16.08.2010 · Auch bei Kassenpatienten soll künftig wie bei Privatversicherten direkt abgerechnet werden, fordert der Vorsitzende der deutschen Kassenärzte. Mit der Ausstellung einer Quittung nach jeder Untersuchung solle ein Kostenbewusstsein bei den Patienten geschaffen werden.
Von Andreas Mihm, BerlinKassenärztechef Andreas Köhler hat Mediziner und Patienten aufgerufen, Arztbesuche besser mit Patientenquittungen zu dokumentieren. „Wir haben ein großes Interesse daran, dass die Quittungen von den Patienten genutzt werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ein Grund: „Die Quittung schafft ein Kostenbewusstsein beim Patienten.“ Sie würden erkennen, „wie preisgünstig die ambulante Versorgung in der haus- oder fachärztlichen Praxis ist - etwa im Vergleich zum Restaurantbesuch“. Köhler will die Quittung zum Umstieg in ein System der Kostenerstattung und damit zur Direktabrechnung mit gesetzlich Versicherten nutzen. Verbraucherschützer lehnen das ab.
Patienten können schon seit dem Jahr 2004 Quittungen über eine Behandlung verlangen. Doch kaum einer fragt danach. Das hat die KBV bei einer repräsentativen Befragung von mehr als 6000 Versicherten herausgefunden. Nur einer von fünf Befragten wisse von dieser Möglichkeit, beklagte Köhler. „Nur 2 Prozent der Versicherten haben sich in den vergangenen zwölf Monaten beim Arzt einen solchen Beleg ausstellen lassen, 80 Prozent wussten von solchen Quittungen bisher nichts.“ Ein Grund dafür ist, dass der Arzt, Zahnarzt oder das Krankenhaus den Beleg nicht automatisch, sondern nur auf Wunsch erstellt. Laut Gesundheitsministerium muss der Beleg eine „Aufstellung aller Leistungen und Kosten in übersichtlicher Form“ beinhalten. Nach einer Musterquittung, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung erstellt hat, listet der Arzt auf einem Computerausdruck Art und Dauer der Behandlung, den nach Honorarordnung anzulegenden Punktwert und einen Euro-Betrag auf.
„Die ganze Debatte um Abrechnungsfehler wäre auf einen Schlag erledigt“
Köhler steht mit seinem Wunsch nach einer stärkeren Nutzung der Patientenquittungen nicht allein. Der Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, hatte kürzlich darauf hingewiesen, dass solche Belege die „Behandlungskosten transparent machen“. In den Koalitionsfraktionen hatte der Abgeordnete Erwin Rüddel (CDU) das aufgenommen. Er will die Quittung in ein neues Patientenrechtegesetz aufnehmen. Der Patientenbeauftragte der Regierung, Wolfgang Zöller (CSU), hatte schon im vergangenen Jahr in der F.A.Z. für eine verbindliche Patientenquittung geworben. Schon Ende der neunziger Jahre habe die schwarz-gelbe Regierung ein Gesetz erlassen, auf dessen Basis jeder nach dem Arztbesuch eine Rechnung bekommen solle. Zöller sagte, er fände es „erstrebenswert, dass jeder sie automatisch bekommt“. Dann sehe der Versicherte, was aufgelistet wurde, „und die ganze Debatte um Abrechnungsfehler wäre auf einen Schlag erledigt“.
Eine Patientenquittung ist allerdings nur zur Information des Patienten gedacht. Das unterscheidet sie von der Rechnung, die der Arzt dem Privatversicherten ausstellt und die dieser zur Kostenerstattung bei seiner Krankenversicherung einreicht. Solange der Kassenpatient mit seiner Kasse keinen (teureren) Kostenerstattungstarif verabredet hat, rechnet der Arzt weiterhin mit der Kasse ab. Verbraucherschützer wollen es dabei belassen. Die generelle Einführung der Kostenerstattung, bei der alle abrechnen wie Privatpatienten, lehnt Billen ab: „Das Sachleistungsprinzip schützt Patienten vor finanzieller Überforderung und sichert auch das Einkommen der Ärzte.“
Die Ärzte verlangen nicht nur eine neue Gebührenordnung, damit eine verlässliche Abrechnung überhaupt erstellt werden kann. Sie wollen auch die Direktabrechnung mit den Patienten ausbauen. Köhler nennt die Patientenquittung deshalb einen „richtigen Schritt in Richtung Eigenverantwortung, Eigenbeteiligung und Kostenerstattung durch die Versicherten der Gesetzlichen Krankenversicherung“. Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hat den Medizinern auf dem Ärztetag versprochen, den Weg dorthin zu bahnen.
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