17.04.2006 · Forschungsministerin Annette Schavan über die Misere an den Hauptschulen, überforderte Eltern und Deutsch als Fremdsprache.
Forschungsministerin Annette Schavan über die Misere an den Hauptschulen, überforderte Eltern und Deutsch als Fremdsprache.
Frau Schavan, Pisa-Schock und Rütli-Brandbrief haben die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Warum hat eigentlich niemand gemerkt, wie schlimm es um das Bildungssystem steht?
Es haben uns lange Zeit die Instrumente gefehlt, Schule realistisch wahrzunehmen. Jeder Bildungspolitiker konnte in Deutschland alles behaupten, doch empirische Erhebungen haben gefehlt. Es hat einfach viel zu viele Illusionen gegeben.
Und was haben die Kultusverwaltungen der Länder die ganze Zeit gemacht? Die Schulräte?
Wir sollten nun auch nicht gleich wieder alle Schulen unter Verdacht stellen. Es gibt schließlich auch exzellente Schulen in Deutschland. Aber zugegeben, es gab zu lange eine Steuerung der Bildung in Deutschland, die glaubte, mit möglichst vielen Vorschriften gute Ergebnisse zu erreichen. Das hat erkennbar nicht funktioniert. Wir wissen heute, moderne Steuerung geht anders.
Also weniger Vorschriften
Die Alternative zur Regelungswut heißt: Wir müssen klare Standards setzen, die auch tatsächlich von allen Ländern eingehalten werden. Wir müssen sagen, welche Qualität an den Schulen notwendig ist. Und wir brauchen mehr Gestaltungsspielraum für die einzelnen Schulen vor Ort.
Wenn Sie klare Standards fordern, ist es dann hilfreich, daß jedes der 16 Bundesländer seine eigene Schulpolitik macht?
Schule ist das Herzstück der Landespolitik ...
... mit zum Teil katastrophalen Ergebnissen.
Der Hinweis auf die Zuständigkeit der Länder ist natürlich noch keine Lösung des Problems. Alle, Bund und Länder, müssen jetzt mit klaren Zielvorstellungen und Zeitplänen Strategien entwickeln, wie wir das Bildungsniveau erhöhen und den Jugendlichen damit auch wieder eine Perspektive geben. Gespräche darüber, wer wofür zuständig ist, wird die Öffentlichkeit nicht länger akzeptieren. Es kann ja nicht sein, daß Berlins Bildungssenator, mein Kollege Böger, im Bundestag nur sagt, was er alles schon gemacht habe. Ja, wenn er das alles schon gemacht hat. Warum ist es in Berlin dann so, wie es ist?
Welche Rolle kann die Bundesministerin für Bildung dabei spielen?
Bei der beruflichen Bildung gibt der Bund die Impulse. In der schulischen Bildung muß der Bund für eine Bildungsforschung sorgen, die die Qualitätsentwicklung der Schulen unterstützt und auch Instrumente schafft, mit denen diese Ziele erreicht werden. Genau dies werden wir tun, und die Bildungsberichterstattung wird darüber künftig Rechenschaft geben.
Jeder fünfte bis vierte Jugendliche ist nicht ausbildungsreif. Es fehlt an Deutschkenntnissen, an der Fähigkeit, einfache Sachverhalte zu verstehen. Das kann sich eine Gesellschaft, die sich als Wissensgesellschaft begreift, nicht leisten.
Alle Maßnahmen des Bundes, der Bundesagentur für Arbeit und der Länder müssen auf ihre Wirksamkeit untersucht werden.
Mit Verlaub: Hat man das bislang nicht gemacht?
Nein. Es hat nur immer mehr Maßnahmen gegeben. Es wird viel Geld investiert, und es gibt zuwenig Auskunft darüber, wie wirksam das ist. Das muß sich ändern, und das muß in den nächsten Monaten passieren. Ich werde bereits Anfang Mai mit dem Chef der Bundesagentur darüber sprechen.
Wie wollen Sie diese dramatisch schlechten Zahlen wegbekommen?
Diese Zahlen sind inakzeptabel. Deswegen darf darüber auch nicht mehr lange diskutiert werden. Wir müssen uns Ziele mit klaren Zeitperspektiven setzen. Wir können uns auf Dauer eine so hohe Quote schlecht ausgebildeter junger Menschen nicht leisten. Wir wissen, daß schon 2010 in den großen Städten der Anteil der bis zu Vierzigjährigen aus Migrantenfamilien nahezu die Mehrheit sein wird. Da kann man nicht weiter auf Verdacht hin Lebensläufe begleiten. Der größte Fehler dieser Gesellschaft ist, vieles zu ignorieren, was sich in unseren Städten abspielt. Das Desinteresse an dem, was in den Schulen stattfindet, ist zu groß. Ohne mehr Begeisterung dieser Gesellschaft für Bildung wird uns das nicht gelingen.
Warum ist die Gesellschaft so bildungsfeindlich?
Vermutlich ist das wie bei manchem anderen Thema auch: Je mehr darüber gesprochen wird, um so mehr wird die Rede zum Ersatz für eigene Anstrengung, Wir investieren in Deutschland soviel in Bildung wie nie zuvor. Aber es fehlt der Funke, es fehlt das Bewußtsein, daß diese Gesellschaft nur eine Chance hat, ihren Wohlstand zu bewahren, wenn sie sich stärker anstrengt und Integration als zentrale gesellschaftspolitische Aufgabe wahrnimmt.
Muß man nicht schon bei den Kleinkindern anfangen, wenn der Bildungsfunke überspringen soll?
Das stimmt. Wir brauchen Bildungshäuser für Drei- bis Zehnjährige.
Bildungshäuser?
Ich sag's mal so: Wir brauchen eine immer stärkere Zusammenarbeit zwischen Kindergärten und Grundschulen. Daraus kann sich ein Bildungshaus für Drei- bis Zehnjährige entwickeln. Ich halte das für die wichtigste strukturelle Veränderung unseres Bildungssystems. Wir müssen mit dem Lernen deutlich früher beginnen. Das Alter zwischen drei und sechs Jahren ist die wichtigste Phase, das Lernen zu lernen.
Das klingt, als wollten Sie den Kindergartenbesuch zur Pflicht machen.
Je mehr gute Angebote für frühkindliche Bildung da sind, desto mehr wird das ein Renner werden. Davon bin ich überzeugt. Und da, wo wir wissen, daß Eltern massiv überfordert sind, etwa weil niemand in der Familie Deutsch spricht, muß Eltern vermittelt werden, daß sie ihren Kindern die Chancen zur frühkindlichen Bildung geben müssen, damit sie erfolgreich in der Schule sein können. Bei dieser Vermittlung können uns auch die Konsulate helfen.
Wird der Kindergarten kostenfrei?
In Zukunft muß in frühkindliche Bildung deutlich mehr Geld investiert werden. Dann müssen wir übrigens für die Sechzehn- bis Achtzehnjährigen über die Bundesagentur für Arbeit nicht mehr für die Versäumnisse zahlen, die wir in der frühkindlichen Erziehung haben. Es braucht Umschichtungen.
Und Studenten müssen also künftig zahlen?
So wird es kommen, allerdings muß dieses Geld in die Hochschulen gehen. Deshalb sind Studiengebühren als Instrument der Umsteuerung ungeeignet. Angesichts der Unterfinanzierung der Hochschulen und der steigenden Studentenzahlen sind Studiengebühren keine Geldquelle für frühkindliche Bildung.
Und wie begründen Sie größere Investitionen in die frühkindliche Bildung?
Indem ich deutlich mache, daß wir ansonsten in den Großstädten bei den Sozialausgaben eine Kostenexplosion bekommen werden. Preiswerter ist da allemal die Stärkung der frühkindlichen Bildung.
Warum schaffen wir es nicht, ins Bildungssystem mehr Wettbewerb zu bringen?
Der Wettbewerb findet ja faktisch zwischen den sechzehn Ländern statt. Das hat Pisa gezeigt, und hier werden die Spitzen den Wettbewerb weiter beleben. Im übrigen: Je mehr Selbständigkeit vor Ort besteht, desto mehr wird der Wettbewerb gefördert.
Was muß im Bildungssystem konkret besser werden?
Erster Schritt: Kindergarten und Grundschule zusammenbringen. Kinder müssen ihren Lehrer vom ersten Tag an verstehen können, sie müssen also die deutsche Sprache verstehen. Zweitens müssen wir jeder Schule die Möglichkeit geben, auch einen mittleren Bildungsabschluß anzubieten und damit die Jugendlichen ausbildungsreif zu machen. Eine Hauptschule darf kein Milieu der Perspektivlosigkeit werden. Und der letzte Schritt ist, Schulen in sozialen Brennpunkten mehr Unterstützung durch Netzwerke zu bieten, um die Aufgabe der Integration zu leisten. Im übrigen muß deutlich werden: Gute Bildung ist nicht alleine Sache des Staates. Die Chancen unseres Bildungssystems müssen auch aktiv wahrgenommen werden.
Was heißt das für die Bildungsfinanzierung?
Mit dem Studienkreditangebot der KfW, das seit diesem Monat besteht, ist ein erster Impuls für bessere Studienfinanzierung gesetzt. Ich bin sicher, daß weitere Angebote folgen werden. Das stärkt Eigenständigkeit und Verantwortung.
Befindet sich die deutsche Forschung im internationalen Vergleich eigentlich noch im Spitzenfeld?
Es hat in den letzten zwanzig Jahren manche Erfolgsgeschichte gegeben. Nehmen Sie nur die Lasertechnik. Da spielten wir in den achtziger Jahren keine Rolle, heute sind wir Weltmarktführer. Es gibt Erfolgsgeschichten in der Grundlagenforschung bei neuen Technologien. Es ist allgemein anerkannt, daß wir im Vergleich zu anderen Ländern ein sehr hohes Niveau haben. Woran wir arbeiten müssen, ist die Umsetzung.
Also die Frage, wie wir aus dem Wissen Geld machen?
Da sind wir nicht so stark, wie wir das sein müßten, vor allem, wenn man sich die Dynamik in anderen Weltgegenden ansieht. Wir müssen jetzt die Weichen in diese Richtung stellen.
Und wie machen wir das?
Die Bundesregierung ist mit dem Sechs-Milliarden-Programm zusätzlich für Forschung und Entwicklung in Vorlage getreten. Jetzt geht es darum, die Mittel so einzusetzen, daß der Technologietransfer beschleunigt und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft weiter ausgebaut wird. Daran arbeiten wir in den nächsten Wochen und Monaten. Wir wollen im Technologietransfer Motor auf dem Weltmarkt werden.
Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.848,03 | +1,42% |
| FAZ-INDEX | 1.526,72 | +1,43% |
| TecDAX | 778,36 | +0,73% |
| MDAX | 10.441,40 | +1,41% |
| SDAX | 5.048,27 | +1,17% |
| REX | 422,26 | −0,26% |
| Eurostoxx 50 | 2.520,31 | +1,24% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,56 | +1,37% |
| Dow Jones | 12.944,50 | +0,31% |
| Nasdaq 100 | 2.582,43 | −0,38% |
| S&P500 | 1.358,04 | +1,10% |
| Nikkei225 | 9.384,17 | +1,58% |
| EUR/USD | 1,3151 | +0,17% |
| Rohöl Brent Crude | 119,62 $ | −0,36% |
| Gold | 1.713,00 $ | 0,00% |
| Bund Future | 138,33 € | −0,28% |