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Jürgen Trittin Der Steuermann

 ·  Der grüne Spitzenkandidat macht jetzt in Finanzen. Sein Steuerkonzept zielt auf die Reichen. Dazu zählt, wer mehr als 80.000 Euro verdient.

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© Daniel Pilar Jürgen Trittin auf dem Weg auf die Parteitagsbühne.

Er steht am späten Vormittag in Berlin allein auf dem Bahnsteig, im modischen grauen Wollanzug, mit blauem Hemd und Krawatte. Ohne Mantel trotz klirrender Kälte, dafür mit einem silberfarbenen Rollkoffer. Einer der zahlreichen Geschäftsleute, Lobbyisten oder Beamten, würde man denken, die jeden Freitag zwischen der Hauptstadt und Westdeutschland pendeln. Wäre einem das Gesicht nicht seit Jahrzehnten ziemlich gut bekannt.

Jürgen Trittin ist auf dem Weg zum Grünen-Parteitag in Hannover, er kommt gerade von einem Führungstreffen mit Wirtschaftsleuten aus dem Hotel Adlon. Bei solchen Veranstaltungen redet er jetzt öfter, seit Unternehmer und Verbände in ihm den möglichen grünen Finanzminister sehen. Er habe den versammelten Wirtschaftsleuten vorgerechnet, frohlockt Trittin, dass Deutschland seit der Energiewende so viel Strom exportiere wie nie. Weil er so billig sei. Das liege natürlich daran, dass er, Trittin, in seiner Amtszeit als Umweltminister die Förderung der erneuerbaren Energien angestoßen habe. Geglaubt haben es seine Zuhörer nicht.

Früher war er beim Kommunistischen Bund. Jetzt trifft er sich mit dem Ex-RWE-Chef

Auch mit dem RWE-Pensionär Jürgen Großmann hat er sich neulich getroffen, zum Essen in dessen Osnabrücker Gourmet-Restaurant. Früher konnte man sich keinen größeren Gegensatz vorstellen: hier der oberste aller Atombosse, dort der Grüne, der einst den ersten Atomausstieg verhandelte. Inzwischen aber fühlt sich Großmann von ganz anderen verlassen, und Trittin gibt gern den Staatsmann. Auch Großmann beziehe den Strom für sein Stahlwerk längst nicht mehr beim alten Arbeitgeber RWE, feixt Trittin auf dem Bahnsteig.

Dann kommt der ICE, der Trittin nach Hannover bringen soll. Er wird sich dort bejubeln lassen. Gerade ist er mit 72 Prozent der grünen Mitgliederstimmen zum Spitzenkandidaten für die nächste Bundestagswahl bestimmt worden. In Bezug auf seine Person war es eigentlich gar keine Abstimmung, sondern eine Akklamation. Um den Platz neben ihn stritten drei Parteifreundinnen. Dass ausgerechnet Katrin Göring-Eckardt gewann, die sich in dem Rennen selbst als Außenseiterin sah, kostete Trittin ein bisschen Aufmerksamkeit. Aber das kann er verschmerzen. Auf dem Parteitag ist die Welt dann wieder in Ordnung: Da redet erst die leise Göring-Eckardt, als sei sie bloß die Vorgruppe. Dann donnert Trittin.

Zielstrebig hat er die Grünen auf seine Karrierepläne ausgerichtet

Seine neue Rolle als grüner Staatsmann hat viel mit seinem Gespür für Themen zu tun, bei denen man nie weiß, ob er sie aus Überzeugung aufgreift oder aus strategischem Kalkül. Nachdem er 2005 das Amt des Umweltministers verlor, stürzte er sich zuerst auf die Außenpolitik. Er dachte, dort liege der Schlüssel zu Joschka Fischers Erbe. Dann kam die Euro-Krise und der Absturz Guido Westerwelles. Trittin begriff, dass die große Politik längst nicht mehr im Außenamt spielt. Es ist der Finanzminister, der mit seinen europäischen Amtskollegen über die Zukunft der Gemeinschaftswährung verhandelt oder zu internationalen Gipfeltreffen fliegt. Er kann in Steuerfragen seinen Daumen heben oder senken.

Zielstrebig hat Trittin die Grünen auf seine Karrierewünsche ausgerichtet. Er sorgte für ein Steuerkonzept, das viel präziser durchgerechnet ist als das der SPD. Er kämpft gegen Vorschläge, die er für nicht finanzierbar hält. Anders als die SPD will er an der Rente mit 67 festhalten. Und als die angeblich so realpolitische Göring-Eckardt für arme Kinder mehr Geld ausgeben wollte, pfiff er sie sogleich zurück.

Inzwischen sind die Grünen Angela Merkels verlässlichste Stütze in der Eurorettung

Heraus kam ein finanzpolitisches Konzept, das die Grünen schon vor einem Jahr beschlossen haben. Sie wollen einen Spitzensteuersatz von 49 Prozent, der aber schon ab 80.000 Euro greifen soll und nicht erst ab 100.000 Euro wie bei der SPD. Sie wollen mit einer Vermögensabgabe die Schulden abbauen, die durch die Bankenrettung entstanden sind. Im Vergleich zur rot-grünen Regierungszeit klingt das wie eine scharfe Linkswende, im Vergleich zu den Plänen von Peer Steinbrücks SPD eher moderat. Die Vermögensabgabe wollen die Grünen nur von Betrieben kassieren, die Gewinne machen. Den Vorschlag nannte Steinbrück, als er noch nicht Kandidat war, „interessant“.

Am Dienstag war Trittin in Brüssel, „zu politischen Gesprächen“, wie es gerne auch bei Regierungschefs heißt. Vormittags empfing ihn im Berlaymont-Hochhaus der Kommissionspräsident José Manuel Barroso, nachmittags traf er im Gebäude gegenüber den Ratspräsidenten Herman Van Rompuy. Der starke Mann der deutschen Grünen ist eine Person, die man in Brüssel wichtig nimmt. Denn seine Fraktion ist die verlässlichste Stütze der Kanzlerin, wenn wieder mal ein Rettungspaket das Parlament des größten Geberlands passieren muss.

Jetzt setzt er sich mit der steuerlichen Behandlung von Betriebsvermögen auseinander

Als Trittin einst zu den Grünen ging, lästerten seine alten Kampfgefährten vom Kommunistischen Bund, dort rede man ja sowieso nur über Gedöns wie Bürgerrechte, Atom und Frauenpolitik. Das Finanzielle war der Partei in ihren Anfängen tatsächlich eher gleichgültig. Der klassische Grünen-Wähler hätte spontan nicht sagen können, wie viel er im Monat ans Finanzamt oder an die Krankenkasse zahlt. Sich über derlei Dinge zu erregen, galt als spießig. Auch Trittin hätte es sich nicht träumen lassen, dass er sich eines Tages mit der steuerlichen Behandlung von Betriebsvermögen auseinandersetzt.

Das Feld lag brach, Spitzengrüne wie Trittin interessierten sich dafür nicht. Die Lücke besetzten dann Leute wie der Schwabe Oswald Metzger, die mit Umverteilung nichts am Hut hatten. Das hat sich geändert, nicht nur bei den Grünen, sondern auch in der Gesellschaft. Dass sich die Mehrheit der grünen Mitglieder nach parteiinternen Umfragen angeblich weit „links“ verortet und die Partei sich „in der Mitte“ sieht - das ist für Trittin kein Widerspruch. Vier von fünf Deutschen seien für mehr Umweltschutz, für mehr sozialen Ausgleich oder für die volle Gleichstellung der Homo-Ehe, rechnet er in seiner Parteitagsrede vor. „Das ist die Mitte in Deutschland, es ist eine linke Mitte, es ist die grüne Mitte!“, ruft er in den Saal; die Krawatte aus dem Hotel Adlon hat er mittlerweile abgelegt. „Wer das nicht will, der steht nicht in der Mitte, der steht rechts von der Mitte.“

„Was Frau Merkel macht, ist schäbig“

Ein besonderer Spaß ist es für den neuen grünen Staatsmann, sich über die Stil der amtierenden Regierung zu erheben. „Das ist nicht bürgerlich, das ist schäbig, was Frau Merkel macht“, sagt er. Gegen die schamlose Klientelpolitik wettert er, gegen Steuergeschenke für Hoteliers und Strompreisrabatte für energieintensive Branchen. „Wir wollen diese Schäbigkeit beenden.“ Mit seiner harschen Rhetorik gegen die Kanzlerin will Trittin die Schwarz-Grün-Debatte beenden, die durch den Urwahl-Triumph Göring-Eckardts neue Nahrung fand.

Aber ist das ein hartes Dementi? Zu bürgerlichen Werten kann man eine Kanzlerin auch in einer Koalition erziehen. Trittin hat mit Wolfgang Schäuble schon öffentlich über schwarz-grüne Optionen diskutiert, als der CDU-Politiker noch Innenminister war und für die Grünen das Feindbild schlechthin.

„Griechenland braucht mehr Zeit“

Inzwischen gibt es in der Regierung niemanden, mit dem die Grünen so viele Positionen teilen wie mit dem Finanzminister, den der Spitzenkandidat so gern beerben möchte. Schäuble sei aber „nicht die CDU und schon gar nicht die CSU“, betont Trittin vorsichtshalber. Und wenn die Kanzlerin sich den Positionen des Finanzministers annähert, dann hilft er auch Angela Merkel. Wenn der Bundestag womöglich schon kommende Woche über eine neue Hilfstranche für Griechenland abstimmt, wollen die Grünen wieder an ihrer Seite sein. „Wir haben immer gesagt, dass Griechenland mehr Zeit braucht“, sagt Trittin. „Und mehr Zeit bedeutet mehr Geld. Da können wir nicht plötzlich behaupten, wir seien dagegen.“

In solchen Fragen genießt Trittin bei den Grünen inzwischen ziemlich viel Beinfreiheit. Nach außen hart, nach innen eher weich: Auch darin sehen Leute, die ihn näher kennen, eine Ähnlichkeit mit Steinbrück - dem SPD-Kandidaten, der den Grünen kulturell so fern scheint, nicht nur wegen seiner Nebentätigkeiten. Was den Habitus angeht, ist der „Linke“ Trittin von der Basis viel weiter entfernt als die „Rechte“ Göring-Eckardt.

Das zeigt sich, als die beiden im Triumphzug das Podium der Parteitagshalle erklimmen. Trittin reckt die Arme in die Höhe, winkt, feiert sich selbst. Dann macht Göring-Eckardt eine Geste, mit der ihr Gefährte nicht gerechnet hat. Sie streckt die Arme nach vorne, deutet auf die Delegierten: Es geht nicht um mich, soll das wohl heißen, die wahren Gewinner dieser Urwahl seid ihr selbst. So viel Kollektivismus ist Trittin eher fremd. Es dauert ein paar Sekunden, bis er sich besinnt. Und die Geste Göring-Eckardts imitiert.

Der Mensch und das Amt

Jürgen Trittin, 1954 in Bremen geboren, hat Sozialwissenschaften studiert und war als Student im Kommunistischen Bund (KB) aktiv, bevor er in den achtziger Jahren Mitglied bei den Grünen wurde. Zweimal war er Minister unter Gerhard Schröder: Von 1990 bis 1994 verantwortete er in der Landesregierung von Niedersachsen die Kontakte nach Bonn und Brüssel, von 1998 bis 2005 führte er im Bund das Umweltressort. In Trittins Amtszeit im Umweltministerium fielen Atomausstieg und Dosenpfand. Sein Privatleben schirmt Trittin strikt ab: Zuletzt ging er juristisch gegen eine Zeitschrift vor, die ein Foto von seiner Mutter und seiner Lebensgefährtin abdruckte.

Der Finanzminister. Traditionell hat bei Koalitionsverhandlungen die Regierungspartei, die nicht den Kanzler stellt, den ersten Zugriff auf ein Ressort ihrer Wahl. Sollten die Grünen mit der SPD oder auch den Unionsparteien eine Regierung bilden, wird die Wahl ihres Spitzenkandidaten und bisherigen Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin wohl auf das Finanzressort fallen. Nirgends sonst lässt sich auf die Europapolitik wie auch auf die großen Linien der Innenpolitik so viel Einfluss nehmen. Die FDP, die sich 2009 lieber fürs Auswärtige Amt entschied, musste das schmerzlich erfahren: Weder in der Steuerpolitik noch in der Euro-Krise konnte sie ihre Vorstellungen umsetzen.

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Jahrgang 1969, Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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