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Karrieren Frauen beschimpfen Frauen

 ·  Wer hindert die Frauen am Aufstieg? Ihr eigener Wille oder die schwierigen Umstände? Über diese Fragen streiten Frauen seit Jahrhunderten. Und jetzt geht es wieder los. Porträt einer zeitlosen Debatte.

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Dieses Thema ist Bascha Mika eine Reise nach Pfullingen wert. Ende Februar wird die frühere taz-Chefredakteurin den Pfullinger Bürgern in der Volkshochschule aus ihrem neuen Buch vorlesen: „Die Feigheit der Frauen“. Eine „Streitschrift wider den Selbstbetrug“ hat die Karrierejournalistin verfasst. Darin prangert sie an, dass Frauen sich im Jahr 2011 noch immer der Männerwelt unterordnen. Emanzipation hin, Frauenförderung her – Frauen seien zu feige für Konflikte, zu bequem für Spitzenkarrieren, wettert Mika. Lieber würden sie Hausvorstand als Dax-Vorstand.

Frauen beschimpfen Frauen. Mika passt in den Zeitgeist. Ob der Kampf für Gleichheit vorbei ist oder ob er jetzt richtig losgeht, darüber kann niemand besser streiten als Frauen unter sich. Es muss nur eine junge, konservative Ministerin auf eine gestandene Feministin prallen – und alle streiten mit. Politikerinnen, Gewerkschafterinnen, Unternehmerinnen, Professorinnen, Publizistinnen (und dazwischen auch mal ein einsamer Christian Nürnberger). „Ihr seid zu radikal!“, kreischen die einen. „Ihr seid zu lahm!“ die anderen.

Spannend ist, wie lange die Debatte schon tobt. „Seit 35 Jahren irren Männer und Frauen durch die Wüste des Geschlechterkriegs“, schreibt der Publizist Nürnberger im jüngsten Feminismus-Streit. Das stimmt nur halb. Die Wüsten-Safari der Frauen dauert schon bald zwei Jahrhunderte. Bevor die Männer zwischen den Dünen auftauchten, bekämpften Frauen ihresgleichen – und tun es bis heute.

Beispiele gefällig? „Die Frauenemanzipation ist in ihrem Rottenauftreten sehr unschön und unerfreulich“, klagte die selbstbewusste Malerin Paula Modersohn-Becker schon 1901. Auch ihre Zeitgenossin, die Schriftstellerin Louise Otto-Peters, wollte keine „Karikatur der Männer“ werden, wie sie es Feministinnen ihrer Zeit vorwarf.

Diese sparten ihrerseits nicht mit Lästereien über die antriebsarmen Weibsbilder, für die sie mitkämpften: „Wie gering ist doch die Zahl der Frauen, die sich vom bitteren Joch männlicher Herrschaft befreit haben“, klagte 1792 die britische Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft in ihrem Manifest „Ein Plädoyer für die Rechte der Frau“. Ihren zahmeren Zeitgenossinnen warf sie „Geziertheit, Unwissenheit, Armseligkeit und die Anhänglichkeit eines Cockerspaniels“ vor, so konnten die Fronten wohl nicht weich werden. Ins selbe Horn stieß 150 Jahre später Simone de Beauvoir: „Frauen akzeptieren die untergeordnete Rolle, um Anstrengungen aus dem Wege zu gehen, die mit der Gestaltung eines authentischen Lebens verbunden sind.“

Ist der Preis für Bildung und Unabhängigkeit, dass frau „vermännlicht“? Ist die Antwort auf die Frauenfrage der Kommunismus (Clara Zetkin) oder das bürgerliche Freiheitsideal (Helene Lange)? Selten wurden diese Debatten direkt ausgetragen – Kommunistin und Kommerzienrätin trafen sich nicht zur Podiumsdiskussion in der VHS Pfullingen. Es genügte, das andere Lager zu lesen, um es zu verachten.

„Traurig“ findet Barbara Holland-Cunz, Professorin für feministische Theorie in Gießen, mit welcher Bitterkeit sich Frauen schon vor Jahrhunderten beharkten. „Ihre rechtliche und wirtschaftliche Situation war so katastrophal, dass ein bisschen Solidarität nicht geschadet hätte.“ Die Feministinnen von einst hätten nie geglaubt, vermutet Holland-Cunz, dass die Welt Jahrhunderte nach ihnen noch immer über Aufstiegschancen und Gehaltsgerechtigkeit streitet.

Und warum nur? Alle Hürden sind doch gefallen. Das Recht zu wählen und zu studieren finden heute auch Marokkanerinnen oder Indonesierinnen selbstverständlich. Deutsche Frauen sind noch weiter. Sie wählen zwischen Teilzeit und Vollzeit, einem Jahr Elternzeit oder acht Wochen Mutterschutz. Eine ganze Industrie steht zu ihrem Schutz und ihrer Förderung parat: Frauen werden von Gleichstellungsbeauftragten behütet, in Power-Seminaren gecoacht, von Arbeitgebern „bei gleicher Eignung bevorzugt“ und in manchen Konzernen schon per Quote an die Spitze geschleift. Kommt es ganz dicke, dürfen Frauen klagen: gegen ungleiche Gehälter, diskriminierende Absagen auf Bewerbungen und sexistische Witze in der Teeküche.

Müsste das Frauenlager, das beharrlich zum Kampf gegen „Verhältnisse“ und „Strukturen“ bläst, nicht langsam das Feld räumen zugunsten der Bascha Mikas? Angesichts so weniger Hürden und so viel Hilfe gerät die Fraktion „Man lässt uns nicht“ ein bisschen ins Schleudern im Wettstreit mit dem Team „Ihr seid zu feige.“ Aber allein die nackten Zahlen halten den Disput am Leben: 185 Dax-Vorstände, davon 181 Männer. Sechs Prozent Führungsfrauen in Großunternehmen mit mehr als 20 Millionen Euro Umsatz. Eine Lücke von 23 Prozent zwischen den Gehältern von Männlein und Weiblein. Alles die feigen Frauen schuld? „Seit den siebziger Jahren sind Hürden für den Aufstieg der Frauen nicht mehr sichtbar“, sagt der Wirtschaftshistoriker Ulrich Pfister von der Universität Münster. „So gerät ihre Existenz zur Glaubensfrage, und die Debatte um Chancengleichheit wird persönlicher und ideologischer.“ Das erleichtert es den Parteien im Feminismusstreit, die Position zu halten. Und die Debatte wird unsterblich.

Pfister zählt übrigens zu den Anhängern der Theorie, dass rechtliche und ökonomische Strukturen die Frauen bremsen. „Mit Verlaub“, sagt der gebürtige Schweizer sanft: „So feige können deutsche Frauen doch gar nicht sein, dass sie so umfassend unterrepräsentiert sind.“ Steuerliche Fehlanreize, mangelnde Kinderbetreuung, tief verwurzelte Rollenbilder und Vorurteile, zählt Pfister als Hindernisse auf.

Die Gegenseite hält es mit Seneca: „Es sind deine Fehler, die du für die Umstände hältst.“ Nur acht Prozent der Karrierefrauen profitierten von Frauenförderprogrammen, hat die BWL-Professorin Sonja Bischoff herausgefunden. Der Rest war des eigenen Glückes Schmied(in). Und fährt jetzt doppelte Ernte ein – Erfolg im Beruf und Erfolg bei der Vermarktung des selbstgemachten Erfolgs, auf Podien oder eben in Büchern.

Wer sich für das Erfolgsrezept à la Mika interessiert, muss nicht nach Pfullingen fahren, sondern nur zum Internet-Buchhändler Amazon surfen: „Das dämliche Geschlecht“ heißt ein Buch von Barbara Bierach von 2006. Die These: „Die akademisch vorgebildete Weiberschaft könnte längst die Hälfte der Chefsessel unter dem Hintern haben, wenn sie endlich handelte.“ Verkaufspreis: ab 0,01 Euro (plus Versandkosten).

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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