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Koalitionsverhandlungen : Staatlicher Mindestlohn im roten Bereich

Viele Bürger befürworten einen einheitlichen Mindestlohn von 8,50 Euro Bild: dpa

Auch unter Ökonomen tobt der Streit, ob und wie beschäftigungsschädlich ein gesetzlicher Mindestlohn ist. 8,50 Euro halten selbst Befürworter für eine zu hohe Hürde.

          Während immer mehr Politiker Kurs auf einen gesetzlichen Mindestlohn nehmen, bleibt das Thema unter Ökonomen weiter umkämpft. Seit Jahren gibt es hitzige Debatten über die Auswirkungen einer staatlich gesetzten Lohnuntergrenze: Zerstört er Beschäftigung, gerade für Geringqualifizierte, oder nicht? Widersprüchliche Studienergebnisse fliegen seit Jahren wie Pingpong-Bälle über die Forschungsgräben hin und her. „In den Wirtschaftswissenschaften werden Mindestlöhne inzwischen differenzierter gesehen, als dies noch vor wenigen Jahren der Fall war“, heißt es im jüngsten Gutachten der Forschungsinstitute.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Grundsätzlich gibt es zwei Lager: Auf der einen Seite stehen die neoklassischen Arbeitsmarktforscher. Sie argumentieren, dass eine staatliche Lohnhürde, die oberhalb des Gleichgewichtspreises liegt, die Nachfrage nach Arbeit beschneidet. Arbeiter, deren Produktivität zu gering ist, werden nicht mehr eingestellt. Wolfgang Franz, der langjährige Vorsitzende des Sachverständigenrats, hat diesen Punkt immer wieder betont: Unternehmen stellen niemanden ein, der mehr kostet, als er an Leistung bringt. Ein hoher Mindestlohn vernichte daher viele Beschäftigungsverhältnisse, gerade im Osten, wo es viele geringbezahlte Jobs gibt. Einige Schätzungen, etwa von Marcel Thum (TU Dresden und Ifo-Institut) oder Ronnie Schöb (Freie Universität Berlin), kamen auf Jobverluste in sechsstelliger Zahl.

          Auf der anderen Seite der Debatte stehen Kritiker der neoklassischen Theorie. Vielfach zahlten Unternehmen nicht die Löhne, die der Grenzproduktivität der Beschäftigten entsprechen, also deren Leistung widerspiegeln. Manche Löhne lägen darunter. Örtliche Arbeitgeber können eine gewisse Marktmacht haben, sagt Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Ökonomen nennen dies ein „Monopson“ (Nachfrage-Monopol). Für die niedrigen Löhne ist aber das Arbeitsangebot gering. Wenn der Staat einen Mindestlohn vorgibt, könnten das Arbeitsangebot und die Beschäftigung somit steigen, sagt Möller. Manche Studien, die mit Hilfe von Nachfrageelastizitäten hohe Beschäftigungsverluste errechnen, nennt er „Bierdeckel-Rechnungen“. Umgekehrt halten die Mindestlohnkritiker das theoretisch richtige „Monopson“-Argument in der Praxis für wenig relevant.

          In den Vereinigten Staaten tobt seit zwei Jahrzehnten die Schlacht mit empirischen Studien. Dort haben Bundesstaaten verschieden hohe Mindestlöhne. Die Arbeitsmarktforscher David Neumark und William Wascher untersuchten die Vielfalt und kamen zu dem Ergebnis, dass Mindestlohn-Erhöhungen der Beschäftigung schadeten. Ein 10-Prozent-Anstieg habe 1 bis 2 Prozent der Stellen vernichtet, gerade für junge Leute. Eine vielzitierte Fallstudie von David Card (Berkeley) und Alan Krueger (Princeton) kam zu einem anderen Ergebnis. Sie errechneten, dass die Erhöhung des Mindestlohns in New Jersey Anfang der neunziger Jahre in Schnellrestaurants keinen negativen, sondern sogar einen positiven Beschäftigungseffekt hatte. Dies ergab sich im Vergleich zum benachbarten Pennsylvania, wo der Mindestlohn stagnierte.

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