14.12.2009 · Österreichs Finanzminister Josef Pröll wählt mit der Rettung der Hypo das kleinere Übel. Im Feilschen um die Aufteilung der Kosten der teuren Rettungsaktion hat er geschickt taktiert.
Von Michaela SeiserSeine nach zwei Jahrzehnten nachgeholte Hochzeitsreise nach Mauritius hat sich Josef Pröll anders vorgestellt. Schon lange geplant, fiel sie mitten in die Turbulenzen um die Rettung der notleidenden Hypo Group Alpe Adria, des sechstgrößten Geldhauses Österreichs. Vorige Woche ist er nach Wien zurückgekehrt. Österreichs Finanzminister sprach nach den nächtlichen Verhandlungen am Montag von der schwierigsten Situation, die es für die Bankenlandschaft in den vergangenen Jahrzehnten gegeben habe.
Dieser Befund ist für Beobachter ein Widerspruch zu seinen privaten Reiseaktivitäten, die ihm Befremden in Kreisen der Bayern LB, dem Haupteigentümer des maroden Finanzinstituts, eingetragen haben. Der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) sagte am Wochenende: „Ich werde zuerst einmal dem Kollegen Pröll ganz herzlich zu zwanzig Jahren erfolgreicher Ehe gratulieren.“ Das wurde von österreichischer Seite als Affront gewertet. Nicht von Pröll selbst, er kommt mit Fahrenschon gut aus.
Im Feilschen um die Aufteilung der Kosten der teuren Rettungsaktion hat Pröll geschickt taktiert, wenngleich die Verstaatlichung den österreichischen Steuerzahler noch sehr belasten dürfte. Doch dürfte es im Vergleich mit den Folgen einer Insolvenz das kleinere Übel sein. Die Rettung der Hypo ist der vorläufige Höhepunkt für Pröll als Finanzminister. Das Amt hat er vor einem Jahr in der Koalitionsregierung von SPÖ und ÖVP angetreten. Bisherige Bewährungsproben hat der 41 Jahre alte konservative Politiker gut gemeistert. Vor allem haben seine Bemühungen im ersten Quartal des Jahres gefruchtet, internationale Finanzhilfen für Osteuropa zustande zu bringen. Damit hat er wichtige Arbeit für Österreich geleistet. Denn die österreichischen Banken sind der größte Kreditgeber zwischen Wien und Kiew. Viele Länder der Region werden von der Krise hart gebeutelt, was wiederum die Banken der Alpenrepublik trifft.
In sein Amt hat er sich schneller eingearbeitet als von manchen Beobachtern erwartet, die seine Fähigkeiten als früherer Landwirtschaftsminister und Absolvent der Universität für Bodenkultur anzweifelten. Ihn ficht das nicht. Der Bauernsohn spricht dann vom Ernten und Säen, einem landwirtschaftlichen Prinzip, das auch auf volkswirtschaftliche Kreisläufe anzuwenden wäre. Pröll ist das größte politische Talent, das die Volkspartei derzeit aufbieten kann. Bei der Parlamentswahl 2008 schaffte er das beste Landesergebnis für die ÖVP.
Seine politische Laufbahn begann im Bauernbund und wurde lange vom früheren Kanzler Wolfgang Schüssel gefördert. Als er vor sieben Jahren als Landwirtschaftsminister einzog, war die Überraschung groß. Kabinettschef von seinem Vorgänger Wilhelm Molterer war er und dann noch der Neffe des mächtigen niederösterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pröll. Aus dem unbeschriebenen Blatt wurde jedoch vor allem dank einer klugen Medienpolitik und einem durchaus vorhandenen Hang zur Selbstdarstellung rasch eine Art schwarzer Publikumsliebling. „Politisches Trüffelschwein“ wurde der exzellente Netzwerker bald genannt, weil er ein Gespür für Stimmungen haben soll. Zu seinem vierzigsten Geburtstag verglich ihn der einflussreiche Generalanwalt von Raiffeisen Österreich, Christian Konrad, jovial mit einem Frischling, der zum Keiler heranwachse und schließlich zum prächtigen Hauptschwein werde.
Doch Prölls Weg nach oben erwies sich nach dem Anfangsapplaus steinig. Vor allem sein Mentor Schüssel beobachtete den Emporkömmling mit ständig wachsender Skepsis. Als sich Pröll mit einem Perspektivenprogramm nach der Wahlschlappe 2006 positionieren sollte und wollte, war es der Altkanzler, der gemeinsam mit dem konservativen Parteiflügel liberale Gehversuche wie eine Partnerschaft von Gleichgeschlechtlichen verhinderte. Mit dem Fall seines einstigen Förderers und Vorgängers als Finanzminister und Parteivorsitzender, Wilhelm Molterer, nach den vorzeitigen Neuwahlen im September war dennoch Prölls Stunde gekommen.
Pröll gilt bei allem Machtinstinkt, der ihn mit dem sozialdemokratischen Kanzler Werner Faymann verbindet, als bodenständig, humorvoll und gesellig. Mit seiner gutgepflegten Leibesfülle verkörpert er den Typus des im Alpenvorland weitverbreiteten Genussmenschen. Im Vergleich zum Landwirtschaftsressort ist für den Agrarökonomen das bedeutsamere Finanzministerium die größere Herausforderung. Hier kann der dreifache Familienvater nun erstmals zeigen, was er wirklich kann. Anders als andere Politiker verzichtet er dafür nicht ständig auf sein Privatleben. So lässt sich der verspätete Honeymoon erklären.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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