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Klimaschutz Der CO2-Ausstoß wird billig

 ·  Die Preise für Kohlendioxid-Emissionsrechte haben sich halbiert. Das macht nicht nur die Klimalobby nervös. Einige Stromkonzerne profitieren, Eon ist sauer.

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Um den europäischen Emissionshandel steht es nicht gut. Das Klimaschutz-Flaggschiff der EU ist, nimmt man den vielstimmigen Chor der Kritiker ernst, schwer angeschlagen. Eon-Chef Johannes Teyssen plädiert für einen Neustart. Grund der Besorgnisse ist der Zusammenbruch der Börsenpreise für CO2-Emissionsrechte. Das sei schlecht für Investitionen in energieeffiziente Technologien.

Verglichen mit dem ersten Quartal 2011 ist der weltweite Kohlendioxidmarkt 2012 um 41 Prozent abgeschmiert, hat die Agentur Bloomberg ausgerechnet, auch wenn die Handelsaktivität zugenommen habe. Doch waren mehr Verkäufer als Käufer unterwegs. Der Preis je Tonne CO2 wurde an der Strombörse EEX im Jahresvergleich auf wenig als 7 Euro halbiert. Guy Turner von Bloomberg Energy Finance erwartet einen weiteren Verfall.

Niedrige CO2-Preise helfen Stromerzeugern und der energieintensiven Industrie, jenen Betreibern von 1640 Fabriken und Kraftwerksanlagen, die in Deutschland am Emissionshandel teilnehmen müssen. 450 Millionen Tonnen Kohlendioxid haben sie 2011 emittiert, 1 Prozent weniger als 2010. Stromkonzernen wie RWE und Vattenfall kommt der niedrige CO2-Preis gut zupass. Sie können Braunkohlekraftwerke, für die viele CO2-Zertifikate nötig sind, besser auslasten und billig Strom erzeugen. Eon profitiert davon kaum, weil es so gut wie keine Braunkohle verstromt. Die geforderte Änderung des CO2-Handels würde damit Konkurrenten belasten. Auch die Stahl- und Zementindustrie, zwei energieintensive Branchen, können sich dank niedriger CO2-Preise günstig eindecken, besser im Wettbewerb behaupten und ihre Produktion hochfahren - wie in Deutschland 2011 geschehen.

Das schafft Arbeitsplätze und hilft den Staatseinnahmen, doch, so klagen Umweltschützer, nicht dem Klima. „Es war noch nie so billig, klimaschädlich zu produzieren“, sagt Ann Kathrin Schneider vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Allerdings muss man bedenken: Durch die billigeren Zertifikate steigen die Emissionen nicht, denn sie sind durch die zugeteilte Menge in der EU gedeckelt.

Die Rezession ist schuld

„Offenkundig war das Klimaschutzziel nicht ambitioniert genug“, sagt der Chef des Bundesumweltamtes, Jochen Flasbarth. Das meinen viele Umweltgruppen. Sie werfen den Regierungen vor, von Anfang an zu viele Zertifikate großzügig verschenkt zu haben.

Joachim Ziesing ist einer der vier von der Regierung zur Überwachung der Energiewende berufenen Fachleute. Er sagt: „Maßgeblich für den CO2-Preisverfall war der Wachstumseinbruch 2009.“ Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie, die einer großen Energieabnehmer ist, sieht das ähnlich: „Durch den Einbruch der Wirtschaft 2009 überstieg die Zahl der Zertifikate zwar kurzfristig die Emissionen.“ Insgesamt habe es keinen Überschuss gegeben. Andere Wirtschaftsvertreter weisen darauf hin, dass die Krise außerhalb Deutschlands lange nicht ausgestanden sei. Auch von dort kämen weiter viele Zertifikate an die Börse.

Nicht nur die von der EU zugeteilten CO2-Rechte lasten auf dem Markt. Martin Kneer, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Metalle, verweist auf die „Unsicherheit über die Fortsetzung des Kyoto-Protokolls“. Das Protokoll erlaubt europäischen Stromkonzernen und Industrien, Gutschriften für Emissionszertifikate zu bekommen, indem sie klimaschonende Techniken in Schwellenländern installieren. Vorige Woche hatte das Weltklimasekretariat mitgeteilt, erstmals seine 4000 Projekte im „Clean Development Mechanism“ registriert worden. Aus 1500 Projekten seien bisher 900 Millionen Gutschriften zugeteilt worden.

Auch der Zuwachs erneuerbarer Energien - allein die Solarstromproduktion nahm in Deutschland im ersten Quartal um 40 Prozent zu - trägt zum Überschuss an CO2-Zertifikaten bei. Ökostrom wird unabhängig vom Marktpreis aufgekauft und eingespeist. Er verdrängt die jeweils teuerste Art der Stromerzeugung, oft Steinkohle. Deren Betreiber müssen entsprechend weniger CO2-Zertifikate kaufen.

„Der europäische Emissionshandel ist sehr krank“, diagnostiziert Eon-Vorstandsvorsitzender Johannes Teyssen. Ohne schnelle Therapie werde er sterben. Allein in Deutschland werde der geplante Öko-Stromzuwachs bis 2020 rechnerisch die Emission um 1,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid reduzieren. „Das entspricht fast einer Jahresmenge im Emissionshandelssystem.“

Der Eon-Chef will weniger CO2-Ausstoß

Teyssen will deshalb nicht den Öko-Stromausbau zurückfahren, er will weniger Emissionrechte ausgeben. Dabei befindet es sich in einer seltenen Allianz mit UBA-Chef Flasbarth und Klimaspezialisten wie Regine Günther vom WWF Deutschland. Sie alle wollen nicht das System, den CO2-Rechtehandel, ändern, sondern über eine neue, höhere CO2-Zieldefinition Knappheit erzeugen, den Preis treiben. Wenig halten sie von den Idee des Europaparlamentes, fallweise Emissionrechte aus dem Markt zu nehmen, weil das den Marktmechanismus außer Kraft setze. Viel Zeit bleibt nicht. 2013 beginnt die neue, die dritte Handelsperiode seit 2005.

Die EU will bis 2050 ihre CO2-Emissionen gegenüber 1990 um 80 Prozent senken. Um dort auch anzukommen, wollen Klimalobbyisten das Reduktionsziel bis 2002 von heute 20 auf 30 Prozent anheben. Damit stünde knapp ein Fünftel weniger Emissionrechte für die Periode 2013 bis 2020 zur Verfügung - was vor allem die am Emissionshandel beteiligten Energieerzeuger und Industriebetriebe ausbaden müssten. Sie würden auch bei dem Eon-Chef Teyssen präferierten Modell zur Kasse gebeten, ein neues, höheres Minderungsziel für 2030 auszurufen und den Weg dorthin in jährlich gleichen Stufen zu beschreiten. Thema ist der Emissionrechtehandel in dieser Woche auch wieder unter den EU-Umweltministern. Vorgeschlagen ist hier eine Anhebung der CO2-Reduktion um 25 Prozent bis 2020.

Höhere CO2-Ziele und -Preise würden nicht zuletzt der Bundesregierung ins Konzept passen. Täte die EU mehr, fiele es ihr leichter, das deutsche 40-Prozent-Ziel im Jahr 2020 zu erreichen. Auch hat Berlin für die 2013 beginnende Versteigerung der CO2-Rechte 17 Euro je Tonne eingestellt, zweieinhalb Mal den heutigen Preis.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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