07.11.2006 · Früher war die Welt noch einfach. Die Alternative lautete schlicht: Umweltschutz oder Gewinn? Das war einleuchtend: Katalysatoren machen Autos teurer. Entweder büßt der Hersteller oder der Verbraucher. Eine neue Studie erklärt, warum es viel kostspieliger ist, auf den Umweltschutz zu verzichten.
Von Thiemo HeegFrüher war die Welt noch einfach. Die Alternative lautete schlicht: Ökonomie oder Ökologie? Umweltschutz oder Gewinn? Das ist einleuchtend: Katalysatoren machen Autos teurer. Entweder büßt der Hersteller oder der Verbraucher. Oder beide. Aber wir lieben ja unsere Umwelt und bauen ihr zuliebe gerne den Schadstofffresser ein. Auch wenn es uns viel Geld kostet.
In diesen Tagen wird aus der vermeintlich uneigennützigen Tat plötzlich eine höchst eigennützige. Menschen wie Nicholas Stern versuchen uns klarzumachen, daß Umweltschutz nicht teuer ist. Sondern daß es im Gegenteil sehr viel teurer kommt, auf ihn zu verzichten.
Erderwärmung läßt Weltwirtschaft einbrechen
Der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank hat in der vergangenen Woche eine Studie vorgelegt, die rund um den Globus für Aufsehen sorgte. In der „Stern Review on the Economics of Climate Change“ geht es um den mutmaßlichen Wandel des Erdklimas und seine Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die sind, kurz gesagt, verheerend. Die Erderwärmung lasse die Weltökonomie um 20 Prozent einbrechen, wenn nicht schnell etwas unternommen wird, lautet Sterns Fazit.
Es kommt nicht von ungefähr, daß diese Untersuchung ausgerechnet jetzt publik wird. Am morgigen Montag beginnt die zwölfte Weltklimakonferenz. Vertreter von 189 Staaten treffen sich im kenianischen Nairobi, um zu erörtern, wie man Treibhausgase reduzieren kann.
Unter der Käseglocke
Diese Gase (der prominenteste Vertreter ist das Kohlendioxyd) lassen die Sonne rein, aber die Hitze nicht mehr raus - der wohlbekannte Käseglockeneffekt. Wenn sich die Durchschnittstemperatur nur um wenige zehntel Grad erhöht, hat das gravierende Effekte. Stern spricht von schmelzenden Polkappen, heftigeren Stürmen, längeren Dürren und steigenden Meeresspiegeln.
Der Mann ist kein alarmistischer Grüner, sondern ein kühl rechnender Ökonom. Und das ist das Neue. Er faßt nüchtern Erkenntnisse zusammen, die schon bekannt sind. Sowohl die Auswirkungen wie auch die Ursachen.
Daß die Menschheit ihre Umwelt verseucht, hat vor allem damit zu tun, daß Erde, Luft und Wasser offenbar gratis zur Verfügung stehen. Wenn ein Autofahrer unterwegs ist und seine schädlichen Auspuffgase in die Natur entläßt, dann tut er das, ohne direkt dafür zahlen zu müssen. Niemand zeigt ihm den Preis für dieses Verhalten auf. Wissenschaftler sprechen deshalb von "externen Effekten". Schon seit Jahrzehnten steht die Forderung im Raum, diese Effekte direkt den Verursachern anzulasten - eine bislang vergebliche Forderung.
Im Schneckentempo
Jetzt stehen Kostenzahlen im Raum und Möglichkeiten, wie sich diese Kosten reduzieren lassen. Nur ein Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes genüge, um die schlimmen und sehr teuren Folgen des Klimawandels einzudämmen, hat Stern errechnet. Dabei werde die Weltwirtschaft nicht schrumpfen, sondern sogar weiter wachsen. Die Nachfrage nach neuen Produkten und Finanzdienstleistungen für eine "kohlenstoffarme Wirtschaft" biete den Unternehmen viele neue Geschäftschancen.
Jetzt kommt es nur darauf an, diese Erkenntnisse rasch umzusetzen. Nur sieht es danach nicht aus. In Nairobi soll es erst einmal darum gehen, ob im kommenden Jahr darüber geredet werden kann, wie es nach dem Jahr 2012 mit dem Klimaschutz weitergehen soll. Dann nämlich laufen die Vereinbarungen des Kyoto-Protokolls zur Verringerung von Treibhausgasen aus.
Wenn überhaupt, geht es also allenfalls im Schneckentempo voran. Schade. Denn eigentlich sind Ökonomie und Ökologie gute Freunde.