http://www.faz.net/-gqe-7zbf9

Einwanderungsvorbild : Der Mythos Kanada

Chinatown in Toronto: Kanada setzt auf die Einwanderung. Bild: Picture-Alliance

Deutsche Politiker loben das kanadische Zuwanderungspunktesystem als strahlendes Vorbild. Kanada selbst hat sich gerade ziemlich ernüchtert davon verabschiedet.

          Außerhalb Kanadas finden sich fast nur gute Worte für die Einwanderungspolitik des nordamerikanischen Landes. Deutsche Spitzenpolitiker wetteifern geradezu darin, Kanada als Vorbild herauszustellen. Ernüchtert durch Fehlentwicklungen hat Kanada selbst allerdings sein Immigrationssystem jüngst umfassend geändert. Das alte Punktesystem hat nicht mehr funktioniert. Seit Jahresbeginn gilt ein neues. Wie lobenswert es ist, weiß noch keiner. Es fehlt die Erfahrung.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Was gerade deutsche Politiker so reizvoll an Kanadas Ansatz empfinden, ist das klare Bekenntnis des Landes, die Einwanderung steuern zu wollen nach den wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnissen des Landes. Daran hat sich auch mit der Reform nichts geändert. Das Prinzip bleibt. Es soll kommen, wer dem Land weiterhilft. Ein deutlich kleineres Kontingent ist darüber hinaus für Flüchtlinge reserviert und für Familienangehörige von Immigranten, die schon in Kanada arbeiten.

          Kanada erntet Lob, weil es dem Land in der Vergangenheit gelang, besonders qualifizierte Personen ins Land zu holen. Nach einer OECD-Studie haben tatsächlich 52 Prozent der Immigranten einen Hochschulabschluss. Diplome brachten hohe Punktezahlen im alten Bewerbungsprozess.

          Einwanderer haben weniger Arbeit

          Allerdings hat sich herausgestellt, dass die kanadischen Arbeitgeber die internationalen Abschlüsse längst nicht immer respektieren: aus Ignoranz, Borniertheit, weil die Gewerkschaften ihre Klientel vor Konkurrenz schützen wollen oder aus Realitätssinn. Die Ursachen sind vielschichtig. Das Resultat ist das gleiche: überqualifizierte Jobber, wohin das Auge blickt.

          Der indische Ingenieur, der sich als Taxifahrer oder Fladenbrotbäcker durchschlägt, obwohl er nach seiner Papierform geradezu perfekt den Fachkräftemangel hätte ausgleichen können, gehört zu den klassischen Narrativen der kanadischen Immigration. Und er ist kein Klischee. Die Probleme spiegeln sich in der kanadischen Arbeitslosenstatistik.

          Von den Personen mit Universitätsabschluss, die in den vergangenen fünf Jahren nach Kanada gekommen sind, sind 12 Prozent arbeitslos. In der kanadischen Gesamtbevölkerung liegt die Arbeitslosenquote für Akademiker dagegen mit 4,6 Prozent nahe der Vollbeschäftigung.

          Kanada nähert sich Deutschland an

          Noch etwas ist an der Kennziffer bemerkenswert. Sie unterscheidet sich nicht nennenswert von den Arbeitslosenquoten der Immigranten mit schlechteren Abschlüssen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Immigranten ohne weiterführende Bildung in Kanada eine Arbeit finden, ist genauso groß wie für Akademiker. Ein Diplom bringt im Moment am kanadischen Arbeitsmarkt keinen Vorteil.

          Die Zahlen zeigen aber noch etwas anderes: Kanada hat entgegen den romantischen Vorstellungen generell ein Problem, seine Immigranten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Für die Gesamtbevölkerung weisen Statistiker eine Arbeitslosenquote von 5,8 Prozent aus, die Quote für Immigranten, die weniger als fünf Jahren im Land sind, ist doppelt so hoch.

          Allerdings hat das Land auf diese schweren Fehlentwicklungen und die mangelnde Erdung des Systems im Arbeitsmarkt reagiert mit einem System, das sich der deutschen Methode annähert. Es gibt keine Quoten mehr für bestimmte Berufsgruppen, dafür aber wird es zu einem der wichtigsten Kriterien für die Immigranten, dass sie eine Jobofferte vorweisen können. Kanada hat nun ein komplett neues Punktesystem entworfen, das alte Schwächen abstellen soll. Sprachkenntnisse in Englisch oder Französisch haben ein größeres Gewicht als früher. Internationale Abschlüsse werden noch einmal eigens geprüft, ob sie auf kanadische Verhältnisse gut vorbereiten, Arbeitserfahrung zählt.

          Bewerber sollen nicht mehr so lange warten

          Die klassischen Kontingente sind abgeschafft. Sie hatten aus Kanadas Sicht den Nachteil, dass hochqualifizierte gefragte Bewerber nur deshalb abgewiesen wurden, weil das Kontingent erschöpft war. Das Entscheidende am neuen System ist aber ein Arbeitsplatzangebot. Und schließlich sollen Leute nicht mehr jahrelang auf das Ergebnis warten müssen.

          Interessenten erstellen seit Januar über die Website des Einwanderungsministeriums ein eigenes Profil mit allen sachdienlichen Angaben. Auf diese Profile haben die kanadischen Arbeitgeber Zugriff. Sie können darüber einem Kandidaten ein Arbeitsangebot machen, wenn sie keinen geeigneten Einheimischen finden. Ein Angebot bringt fast die Hälfte der Punktzahl. Auch Provinzregierungen können eigene Kandidaten aus dem Pool nominieren, um Arbeitskräftemangel in abgelegenen Gegenden zu beheben.

          Neben diesem neuen Verfahren gibt es noch besondere Einwanderungs-Programme für Unternehmer, Farmer, Investoren, Unternehmensgründer, Athleten, Künstler und Pflegepersonal. Die Provinz Quebec hat ihr eigenes Einwanderungsverfahren, das französisch sprechenden Bewerbern gute Chancen gibt.

          Wenn es auch keine Kontingente mehr für bestimmte Berufsgruppen gibt, so will Kanada jedes Jahr nur eine begrenzte Gesamtzahl an Immigranten ins Land lassen, im Moment rund 230.000 bis 250000 im Jahr. Damit ist Kanada immer noch eines der großen Einwanderungsländer. Das soll auch aus der Sicht der kanadischen Politik so bleiben.

          Und noch etwas nehmen sich die kanadischen Politiker heraus: Sie passen die Immigrationsgesetze regelmäßig an neue Gegebenheiten an.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Melania Trump trifft Prinz Harry Video-Seite öffnen

          Auslandsreise : Melania Trump trifft Prinz Harry

          Anlässlich der „Invictus Games“ in Kanada, hat sich Melania Trump auf ihrem ersten Solo-Auslandsbesuch seit dem Amtsantritt ihres Mannes mit dem britischen Prinz Harry getroffen.

          Topmeldungen

          Bereits bei Wahlkampfauftritten der Kanzlerin hatte es in Sachsen massive Proteste gegen Merkel gegeben.

          AfD-Hochburg : Das macht ihnen Angst

          Nirgends ist die AfD so stark wie in Ostsachsen. Manche fühlen sich dort von der Politik vergessen. Doch das sind nicht nur zornige alte Männer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.