2-Klo der Republik zu werden.

Für Vattenfall-Manager Reinhardt Hassa aber tickt die Uhr. Er sieht den schwedischen Konzern technologisch noch in der führenden Position. 1,5 Milliarden Euro will er in eine Demonstrationsanlage in Jänschwalde - keine zwanzig Kilometer von seinem Cottbusser Büro entfernt - investieren. Darin soll erstmalig der gesamte Prozess von der Abscheidung an einem Kraftwerk über den Pipeline-Transport bis zur Verpressung in der Erde dargestellt werden. Dafür arbeitet er auch auf der Tagung in Berlin. Wer die Welt verändern will, hat keine Zeit für Grundsatzdebatten. Strategisches Händeschütteln mit dem Berichterstatter im Europaparlament, ein kurzes Gespräch mit dem Leiter des Landesbergbauamtes in Brandenburg, Klaus Freytag. Erleichterung, als er vom Bundeswirtschaftsministerium vernimmt, dass man dort voll hinter Vattenfall stehe. „Einen zweiten Transrapid sollten wir uns nicht erlauben“, warnt Staatssekretär Jochen Homann.

„Stoppt das CO2-Endlager“

Ulf Stumpe ist in Neutrebbin geblieben und nicht nach Berlin gefahren. Er kennt die Argumente der CCS-Befürworter, seiner Widersacher. Zudem hatte er am Morgen einen Termin bei einem der Landwirte der Region. Sechzig Kilometer östlich Berlins betreibt der 29 Jahre alte Brandenburger mit seiner Mutter eine Tierarztpraxis. Unter anderem berät er Bauern, wie sie das Vieh am besten halten, füttern und melken sollen, damit es gesund bleibt und weiterhin viel Milch gibt.

Stumpe redet viel und schnell und riecht nach Stall. Anders als die Entscheider in ihren dunklen Anzügen in Berlin ist er ein T-Shirt-Träger. „Stoppt das CO2-Endlager“ steht auf einem dieser Hemden, die seine Bürgerinitiative in knalligen Farben verteilt. Aber er ist alles andere als ein provinzieller oder gar verbohrter Aktivist. Das erkennen auch seine Gegner an. Er stellt Fragen, die sie nicht beantworten können. Deshalb kann er ihnen gefährlich werden.

In einem grauen Anorak betritt Stumpe eine der Weiden am Ortsausgang von Neutrebbin. Mit der Hand deutet er auf die schneebedeckte Fläche und zeichnet einen großen Bogen in die Luft. „Hier irgendwo könnte einmal das Loch gebohrt werden“, sagt er. „Ich bin mir aber sicher, dass es nicht kommt. Denn Analysen zeigen, dass man so ein Vorhaben nicht gegen die Bevölkerung durchsetzen kann.“

Auch wenn er sich ihnen verbunden fühlt, ist Stumpe keiner der märkischen Bauern, die an ihren Hausfassaden Transparente mit drastischen Warnungen aufhängen. Aber er weiß, wie er ihnen die wichtigsten Argumente vermitteln kann. Sechs Jahre hat er in der Hauptstadt studiert, erlernte die Forschung in wissenschaftlichen Datenbanken. Den Verdacht von Vattenfall, mit seinem Protest wolle er seine Karriere befördern, nennt er absurd. „Warum wäre ich dann nach so langer Zeit zurück in den Osten gekommen? Ohne CCS wäre ich jedenfalls profitorientierter in meiner Praxis, weil ich mehr Zeit hätte“, sagt er. Ihn treibe der Glaube an eine alternative Energieerzeugung, die ihm sein Ziehopa schon zu DDR-Zeiten vorgelebt habe. Und der Wunsch nach Gerechtigkeit.

Wie ein Wurmfortsatz des gigantischen Kraftwerks

Reinhardt Hassa ist beileibe keiner der zynisch-abgehobenen Manager seiner Branche, die rücksichtslos ihren Weg gehen. Wenn er aus seinem Bürofenster im dreizehnten Stock an seinen zwei Orchideen vorbeischaut, sieht er viel Trostlosigkeit. Plattenbauten überziehen den Westen und Süden von Cottbus. Vierzehn Prozent Arbeitslosigkeit lasten auf der Stadt in der Niederlausitz. Ein Industriearbeiter verdient hier nur drei Viertel des durchschnittlichen deutschen Gehalts in seiner Branche. Moderne Produktion hat sich kaum je angesiedelt. Seit Cottbus vor einem Jahr unter die 100.000-Einwohner-Marke fiel, hat es den Großstadtstatus verloren. Viele wandern ab. Der heimische Fußballverein nennt sich zwar Energie, verschwendet diese aber inzwischen im Niemandsland der Zweiten Bundesliga.

Erst viel weiter hinten, fast schon an der sächsischen Grenze, sieht Hassa die Zukunft. Denn dort hat er vor zwei Jahren errichten lassen, was vielen als das Modernste gilt, was die CCS-Technik derzeit auf der Welt zu bieten hat: die Pilotanlage Schwarze Pumpe. Zum ersten Spatenstich kam die Bundeskanzlerin, während der Eröffnung lächelte Ministerpräsident Platzeck in die Kameras.

Die Oxyfuel-Anlage wirkt wie ein Wurmfortsatz des gigantischen Kraftwerks gleich nebenan. Alle industriellen Verfahren, die hier erprobt werden, waren seit langem bekannt. Nie zuvor sind sie aber zusammengeschaltet worden. In einem ersten, sehr energieaufwendigen Schritt wird der Sauerstoff aus der Luft separiert. Der Stickstoff, der vier Fünftel des Gasgemischs namens Luft ausmacht, wird in die Umluft abgeleitet. Anschließend wird die getrocknete Kohle mit dem fast reinen Sauerstoff verbrannt. In einem echten Kraftwerk könnte so über die Wärme einmal eine Turbine angetrieben werden. Wie üblich werden danach die Schwefelgase abgetrennt. Im dritten Schritt wird das übrig bleibende, zu 99,7 Prozent reine CO2 verflüssigt und in Tanks gefüllt. Acht bis zehn Prozent des Treibhausgases entweichen trotz des Prozesses in die Atmosphäre. Sollte die viel größere Demonstrationsanlage gebaut werden - was ohne das CCS-Gesetz nicht geht -, könnte das Gas dann per Pipeline in das Oderbruch gelenkt und dort im Boden verpresst werden.

Eineinhalb Kilometer unter der Erde

Wie tollkühn eine Vision aber wirklich ist, zeigt sich meist erst dem, der etwas tiefer gräbt. In diesem Fall muss er wohl sogar eineinhalb Kilometer unter die Erde gehen: in die Tiefenschichten unter dem märkischen Ackerland. Saline Aquifere nennen die Geologen die Formationen dort unten. Anders als Erdgaskavernen sind dies keine abgeschlossenen Erdhöhlen, sondern poröse Gesteinsschichten, in denen sich sehr salzhaltiges Wasser angesammelt hat.

Mit welchem Befürworter der Technik man auch spricht, immer wieder ist von diffusen Ängsten der Bevölkerung die Rede. „Wir müssen für Akzeptanz sorgen und die Dinge erklären“, heißt es dann. Der örtliche öffentlich-rechtliche Fernsehsender führt gern einmal die sprichwörtliche Oma vor, die sich so sehr vor dem Gas in der Erde fürchtet und das Vorurteil bestätigt. Anders als der NDR in Schleswig-Holstein hat der RBB in Brandenburg eine kritische Auseinandersetzung mit CCS bislang kaum angestoßen.

Die vierzehn Argumente, die Ulf Stumpe mit seiner Bürgerinitiative ausgearbeitet hat, deuten weniger darauf hin, dass es an Erklärungen fehlt. Eher sieht es nach wissenschaftlich weitgehend offenen Fragen aus. Der höhere Energieaufwand bei der Abscheidung des Gases führe dazu, dass sich der Wirkungsgrad der Kraftwerke um ein Viertel verringere, beklagt Stumpe. Zudem könne das Gas das Salzwasser in den Tiefenschichten so verdrängen, dass es das Grundwasser nachhaltig verunreinige. Selbst die beste Erkundungstechnik könne nicht ausschließen, dass sich das Gas eines Tages unkontrolliert einen Weg durch Risse in der Deckschicht bahne. Und nicht zuletzt sei Vattenfall nicht bereit, für immer die Haftung zu übernehmen. Diese Bedenken teilen Umweltorganisationen wie Greenpeace und der BUND sowie das Bundesumweltministerium. „Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, lasse ich hier kein Gramm CO2 unter die Erde pumpen, wenn man gleichzeitig im Sommer Ski fährt und im Winter einen Tag im Tropenparadies verbringt“, sagt Stumpe und spielt auf einen umstrittenen Vergnügungspark in seinem Bundesland an.

„Es geht hier um gesellschaftliche Verantwortung“

Im Barbarasaal im Cottbusser Hauptquartier von Vattenfall lässt sich an diesem Märztag der Vorstand von Berufsgenossenschaften feiern. Alle in der repräsentativen Halle sind gut gelaunt. Dem Konzern wird eine außergewöhnliche Leistung in der Arbeitssicherheit beurkundet. Schulterklopfen. Glückauf. Reinhardt Hassa lächelt zurückhaltend. Nach der Zeremonie winkt er Klaus Freytag zu sich, der sich mal wieder zeigt. Der Präsident des Landesbergbauamtes hat am Vortag gerade genehmigt, dass die Region um Neutrebbin als mögliches CO2-Lager erkundet werden kann. Ergebnisoffen, wie er betont. „Es geht hier um gesellschaftliche Verantwortung für die Bergbauregion und um die technische Machbarkeit, die für Ingenieure wie mich interessant ist“, sagt Hassa und verabschiedet sich in eine wichtige Projektsitzung. Am Nachmittag wird er auf einem Expertenforum in Berlin noch einmal erläutern, welche Anstrengungen sein Konzern unternimmt, um die Technik serienreif zu bekommen.

Eine Woche später im Oderbruch. Der schwarze Zwergschnauzer Kira liegt auf Ulf Stumpes Behandlungstisch. Der kleine Hund leidet unter seinem schwachen Herzen und bekommt schwer Luft, sobald es warm wird. Stumpe nimmt sich viel Zeit, um Kiras Besitzerin das Leid zu erklären. Er weiß, wie er mit den Menschen hier sprechen muss. Am Freitag zuvor hat er tausend Leute aus der Region aufgestachelt, die zu einer Demonstration gegen die Erkundung gekommen sind. Wenn seine Enkelkinder ihn in fünfzig Jahren fragen müssten, warum er nichts gegen das „Endlager“ getan habe, dann hätte er etwas falsch gemacht, sagt Stumpe und blickt zum Fenster hinaus über seinen Hof hinweg in die Ferne. Er glaubt daran, dass eines Tages die regenerativen Energien die Kohle vollständig ersetzen können. „Es gibt auch Möglichkeiten, den Planeten zu retten, ohne ihn vollzupumpen“, ist er sich sicher.

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Wirtschaft.

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