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Jugendproteste Aufstand im Sitzen

04.06.2011 ·  Der Einbruch am Immobilienmarkt und die Finanzkrise haben viele junge Spanier verstört. Politik und Wirtschaft haben ihnen gegenwärtig keine rosigen Perspektiven aufzuzeigen. Jetzt protestiert die „verlorene Generation“.

Von Leo Wieland
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Ein verführerisches Gerücht ging um. Es war Februar und Angela Merkel, in den spanischen Medien die „allmächtige Bundeskanzlerin“ genannt, bereitete einen Besuch in Madrid vor. Es war also lange bevor die „Gurkenkrise“ das Verhältnis der beiden Länder bakteriell und politisch belastete, dass junge Spanier aus dem Norden endlich eine „gute Nachricht“ zu hören glaubten. Frau Merkel, so wurde nämlich gemeldet, werde Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero als Morgengabe 50.000 oder gar 100.000 Arbeitsplätze für sie anbieten.

Die Enkel jener Großväter, die in den sechziger Jahren dem Ruf „Pepe, geh‘ nach Deutschland!“ gefolgt waren, merkten auf. Einige reisten gar aus der Provinz nach Madrid, um sich dort vor der deutschen Botschaft „in die Schlange zu stellen“. Aber es gab dort keine Schlange. Die Diplomaten mussten vielmehr erklären, dass sie kein Arbeitsamt seien und im übrigen in der Europäischen Union längst Freizügigkeit herrsche. Junge Spanier könnten ohne Mühe in Deutschland einen Job suchen. Die Voraussetzungen seien aber Qualifikation und auch hinreichende Sprachkenntnisse.

Die ersten Opfer

Das aufgeflammte Interesse war ein Symptom, und ein verständliches dazu. Spanien, das während der „goldenen Jahre“ bis zum Beginn der Krise 2008 zuletzt jährlich mehr Arbeitsplätze geschaffen hatte, als die drei Großen der EU - Deutschland, Frankreich und Großbritannien - zusammen, hatte einen nicht minder drastischen Einbruch erlebt. Die Arbeitslosigkeit war abrupt auf über 20 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung, bei Jugendlichen sogar über 40 Prozent gestiegen. Das war und ist unverändert das Doppelte des EU-Durchschnitts, wo Spanien plötzlich ein Drittel aller Beschäftigungslosen des Euroraums beherbergt.

Als die hausgemachte Immobilienblase platzte und die internationale Finanzkrise als zusätzliche Plage über eine ziemlich ratlose sozialistische Regierung hereinbrach, wurde aus einer verwöhnten unversehens eine „verlorene Generation“. Die Kinder einer prosperierenden Mittelschicht, für die es nahezu zwei Jahrzehnte kontinuierlich aufwärts gegangen war, hatten zuvor am eigenen Leib nicht den Hauch einer Krise erlebt. Es ging ihnen gut. Auf dem Bau oder in der Dienstleistungsindustrie war immer ein anständig bezahlter Job auch bei minimalen Kenntnissen zu finden, so dass die Anreize zu Studium und Berufsausbildung gelitten hatten. Nun waren sie die ersten Opfer.

Während ältere, gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer von gusseisernen Verträgen profitierten, begann für die Jungen der Abstieg in die befristete oder ganz vertragslose Zeit der Gelegenheitsjobs. Aus Gutverdienern wurden erst „Mileuristas“, die es in der Schattenwirtschaft noch auf 1000 Euro im Monat brachten, und dann kam für nahezu die Hälfte der bis zu 28 Jahre alten der Stillstand.

Ihr Leben änderte sich gleichwohl nicht grundsätzlich, weil die Familie in Spanien ihr soziales Netz auch dann aufgespannt hält, wenn der Staat in Finanznot die Arbeitslosenhilfen nicht mehr zahlen kann. Viele Jugendliche blieben einfach, wo sie schon waren: zuhause. Kost und Logis waren frei. Die Eltern zahlten ein Taschengeld „für Disko, Joint und Bier“ und notfalls auch die Hypothek für eine angezahlte Wohnung des Nachwuchses. Hochzeiten, Familiengründungen, Kinder - das alles wurde aufgeschoben.

„Keinerlei Programm“ für den Rest ihres Lebens

Der Fall aus den Wolken brachte zutage, dass die jetzt „verloren“ genannte Generation zuvor eine von „Ni-Nis“ gewesen war. Das heißt, dass ein guter Teil, nämlich ein Fünftel der 16 bis 24 Jahre alten Spanier, weder lernen noch arbeiten wollte, dennoch aber mit dem Leben außerordentlich zufrieden war. Die Soziologen und Statistiker überraschten das Land zusätzlich mit Studien, wonach mehr als die Hälfte der zwischen 18 und 34 Jahre alten Spanier außer Unterhaltung und Freizeit „keinerlei Programm“ für den Rest ihres Lebens hätte und auch keine besonderen Interessen äußerten. Nur in Italien, so errechneten sie, sei dieses Niveau ähnlich hoch.

Das Bild beginnt sich indes im vierten Krisenjahr zu verändern. Weil zuhause auch zahlreiche Eltern die Arbeit verloren und den Nachwuchs nicht mehr so mühelos wie zuvor alimentieren konnten, wuchsen der Druck und das Krisenbewusstsein. Die Nachfrage nach Fortbildungskursen stieg und eine neue Emigration ist in vollem Gange. Von den am besten ausgebildeten jungen Spaniern hat in den letzten drei Jahren schon rund eine Viertelmillion das Weite gesucht. Junge Ingenieure, Ärzte, Architekten, Informatiker und Forscher, die über Sprachkenntnisse verfügen, haben sich auf den Weg in andere EU-Länder, nach Nordamerika, Brasilien und - hier vorteilhaft im eigenen Idiom - Lateinamerika gemacht. Dass die besten „Pepes“ wieder das Land verlassen, ist für Spanien in ohnehin prekären Zeiten, ein zusätzlicher Aderlass.

Echte Probleme für ihre Nachbarn

Zuhause brach derweil aus, was die angelsächsischen Medien die „Spanish Revolution“ zu nennen pflegen. Sie datiert vom 15. Mai, nimmt sich ein Beispiel an der „Arabellion“ und möchte sie in eine „Eurebellion“ verwandeln. Eine Woche vor den Kommunal- und Regionalwahlen, die am 22. Mai für die regierende Sozialistische Partei mit einem Debakel endete, versammelten sich frustrierte Jugendliche zum ersten Mal an der Madrider Puerta del Sol, schlugen dort ihre Zelte auf und begannen über ihr Los zu debattieren. Es war zunächst eine friedliche und disziplinierte Übung einer Gruppe, die „echte Demokratie jetzt“ verlangte und sich die „Empörten“ nannten. Die Bewegung griff rasch auf andere spanische Großstädte über und führte sogar zu Sympathiekundgebungen von Paris über Brüssel bis nach Berlin.

Inzwischen sind drei Wochen vergangen und aus der eingangs erfrischend unideologischen Diskussion von im Selbstbild Unpolitischen und Unparteiischen ist eine Plage für die Anrainer geworden. Denn die „Basisdemokraten“, die sich zunehmend der Sektierersprache der „Systemgegner“ bedienen, von solchen „infiltriert“ wurden und sich in endlosen Palavern mit Urabstimmungen über höchst diffuse Programmpunkte, Ziele und Möglichkeiten der Verwirklichung zu verlieren drohen, haben statt echter Demokratie echte Probleme für ihre Nachbarn geschaffen.

Die Behörden zögern

In Madrid und Barcelona klagen die Ladenbesitzer in den kritischen Zonen über Umsatzeinbrüche von bis zu 80 Prozent und das Gaststätten- und Hotelgewerbe um Rückgänge von bis zu 40 Prozent. Die Lotterieverkäufer bleiben auf ihren Losen und die Eiscafés auf ihrem Eis sitzen. Während die großen Kaufhäuser der Belagerung stoisch standhalten, geht die Näherin aus ihrem Häuschen früher nach Hause, und sogar die Prostituierten in der nahen Calle de Montera klagen über mangelnde „Laufkundschaft“. Alle Betroffenen fordern daher unter anderem mit Hinweis auf die „hygienischen Verhältnisse“ in den besetzten Gebieten - fehlende Toiletten und Waschgelegenheiten, Flöhe und Wanzen - eine Räumung durch die Polizei. Diese machte in Barcelona einen gleichermaßen brutalen wie missglückten Versuch, der nur zu neuer Solidarisierung führte. In Madrid, wo die „Empörten“ einen allmählichen Auszug in die Stadtviertel erwägen, zögern die Behörden mit einem Eingreifen. Nur die Stadtreinigung darf zwischendurch den Platz saubermachen, der mitunter auch willig von Jugendlichen selbst gefegt wird.

Der Aufstand im Sitzen hat dezidierte „Antisystem“-Züge angenommen. Es geht bei den Debatten und Abstimmungen zunehmend nicht mehr um Tun, sondern um Haben. Das politische Establishment, das nach den Wahlen eigentlich weniger Rücksichten auf den ihm und vielen Bürgern lästigen Jugendprotest nehmen möchte, findet bei denen, die gern mit dem Kochgeschirr klappern, kein Gehör. Nur die grün-kommunistische Vereinigte Linke versucht sich noch mit antikapitalistischen Parolen anzubiedern. Ihre „ausgestreckte Hand“ hat bislang aber niemand ergriffen.

Keine rosigen Perspektiven

Die Politik hat bei dieser Generation querbeet durch alle Parteien ein enormes Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsdefizit. Zwei Drittel der jungen Spanier geben an, dass die Gewählten „zuhauf korrupt“ seien, üblicherweise „ihre persönlichen Interessen vor die der Bevölkerung stellen“ und dass die Politik „mit uns nichts zu tun hat“. Der Slogan „Wir sind nicht gegen das System - das System ist gegen uns“ drückt dieses Gefühl am besten aus.

Politik und Wirtschaft haben Spaniens Jungen gegenwärtig keine rosigen Perspektiven aufzuzeigen. Der einzige Lichtblick auf dem Arbeitsmarkt ist die Tourismusbranche, wo durch den Ansturm auf die Kanaren und Balearen durch Gäste, die gegenwärtig Ägypten, Tunesien oder auch Marokko meiden, in diesem Frühjahr rund 100.000 Jobs geschaffen wurden. Insgesamt verspricht das Wirtschaftswachstum mit weniger als ein Prozent in diesem Jahr aber anämisch zu bleiben.

Zugleich zwingen finanzielle Konsolidierung und Haushaltssanierung die Regierung Zapatero und auch ihre Nachfolgerin - gewählt wird spätestens im März 2012 - zu schmerzlichen Anpassungen. Die Reformen, die mit einer Lockerung des Arbeitsmarktes neue Chancen für Jugendliche bringen sollen, werden erst mittelfristig spürbar werden. Bis dahin könnte die Schattenwirtschaft, die in dieser Woche in einer Studie der Stiftung der Sparkassen mit einem Viertel des spanischen Bruttoinlandsprodukts angegeben wurde, noch weiter wachsen und eine entmutigte Generation, die von der Hand in den Mund lebt, den Institutionen, der Steuermoral und allem politischen Engagement weiter entfremden. So sind die Szenen von den folkloristischen, aber bislang konkret folgenlosen Sit-ins der spanischen Innenstädte auch Ausdruck einer nationalen Niederlage.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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