Home
http://www.faz.net/-gqg-71tz5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Jens Weidmann gegen Anleihekäufe Eine Gegenstimme, viele Deutungen

Als Einziger hat Bundesbank-Präsident Jens Weidmann im EZB-Rat gegen die neuen Anleihekäufe gestimmt. Deutsche Kommentatoren sehen ihn isoliert; spanische und italienische polemisieren gegen Deutschland.

© dapd Vergrößern Die EZB-Entscheidung für weitere Anleihekäufe war mit 21 Ja-Stimmen gegen eine einzige Gegenstimme gefallen - die Stimme von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann

Nach der EZB-Richtungsentscheidung für weitere Anleihekäufe unter Auflagen wird die Rolle der Deutschen Bundesbank europaweit heiß diskutiert. Deutsche Kommentatoren sprachen am Freitag von einer Isolation der einstmals mächtigsten Zentralbank Europas im Rat der EZB. Ihm gehören 23 Mitglieder an, die 17 Euro-Notenbankchefs und sechs EZB-Direktoriumsmitglieder.

Philip Plickert Folgen:     Tobias Piller Folgen:   Leo Wieland Folgen:    

Die Entscheidung am Donnerstag war mit 21 Ja-Stimmen gegen die einzige Gegenstimme von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann gefallen; ein Ratsmitglied war abwesend. Zu Beginn der Beratungen waren noch bis zu sieben Ratsmitglieder skeptisch. Am Ende jedoch konnte EZB-Präsident Mario Draghi sie überraschenderweise alle auf seine Seite ziehen - auch den finnischen, den niederländischen, den luxemburgischen und den estnischen Zentralbank-Chef, die Anleihekäufe ebenfalls sehr skeptisch sehen. Selbst das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Jens Asmussen stimmte nicht mit Weidmann, versuchte aber zu vermitteln.

„Die Deutschen fesseln Draghi die Hände“

„Weidmann scheint isoliert“, sagte der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Volker Wieland. Der Geldtheoretiker Manfred Neumann von der Universität Bonn, der auch Doktorvater von Weidmann ist, griff den EZB-Präsidenten und die Bundesregierung an, der er „fehlende klare Unterstützung“ für die Bundesbank vorwarf. „Draghis Aussage, dass alle bis auf einen seinen Vorschlägen zustimmen, ist der Versuch, den Präsidenten der Bundesbank als einen offenbar Unbelehrbaren in die Ecke zu stellen“, sagte Neumann. Dies sei ein Affront. „Wenn sich die Bundesregierung das bieten lässt, wird sie nicht klagen dürfen, wenn die EZB den Euro in monetärer Misswirtschaft versinken lässt“, sagte Neumann.

Ganz anders die Stimmung in Italien und Spanien. Dort wurden in den Medien die Bundesbank und Weidmann als Verhinderer größerer Interventionen angeprangert. „Draghi knickt vor Deutschland ein und versenkt Spanien und Italien“, titelte die spanische Zeitung „El Mundo“. Sie beklagte eine „Nichtentscheidung“ der EZB. „Die Deutschen fesseln Draghi die Hände, Desaster an der Börse“, titelt die italienische rechtspopulistische Zeitung „Libero“, Berlusconis Zeitung „Giornale“ dramatisiert weiter mit der Schlagzeile „Viertes Reich“. Die „Bazooka“ von Draghi sei wegen der Intervention der Deutschen nicht geladen.

EZB-Zentrale © dpa Vergrößern Die EZB hat die Tür zu neuen Anleihekäufen geöffnet - zum Missfallen der Bundesbank

Auch im EZB-Rat würden die Stimmen gewogen und nicht gezählt, schreibt das Wirtschaftsblatt „Il Sole 24 Ore“. Die Leitartiklerin kommt zu dem Urteil, Draghi habe sich als zu teutonisch erwiesen. Die Finanzzeitung „MF“ findet es dagegen ein hoffnungsvolles Zeichen, dass es dem EZB-Präsidenten gelungen sei, seinen Kollegen von der Bundesbank in die Ecke zu stellen. Der in Fachkreisen angesehene Kommentator Angelo De Mattia, früher Bürochef des einstigen italienischen Notenbankgouverneurs Antonio Fazio, sagte im Radio: „Europa ist unmittelbar vor der Überwindung des vertraglichen Verbots für den Kauf von Staatstiteln.“

Die Bundesbank will den Anschein vermeiden, dass der Konflikt mit Draghi eskaliert. Weidmann und Draghi verstünden sich menschlich gut, hieß es im Umfeld der beiden - es gebe nur einen Disput in der Sache. Die „rote Linie“ der Bundesbank seien unbegrenzte Anleihekäufe, hieß es. Auf die Frage, in welchem Umfang die EZB Anleihen kaufen könne, um Risikoprämien zu senken, hat Draghi in der Pressekonferenz am Donnerstag aber betont lässig geantwortet. „Ob begrenzt oder unbegrenzt, wir wissen es noch nicht.“ Sicher sei aber, dass sie so stark interveniere, dass die Wirkung ausreiche.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mayers Weltwirtschaft Italiens Kalkül

Große Eurostaaten werden immer gerettet. Das erspart ihnen Zinsen. Mehr

16.08.2014, 13:01 Uhr | Wirtschaft
Termine des Tages Endlich wieder Fußball

Die Bundesliga hat ihren ersten Spieltag der 52. Saison, das Bundesministerium der Finanzen veröffentlicht den Monatsbericht August und vom Statistischen Bundesamt kommt die jährliche Krankenhausstatistik. Mehr

21.08.2014, 07:28 Uhr | Wirtschaft
Trotz niedrigerer Inflation EZB hält Leitzins auf Rekordtief

Die Inflation ist in der Währungsunion gerade abermals zurück gegangen. Die Währungshüter um Mario Draghi warten aber erst einmal ab und lassen wichtige Zinssätze unverändert. Mehr

07.08.2014, 14:01 Uhr | Wirtschaft

Die Gewerkschaften und die Macht

Von Kerstin Schwenn

Für die Bahn ist ein Streik wie einst 2007/08 ein Schreckensszenario. Doch die Gewerkschaften sollten nicht vergessen: Sie könnten ihre Macht auch überreizen. Mehr


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Deutschland, Telekom-Entwicklungsland

Die digitale Agenda ist offenbar wirklich nötig: Die Telekommunikationsbranche trägt hierzulande nur 2,25 Prozent zum BIP bei - weniger als etwa in Spanien, Frankreich oder Italien. Mehr 1